Gedichte und Sprüchlein sinnvoll bewegen

Ein Beitrag von Christina Singer (Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Kinder sind Bewegungsmenschen. Sie laufen und springen, klettern und verstecken sich, sie berühren und ergreifen die Dinge, die sie entdecken. Am Übergang vom ersten zum zweiten Lebensjahrsiebt können und wollen Kinder lernen, ihre Bewegungen immer mehr selbst zu steuern. Das Gespür für rechts und links, oben und unten, für kleine, feine Bewegungen bis in die Fingerspitzen hinein und große, kräftige Bewegungen in den stampfenden Füßen, für zentrierende Gesten und solche, die in die Peripherie gehen – all das ist Grundlage für das bewusste ergreifen des Körpers oder, anders ausgedrückt, Grundlage für die Loslösung der Lebenskräfte von den Bewegungsmustern des ersten Jahrsiebts und ihrem Freiwerden auch für das gedächtniserfordernde Lernen in der Schule.

Wenn ich ein Gedicht oder Sprüchlein für meine Schülerinnen und Schüler der 1. Klasse vorbereite, mache ich mir zunächst die Bilder und Bewegungen bewusst, die sprachlich beschrieben werden: Da ist die kleine Kletterspinne, die eifrig ihre feinen Beinchen bewegt, um die Regenrinne zu erklimmen. Kleine Bewegungen sind angesagt, am besten mit den Fingern bzw. sogar den Fingerspitzen. Dort kann nacherlebt werden, wie leicht, flink und doch zielgerichtet das Spinnenbeinchen auf dem Untergrund aufsetzt (vgl. Meine kleine Kletterspinne). Oder das grüne Tännlein, das sich nicht selbst bewegen kann, sondern das höchstens vom Wind hin- und hergeschaukelt wird: Wir stehen aufrecht auf der Erde und wiegen uns nur so weit hin und her, wie es die fest verwurzelten Füße zulassen (vgl. Wurzelmännlein). Besonders lebendig und ausgleichend wird es, wenn sich verschiedene Bewegungselemente abwechseln: die kleinen, zarten, leisen Bewegungen werden immer größer, kräftiger und lauter und münden zum Abschluss in klare, ruhige Bewegungen (vgl. Regenschauer). Wichtig ist bei alledem, das die Bewegungen in einem inneren Zusammenhang zu den sprachlichen Bildern stehen. Karikierende oder lässige Alltagsbewegungen sind hier fehl am Platz, stattdessen braucht es durch den Lehrer bewusst geführte und schön anzusehende Bewegungen, die auch in einem stimmigen Verhältnis zu den Lauten und Rhythmen der Sprache stehen, die die Kinder selbstverständlich mitsprechen. Ziel ist es, die Bewegungsfreude der Kinder aufzugreifen, ihr motorisches Geschickt weiter zu schulen und dabei durch die Bilder einen seelischen Bezug zu den Bewegungen und dem Inhalt des Gesprochenen zu schaffen. So kann der anstehende Entwicklungsschritt, die Welt immer mehr auch gedanklich erfassen zu können, mit spielerischer Leichtigkeit, innerer Anteilnahme und viel Freude angegangen werden.

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