Die Geschichte vom Magnetberg - MÄRCHEN AUS 1001 NACHT

Vor der großen Moschee von Bagdad sahen die Gläubigen Tag für Tag einen Lastträger, dessen Haar und Bart war geschoren und an des linken Auges Stelle trug er eine schwarze Binde. Eines Tages nahte sich ihm, wiegenden Ganges und anmutig in den Hüften, eine schöne junge Frau, schlug ihren Schleier zurück und sagte: "Nimm dies Paket; es enthält Oliven und Safranblüten, Schlangenkraut und Syrerkäse. Und folge mir zu meinem Hause."

Als sie dort angekommen waren, lud sie ihn ein, sich zu lagern auf einem Ruhebett, lächelte ihm zu und sprach: "Ich sehe dir an, dass du ein Fremder bist und dass die Sonne Bagdads die Bahn deiner Kindheit nicht beschien. Willst du mir nicht erzählen, aus welchem Lande du kommst und auf welche Weise du dein Auge verlorst? War es im Krieg oder war's eine Krankheit?"

Der Lastträger erwiderte: "Nein! Ich selber bin schuld daran. Aber das ist eine sonderbare Geschichte." "Das dachte ich mir", sagte die Dame, "willst du sie mir erzählen? Denn wisse, dass ich dir gerne zuhöre und dass ich erfahren möchte, wer du eigentlich bist." "So höre", sagte der Lastträger und begann zu erzählen.

Mein Name ist Adschib, Sohn des Kassib. Einst war dieser Name berühmt. Denn ich war ein König und eines Königs Sohn und überdies ein Gelehrter. Ich las die heiligen Bücher; ich kenne die Sterne und kenne die Dichter. Als mein Vater starb und ich den Thron bestieg, trachtete ich nach Weisheit und Gerechtigkeit, und ich herrschte freundlich und tat Gutes meinen Untertanen. Doch hatte ich eine große Vorliebe für Reisen zur See, denn meine Hauptstadt lag am Ufer des Meeres. Fern überm Meer aber lagen Inseln, die mir gehörten. Eines Tages wollte ich alle meine Inseln besuchen und ich nahm ein Schiff und stach in See. Die Reise dauerte zwanzig Tage und verlief, wie wir es wünschten. Doch in einer Nacht unter den Nächten erhoben sich widrige Winde, und das dauerte bis zum Anbruch des Morgens. Da erblickten wir, als der Sturm endlich schwieg, eine Insel im Meer, wo wir rasten konnten. So gingen wir an Land und ruhten zwei Tage und brachen dann wiederum auf. Es geschah aber, als die Insel am Horizont versunken war, dass wir den Weg verloren. Die Gewässer, durch die wir trieben, waren uns unbekannt, und auch der Kapitän hatte sie nie gesehen. So sagten wir zu dem Matrosen, der die Wache hielt: "Steige zur Spitze des Mastes und halte deine Augen offen!" Da kletterte er auf den Mast, sah sorgfältig aus nach allen Richtungen und rief: "O Gebieter! Ich sehe ein Ding in der Ferne, das ist bald dunkel, bald hell!" Als der Kapitän diese Worte der Wache vernahm, riss er seinen Turban vom Haupte, warf ihn auf das Deck, raufte seinen Bart und sagte mit Grabesstimme: "Eine schöne Nachricht! Wir sind des Todes! Nicht ein Einziger von uns wird gerettet werden!" Wir wurden alle schon traurig beim bloßen Anblick seines Kummers. Ich aber sprach zu ihm: " O Kapitän, bitte, sage uns doch erst einmal, was es war, das die Wache erblickte." "Mein Fürst", erwiderte er, "morgen gegen Ende des Tages werden wir zu einem Berge von schwarzem Gestein kommen, das ist der Magnetberg. Denn in diese Richtung reißt uns die Strömung, und wir sind machtlos dagegen. Sobald wir an seine Leeseite kommen, werden des Schiffes Planken sich öffnen und jeder Nagel wird herausfliegen und an dem Berge haften. Denn die Allmacht Allahs hat jene Gattung Gesteins mit einer geheimnisvollen Kraft begabt und mit einer besonderen Vorliebe für Eisen; und alles, was aus Eisen ist, zieht der Magnetstein unaufhaltsam an. Unendlich viel Eisen hängt bereits an diesem Berge von all den Schiffen, die hier zu Grunde gingen seit dem Anbeginn der Zeiten. Auf dem Gipfel dieses Berges steht eine Kuppel von gelbem Kupfer, getragen von zehn Säulen. Auf der Spitze der Kuppel befindet sich ein Reiter aus Messing, und in der Hand hält er eine Lanze, die zeigt auf einen Stern. Auf der Brust aber hat er eine Platte aus Blei hängen, die ist bedeckt mit unbekannten Namen von magischer Kraft. Wisse aber, o König: solange jener Ritter auf dem Pferde sitzt, werden alle Schiffe, die unter ihm vorbeisegeln, zu Grunde gehen. Und nicht früher wird der Zauber enden, als bis er von seinem Pferde fällt."

Nach diesen Worten begann der Kapitän zu fluchen und zu jammern, und wir waren unseres Verderbens sicher, und jeder von uns nahm Abschied von seinem Freunde und betraute ihn mit seinem letzten Willen und Testament, für den Fall, dass der andere gerettet werde. Wir schliefen nicht in jener Nacht, und bei Tagesanbruch sahen wir, dass wir dem Berg um vieles näher gekommen waren und dass das Wasser uns mit großer Gewalt zu ihm hinriss. Als nun das Schiff immer näher kam, siehe, da flogen die Nägel aus den Planken und alle Eisenteile des Schiffes hafteten an dem Berg. Am Ende des Tages aber stürzten wir alle ins Meer, denn das Schiff zerfiel. Da ertranken die einen von uns, und die anderen wurden gerettet. Doch die Geretteten konnten einander nicht wieder finden, denn Wellen und Winde verschlugen sie ins Ungewisse. Was aber mich betrifft, o meine Gebieterin, so rettete Allah zwar mein Leben, aber nur, um mir neue Leiden zu senden, auf dass er mich prüfe. Es war mir möglich, mich an einer der Planken des Schiffes festzuhalten, und ich trieb an den Fuß des Berges. Es fand sich aber an jener Seite ein Pfad von steinernen Stufen. Ich klammerte mich, so gut es ging, an den Felsen, und es gelang mir, den Gipfel des Berges zu erreichen. Und ich fiel nieder auf meine Knie, sprach ein Gebet und dankte Allah für meine Rettung; doch überkam mich dabei eine solche Müdigkeit, dass ich niedersank auf die Erde und einschlief. Da hörte ich im Schlaf eine Stimme, die zu mir sprach: "0 Sohn des Kassib! Wenn du erwachst aus deinem Schlaf, scharre die Erde auf zu deinen Füßen und du wirst einen kupfernen Bogen finden und drei Pfeile aus Blei, in welche Talismane eingraviert sind. Nimm den Bogen und schieße nach dem Reiter auf der Kuppel, und du wirst den Söhnen der Erde die Ruhe zurückgeben und sie von dieser Geißel befreien. Hast du den Reiter getroffen, so wird er ins Meer fallen, das Ross aber wird zu deinen Füßen herabstürzen. Dann verscharre es im Sand. Das Meer wird unterdessen zu brausen beginnen und höher und höher steigen, bis es den Gipfel des Berges erreicht. Da wirst du auf dem Meer eine Barke erblicken und in der Barke eine Gestalt, die wird sich dir nähern mit einem Ruder in der Hand. Steige ohne Furcht in die Barke! Doch sieh dich nicht um, unter keiner Bedingung. Bist du in der Barke, wird jene Gestalt dich führen zehn Tage lang, bis dass du zu den Inseln gelangst, die da heißen. Die Inseln des Heils. Dort wirst du Leute finden, die dich nach deiner Heimat bringen. Doch vergiss nicht, dass alles unter der Bedingung geschieht, dass du dich nicht umblickst."

In diesem Augenblick erwachte ich aus meinem Schlummer, und ich machte mich daran, den Befehl der geheimnisvollen Stimme auszuführen. Nachdem ich den Bogen und die Pfeile gefunden hatte, schoss ich den Reiter herab. Er stürzte in die Flut, während das Pferd zu meinen Füßen niederfiel. Ich verscharrte es sofort, und es erhob sich die See und stieg bis an den Gipfel des Berges. Und ich hatte nicht lange zu warten, bis ich ein Boot erblickte, das sich langsam näherte. Als es herangekommen war, sah ich darin einen Mann aus Kupfer, mit einer bleiernen Platte auf der Brust, in die waren Namen, Zahlen und Zeichen geritzt. Da stieg ich in das Boot und sah mich nicht um. Und der Mann aus Kupfer fuhr mich hin über die Fluten zehn Tage lang. Endlich erschienen in der Ferne die Inseln des Heils, und die Rettung war nah. Da freute ich mich und glaubte alle Gefahr vorbei und drehte mich um und blickte zurück. Doch kaum hatte ich das getan, als der Mann aus Kupfer mich ergriff und aus der Barke ins Meer warf; er aber entschwand in der Ferne mitsamt dem kleinen Schiff. Nun bin ich ein tüchtiger Schwimmer, so dass es mir möglich war, den ganzen Tag zu schwimmen, bis dass die Nacht anbrach; doch am Abend ermüdeten meine Arme, und mein Atem wurde kurz. Schon glaubte ich, dass der Tod herannahe, da erfasste mich eine Woge, die rollte heran, hoch wie ein Hügel, hob mich auf und warf mich an die Küste eines unbekannten Landes. Da stieg ich das Ufer hinan, und ich brach zusammen und schlief vor Erschöpfung so tief wie eine Schildkröte im Herbst.
Als ich erwachte, ging ich das Ufer entlang und kam zu dem Punkte, von dem ich ausgegangen war. Da sah ich denn, dass ich auf einer Insel war, umschlossen vom Meer. Und Trauer stürzte in mein Herz. Doch nach geringer Frist erblickte ich in der Ferne ein Schiff, das sich der Insel näherte; da erklomm ich einen Baum und versteckte mich in seinem Laubwerk, um abzuwarten, was geschehen würde. Das Schiff kam heran, und es entstiegen ihm zehn schwarze Sklaven, die mit Hacken in der Hand landeinwärts gingen. Bald machten sie Halt und begannen die Erde aufzugraben, bis sie auf eine Metallplatte stießen; darunter aber befand sich eine Falltür, die sie öffneten. Dann kehrten sie zu dem Schiff zurück und beluden sich mit allerlei Lasten.
Da gab es Brot und Honig, Butter und Braten und viele gute Dinge. So zogen die Sklaven ununterbrochen zwischen dem Schiff und dem Zugang zur Unterwelt hin und her und her und hin. Und nach den Nahrungsmitteln trugen sie Stoffe und Kleider, ein Vogelhaus, ein Ballspiel und Bücher.

Endlich erschien inmitten der Sklaven ein würdiger Mann von hohem Alter. Er führte an seiner Hand einen Jüngling von wunderbarer Schönheit, der glich einem biegsamen Zweig und bezauberte das Herz mit seiner Anmut. Sie zogen hinab in die Höhle und entschwanden meinen Augen. Nach einer Weile kehrten alle wieder zurück mit Ausnahme des jungen Mannes, schlossen die Falltür, legten die Stahlplatte darüber und schütteten Erde darauf; und alles war wie früher. Dann gingen sie zurück zum Schiff, lichteten den Anker und fuhren davon. Als ich nichts mehr von ihnen sah, stieg ich herab von meinem Baum, ging zu der Stelle, an der sie gewesen waren, und grub die Erde weg, bis ich an die Deckplatte kam; nur mühsam gelang es mir, sie zu heben. Es zeigte sich nun eine gewundene Treppe, die ich verwundert hinabstieg, bis ich in eine prächtige Halle gelangte, die war behangen mit kostbaren Teppichen. Und siehe, auf einem niederen Ruhebette zwischen Kerzen, Vasen voll Blumen und Schalen voll Früchten lag der Jüngling und fächelte sich Luft zu mit einem Fächer. Als er mich erblickte, wurde er blass; doch ich grüßte ihn höflich und sprach: "Sei unbesorgt und beruhige dich! Ich bin ein Mensch wie du, der Sohn eines Königs und selbst ein König, den das Schicksal dir zur Gesellschaft gesandt hat. Doch nun erzähle mir deine Geschichte und sage mir, warum du hier einsam unter der Erde bist!"

Als er sich überzeugt hatte, dass ich seinesgleichen war und kein Dschinni, kehrte die Farbe zurück in seine Wangen, und Freude erfüllte ihn. Er hieß mich näher treten und an seiner Seite auf dem Diwan niedersitzen. Dann sprach er: "O mein Bruder, meine Geschichte ist eine Geschichte der Angst. Wisse, dass ich der Sohn eines Juwelenhändlers bin, dessen Ruf im ganzen Morgenland verbreitet ist wegen seiner Reichtümer und der Erlesenheit seiner Schätze. Überallhin zwischen Hind und Hispanien sandte er seine Karawanen, um edle Steine an Könige und Fürsten zu verkaufen. Doch wurde ihm lange kein Kind geschenkt; und er wurde alt. Da träumte er einen Traum, in dem verhieß eine Fee ihm einen Sohn. Sein Leben aber, so sprach sie, würde schön sein und kurz. Als die Zeit erfüllt war, kam ich zur Welt. Und mein Vater fragte die Astrologen, denen die Einflüsse der Planeten und die himmlischen Kräfte bekannt sind, und die Gelehrten und Weisen, denen die Geheimnisse des Menschenlebens sich offenbaren, wenn sie ihre Seele befragen und das Buch der Natur. Die weisen Männer ermittelten die Konstellation der Gestirne im Augenblick meiner Geburt, rechneten, dachten nach, verglichen mein Horoskop mit anderen Horoskopen, die sie besaßen, berieten sich und sprachen zu meinem Vater: >Dein Sohn wird bis zu seinem fünfzehnten Jahr in Frieden leben, doch dann zeigen sich unheilvolle Aspekte. Gelingt es ihm, diese kritische Zeit zu überdauern, wozu er sehr vorsichtig sein muss, so wird er ein hohes Alter erreichen. Doch das Verhängnis, das ihn mit dem Tode bedroht, ist dies: In dem Meer, das man das Meer der Gefahren nennt, erhebt sich ein einsamer Berg, dessen Name ist "Magnetberg". Auf seinem Gipfel steht ein Reiter aus Messing, der ist ein uraltes Zauberbild. Fünfzig Tage aber, nachdem der Messingreiter vom Magnetberg gestürzt ist, ist dein Sohn in Gefahr zu sterben; und wenn es so kommt, wird sein Mörder der Mann sein, der den Reiter herabgeschossen hat, ein Prinz namens Adschib, der Sohn des Königs Kassib. Mein Vater wurde von tiefem Kummer erfasst, doch umgab er mich mit umso größerer Liebe, und die Zeit verging, und es kam der erste Tag meines fünfzehnten Jahres. Es war dies vor zwanzig Tagen. Vor zehn Tagen nun erhielt mein Vater die Nachricht, dass der Messingreiter in die See gestürzt sei. Da erschrak er und schrie auf. Und er ließ mir hier auf der Insel dieses unterirdische Gemach bereiten, und nachdem er es mit allem versehen hatte, was zum Leben notwendig ist für fünfzig Tage, brachte er mich hierher und verbarg mich; denn in diesem Versteck, entfernt von allen Menschen, droht mir keine Gefahr. Alles das geschah aus Angst vor dem Prinzen Adschib, und das, o mein Bruder, ist der Grund meiner Einsamkeit. Zehn Tage der Gefahr drohenden Zeit sind um, und wenn die vierzig anderen vorüber sind, wird mein Vater wieder kommen und mich heimholen in sein Haus." Als ich diese Geschichte vernahm, wunderte ich mich sehr und sprach bei mir in meiner Seele: "Ich bin doch Adschib! Aber was ist das alles für krauses Zeug! Ich werde ihn ganz bestimmt nicht töten!" Da sprach ich denn zu ihm: "Ich will hier leben mit dir und über dich wachen und dir helfen. Dann aber, nachdem ich dir während dieser vierzig Tage Gesellschaft geleistet habe, will ich mit dir heimkehren nach deinem Hause, wo du mir einige deiner Mamelucken zum Geleit geben mögest, damit ich zurück kann in meine Heimatstadt. Und Allah möge es dir vergelten."

Und er war sehr erfreut über meine Worte. Ich aber erhob mich, entzündete einen Leuchter und reinigte die Lampen, auf dass sie heller brannten. Dann trug ich Speisen auf und Getränke und Süßigkeiten. Wir saßen zusammen und freuten uns des Mahles. Und wir verbrachten die Nacht in angeregter Unterhaltung und legten uns nieder und schliefen bis zum Morgen. Da bereitete ich das Frühstück, und wir speisten; dann plauderten wir, spielten und lachten, aßen aufs Neue und waren fröhlich bis zum Abend. Und er sprach zu mir: "Möge der Himmel dich segnen!" Und ich erwiderte: "Möge mein letzter Tag vor dem deinen kommen!" Und so verbrachten wir die Zeit. Als nun der letzte Tag gekommen war, der vierzigste Tag nach neununddreißig heiteren Tagen, wollte der junge Mann ein Bad nehmen, und ich wärmte ihm in einem Kessel das Wasser und goss es in ein großes kupfernes Becken. Und der Jüngling badete, und ich massierte ihn und geleitete ihn zu seinem Lager und deckte ihn zu und umwand sein Haupt mit silbergestickter Seide. Und er verlangte zu essen. Da wählte ich die schönste von den Wassermelonen, legte sie auf einen Teller und stellte den Teller auf den Teppich. Dann stieg ich auf das Bett, um das große Messer herabzunehmen, das an der Wand hing, gerade über dem Haupte des Knaben. Und er wollte mich necken und kitzelte mich am Schenkel. Nun bin ich sehr empfindlich gegen Kitzeln, und ich zuckte zusammen und rutschte aus und fiel auf ihn nieder. Und das Messer, das ich in der Hand hielt, fuhr in sein Herz. Als ich aber sah, dass er tot war und dass ich es war, der ihn getötet hatte, da verfluchte ich mich selbst, schrie auf vor Schmerz und sprach unter Tränen: "Ein Tag war noch übrig von den vierzig gefährlichen Tagen! Wollte der Himmel, ich hätte nie dieses Messer genommen! Wollte der Himmel, ich hätte nie jene Melone berührt! 0 Allah, ich flehe zu dir aus meiner Not, und feierlich erkläre ich vor dir meine Unschuld an seinem Tode! Doch was dein Wille bestimmt, das geschieht und geschehe."

Verzweifelt stieg ich die Treppe hinauf, schloss die Falltür und deckte sie zu. Und ich sah ein Schiff mit weißen Segeln, das hielt Kurs auf die Insel. Da wurde ich von Angst gepackt, und das Herz wurde weiß in meiner Brust, und ich sagte mir: Wenn jene an Land kommen und den toten Jüngling sehen, werden sie wissen, dass ich es war, der ihn umgebracht hat, und sie werden mich töten. So stieg ich denn wieder auf einen Baum und verbarg mich im Laubwerk. Kaum war das geschehen, da stieß das Schiff an Land, und die Sklaven und der alte Mann, der Vater des Jünglings, stiegen aus und gingen geradewegs nach dem Platz, den sie kannten. Und sie gruben und gingen hinab und fanden den Jüngling, das Antlitz noch glänzend vom Bad, und das Messer stak in seinem Herzen. Da schrien sie auf und fluchten dem Mörder. Und sie trugen den Jüngling hinauf an das Licht des Tages und legten ihn nieder auf die Erde. Den Greis aber überkam eine tiefe Ohnmacht. Und ich sah und hörte es mit an im Laubwerk des Baumes, und mein Herz zerriss.

Der Greis kam erst wieder zu sich, als die Sonne zu sinken begann. Da kam ihm in Erinnerung, was geschehen war, und von neuem schüttelte ihn der Schmerz. Und er stieß einen tiefen Seufzer aus, und seine Seele entfloh aus dem Leib. Da riefen die Sklaven: "O wehe, unser Herr!" Und sie streuten Staub auf ihr Haupt. Dann trugen sie ihren toten Gebieter zum Schiff, und nach ihm den toten Sohn; und sie setzten die Segel, und das Schiff entschwand meinem Auge. Da stieg ich herunter von dem Baum, ging zu der Falltür und schritt die Treppe hinab. Alles erinnerte mich in diesem Raum an den Jüngling, und leise sprach ich den Vers vor mich hin:

"Noch seh ich allenthalben seine Spuren.
Ach, Verlassenheit und Sehnsucht treibt mir Tränen in die Augen."

Und jeden Tag ging ich rings um das Eiland und jede Nacht kam ich wieder zurück zum Gewölbe unter der Erde. So lebte ich einen Monat, bis ich endlich bemerkte, dass die Flut zu sinken begann; und am Ende des Monats zeigte sich im Westen trockenes Land. Da machte ich mich auf und zog durch das Land, das aus dem Meer gestiegen war. Und ich sank ein und mühsam war der Weg. Ich ging aber dahin bis zur Stunde des Sonnenunterganges, da bemerkte ich in der Ferne ein leuchtendes Feuer. Und Hoffnung erfüllte mein Herz, dass ich Hilfe fände. Aber als ich näher herankam, da sah ich, dass es kein Feuer war, sondern dass jenes Licht von einem großen Palaste aus funkelndem Kupfer kam, auf den die sinkende Sonne ihren Glanz warf. Lange betrachtete ich den Palast, der machtvoll und fremdartig war, da traten plötzlich durch die Pforte zehn Jünglinge, die waren kraftvoll und schön und wie ein Lobgesang der Schöpfung. Ich erkannte, als sie näher kamen, dass sie alle zehn das linke Auge verloren hatten - mit Ausnahme eines ehrwürdigen Greises, der als elfter mit ihnen schritt. Sie traten heran zu mir und sprachen: "Friede sei mit dir!" Und sie fragten mich nach meiner Geschichte.

Als ich meine Geschichte erzählt hatte, erfüllte sie Staunen, und sie sprachen zu mir: "Tritt ein in unsere Behausung, und möge deine Ankunft Glück bringen dir und uns!" Da trat ich ein, und wir durchschritten viele Säle, die mit Brokat bespannt waren, und wir gelangten in einen Saal, der war noch größer und prächtiger als die anderen. Und es waren dort zehn Ruhebetten, und in der Mitte lag auf dem Boden ein kostbarer Teppich. Da ließ sich der alte Mann auf den Teppich nieder, und die zehn jungen Leute setzten sich auf die Ruhebetten. Und sie sprachen zu mir: "Herr, lasse dich nieder am oberen Ende des Saales und stelle keine Frage an uns, was immer du sehen mögest." Und es erhob sich der Greis und verließ das Gemach. Dann kehrte er zurück und brachte Speisen und Getränke; und wir aßen. Danach aber sprachen die jungen Leute zu dem alten Mann: "Nun bringe uns, was wir brauchen!"

Da erhob sich der Greis, ohne ein Wort zu erwidern, verließ zehnmal den Saal und kehrte jedes Mal zurück mit einer Schüssel, die mit einem Tuche zugedeckt war. In der Hand trug er eine Kerze. Und jedes Mal stellte er die Schüssel und die Kerze vor einen der Jünglinge. Doch mir brachte er nichts. Als aber die Jünglinge das Tuch von der Schüssel nahmen, da sah ich, dass in allen Schüsseln Asche war. Sie nahmen aber die Asche, streuten sie auf ihr Haupt und schwärzten ihr Antlitz. Und sie begannen zu klagen und zu stöhnen und sprachen: "Ach, es geschieht uns recht! Wir haben es verdient und sind selber schuld!" Auf solche Art fuhren sie fort bis Mitternacht. Dann brachte ihnen der Greis andere Schüsseln, und sie wuschen sich, legten neue Kleider an und waren wieder, wie sie vorher gewesen. Das alles verwirrte so sehr mein Herz, dass ich fragen musste, warum sie das taten. Und ich sprach zu ihnen: "Wie kommt es, dass ihr das tut? Ihr seid doch gesund und wohl - und nun benehmt ihr euch wie Wahnsinnige!"

Da wandten sie sich zu mir und sprachen: "Stelle keine Fragen an uns!" Dann lagerten sie sich zur Nachtruhe, und ich tat wie sie. Als wir erwachten, brachte der alte Mann das Frühstück. Und der Tag begann und er verlief wie der vorige. Als es Abend wurde, sagten wiederum die Jünglinge zu dem Greis: "Bringe uns, was wir brauchen!" Und wieder brachte er ihnen die Schüsseln, und sie streuten Asche aufs Haupt und sagten ihren Spruch. Und die Neugier quälte mich so, dass ich die Herrschaft über mich verlor und ausrief: "Ich verstehe euch nicht! Löst endlich diese Rätsel! Und erklärt mir, warum ihr alle euer linkes Auge verloren habt! Ihr sagtet, ich solle nicht fragen. Aber ich frage! Ich kann nicht anders; und ich will wissen, was hier geschieht!" Doch sie erwiderten: "Es ist wirklich besser, diese Dinge geheim zu halten!" Aber ich hatte keine Geduld mehr und sprach: "Es hilft nichts - ich will es wissen. Redet jetzt!" Und sie erwiderten: "Wir wahren unser Geheimnis zu deinem Besten. Wenn wir deine Bitte erfüllen, verlierst du dein Auge wie wir. Und noch viel Übles wird dir geschehen." Doch ich war beharrlich und sprach: "Wenn ihr nicht wollt, dann gehe ich. Denn ungern weile ich unter Verrückten. Es tut mir Leid, wenn ich euch beleidige. Doch ist nicht auch euer Schweigen beleidigend? Es ist genug. Ich verlasse das Haus der Asche und der Schweigsamkeit." Und ich erhob mich. Doch da sagten sie: "Bleibe!" Und einer von ihnen sprach: "So möge sich denn dein Geschick erfüllen! Es wird dir zustoßen, was uns zugestoßen ist; dann beklage dich nicht, denn es war dein Wille! Auch kannst du nach dem Verlust deines Auges nicht hierher zurückkehren, denn wir sind schon zehn. Und du bist von anderer Art als wir. Bedenke es!" Danach brachte der Greis einen Hammel und schlachtete ihn und weidete ihn aus. Dann zog man seine Haut ab und reinigte sie. Sie aber sprachen zu mir: "Lass dich in diese Haut des Hammels nähen und auf das flache Dach des Palastes legen. Es wird ein großer Vogel kommen mit Namen Roch, dessen Kräfte sind groß genug, einen Elefanten davonzutragen; der wird dich für einen Hammel halten, sich auf dich stürzen und sich mit dir bis zu den Wolken erheben. Dann wird er sich niederlassen auf einem Berg, um dich zu verschlingen. Da nimm nun dein Messer, schlitze die Haut des Hammels auf und krieche heraus. Der Vogel Roch, der kein Menschenfleisch frisst, wird erschrecken und davonfliegen. Du aber mache dich auf und wandere, bis du einen Palast erreichst, der ist zehnmal so groß wie unser Palast und tausendmal schöner. Denn er ist bedeckt mit Platten aus Gold, und seine Mauern sind mit Edelsteinen besetzt, als da sind Diamanten, Türkis und Smaragde. Tritt ein durch die geöffnete Pforte, wie auch wir es taten. Dann wird dein Wunsch erfüllt sein, und du wirst unser Geheimnis kennen. Mehr dürfen wir nicht sagen. Ist also deine Neugier unstillbar, dann musst du denselben Weg beschreiten wie wir. Möge dein Schicksal gnädig sein!" Nach diesen Worten gaben sie mir ein Messer, und da ich von meinem Entschluss nicht abzubringen war, nähten sie mich in die Haut des Hammels, legten mich auf das Dach des Palastes und zogen sich zurück. Ich aber fühlte nach kurzer Zeit, wie der Vogel Roch mich ergriff und wie er mit mir davonflog. Bald darauf spürte ich, dass er mich niederlegte auf die Erde. Da schlitzte ich mit meinem Messer die Haut des Hammels auf und kroch heraus, und der Vogel Roch entfloh. Und ich bemerkte, dass er ein weißer Vogel war, so dick wie zehn Elefanten und so groß wie zwanzig Kamele. So machte ich mich auf, verzehrt vom Feuer der Ungeduld, und ich wanderte dahin, bis ich um Mittag zum Goldpalast kam. Und neben dem großen Portal, durch das ich trat, waren neunundneunzig Türen aus Sandelholz und Aloe, die waren mit Gold und Rubinen geschmückt; die Klinken aber waren aus Silber. Und alle Türen führten in Säle und Gärten, in denen häuften sich Schätze der Erde und des Meeres. Im ersten Saal aber, in den ich kam, fand ich mich inmitten von vierzig Mädchen, die waren von so zauberhafter Schönheit, dass ich fast den Verstand verlor. Sie waren gewandet in golddurchwirkte Schleier und sie waren lieblich wie Gazellen in der Steppe und geschmeidig wie der Jagdleopard in der Wüste und sie sahen sanft aus und heiter wie die Blumen der Oasen. Mein Erstaunen bei ihrem Anblick war so groß, dass ich stehen bleiben und kurze Zeit die Augen schließen musste, denn es hämmerte mein Herz. Die Mädchen aber erhoben sich bei meinem Anblick und sagten: "Möge unser Haus dein Haus sein! Allah sei gepriesen! Er sandte uns einen Menschen, der unsrer so wert ist, wie wir seiner wert sind!" Dann hießen sie mich niedersitzen auf einem hohen Diwan und sprachen zu mir: "Heute bist du unser Herr und Gebieter, und wir sind deine Sklavinnen. Befiehl uns, und wir gehorchen dir. Freue dich, Fremder, und tue, was dir gefällt!" Dann erhob sich eine von ihnen und setzte das Essen vor mich hin, und ich aß. Und andere wärmten Wasser und wuschen meine Hände und Füße und wechselten meine Gewänder und schenkten Wein ein. Alle aber drängten sich um mich, voll Freude über meine Ankunft. Und ich lachte, und sie saßen nieder, und wir unterhielten uns, und der Abend kam, und wir waren heiter, und jeder meiner Wünsche wurde erfüllt. Und ich erlebte Sonderbares und Schönes und ich war wie im Paradies. So ging es Tag für Tag und Nacht für Nacht. Und ich rief: "Jetzt weiß ich erst, was leben heißt - wie traurig, dass es so flüchtig ist! Denn auch dies wird enden!" Da sagten die Mädchen, ich dürfe bleiben, solange ich wollte - nur dürfe ich später niemals Näheres von meinen Erlebnissen erzählen; vor allem aber dürfe ich nie die vierzigste Tür im großen Saal öffnen, denn sie berge ein großes Geheimnis. Am nächsten Morgen schritt ich durch den Saal und zählte die Türen, und es ritt mich im Überschwang jener Tage der Teufel, dass ich die vierzigste Tür in meiner Neugier nach kurzem Schwanken plötzlich öffnete. Da erblickte ich ein herrliches Pferd, schwarz wie die Nacht, gesattelt und gezäumt, und es stand vor zwei Krippen, und die eine war aus Kristall, mit Sesam gefüllt, die andere aber aus Lapislazuli, und es war darin Rosenwasser.

Als ich dieses Ross erblickte, sprach ich bei mir: Ob wohl dieses Tier das große Geheimnis ist? Und die Neugier verleitete mich, dass ich es hinausführte vor den Palast und in den Sattel stieg. Aber es rührte sich nicht. Da stieß ich ihm die Fersen in die Flanken. Doch es stand und bewegte sich nicht. Und ich nahm die Zügelpeitsche und schlug zu. Als das Pferd den Schlag fühlte, stieß es ein Wiehern aus, das glich dem Donner des Himmels, und unversehens entfaltete es zwei Flügel und erhob sich mit mir zum Firmament. Und höher flog es empor, als sterbliche Menschen zu blicken vermögen, und es waren Wolken zwischen mir und der Erde. Dort oben aber öffnete sich mein Blick für Geheimnisse, über die nicht zu reden ist. Nachdem das geflügelte Pferd durch die Wunderwelten des Himmels geflogen war, schwebte es herab auf das ebene Dach eines Palastes, warf mich von seinem Rücken, traf mit seinem Schweife mein Antlitz und schlug mir das linke Auge aus. Und während ich mich in Schmerzen wand, flog es davon. Und ich verlor die Besinnung und erwachte verwirrt. Als ich aber herabstieg vom Dache, da befand ich mich wieder bei den zehn Jünglingen, die auf ihren zehn Ruhebetten saßen; und als ich sie erblickte, da sagte ich: "Seht her - nun bin ich geworden wie ihr! So nehmt mich denn auf in eure Gesellschaft!" Doch sie sagten: "Nein! Keiner darf mehr eindringen in unseren Kreis! Geheimnis über Geheimnis waltet um den Kupferpalast, den Vogel Roch, das Flügelpferd und die vierzig Schönen. Vom Magnetberg kamst du, als das Land aus dem Meere stieg. Und tief genug drangst du ein in Verborgenes. Kehre zurück! Du lösest die Rätsel nicht! Lass es genug sein, dass du sie erlebtest. Kehr heim in die Welt und finde den rechten Weg!"

Da wandte ich mich und ging. Und ich schor meinen Bart und mein Haar und entsagte dem königlichen Dasein, und ich sühnte meinen Übermut und die Schuld, in die ich fiel, als ich jenen Jüngling tötete, wenn auch ohne Wissen und Willen, und als ich mich nicht würdig erwies des Lebens in Freude und Fülle im Goldpalast. Aber wird uns nicht jede Freude einmal genommen, und fügen wir nicht immer einem anderen Leid zu, auch wenn wir es nicht wollen? Da erkannte ich, dass ein Leben ohne Leid nur möglich ist durch Entsagung, denn die Welt ist Schein. Und für das Auge, das ich verlor, wollte ich Einsicht gewinnen; und ich lebte als wandernder Mönch und Fakir. Doch ich sah, dass nicht die Einsamkeit meine Sache ist, sondern das Dasein unter den Kindern Allahs als ein Mann, der Lasten trägt: fremde und eigene. Und ich hörte nicht auf zu wandern, bis ich in die gute Stadt Bagdad kam. Hier lebe ich als Namenloser unter einfachen Menschen und bin zufrieden, denn ich bin ein anderer geworden und weiser als einst und fand meinen Frieden. Das ist die Geschichte meines verlorenen Auges und des geschorenen Bartes.

So erzählte der Lastträger, und die Dame fand seine Erzählung absonderlich, und weil er ihr gefiel, bat sie ihn, bei ihr zu bleiben. Und sie wollte ihn reich beschenken. Doch er, der ein König gewesen war und der Sohn eines Königs, nahm nur den Lohn, der rechtens war für die Beförderung eines Paketes, bedankte sich für die Bewirtung, grüßte lächelnd die schöne Gastgeberin und war bald darauf in den Straßen der Stadt verschwunden. Sie aber sann noch lange seiner Geschichte nach. 

 

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