Winnie

Nelson Mandelas erste Begegnung mit seiner zweiten Frau

EINES NACHMITTAGS, während einer Pause bei der Voruntersuchung, fuhr ich einen Freund von mir von Orlando zur medizinischen Fakultät der University of Witwatersrand und kam dabei am Baragwanath Hospital vorüber, dem bedeutendsten schwarzen Krankenhaus in Johannesburg. Als ich eine nahe gelegene Bushaltestelle passierte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine reizende junge Frau, die auf den Bus wartete. Ich war überwältigt von ihrer Schönheit und drehte den Kopf, um einen besseren Blick auf sie zu erhäschen, doch mein Auto war schon zu weit entfernt. Das Gesicht dieser Frau haftete in meiner Erinnerung ich dachte sogar daran, umzudrehen und aus der entgegengesetzten Richtung an ihr vorbeizufahren -, aber ich fuhr dann doch weiter. Einige Wochen später geschah etwas Seltsames. Ich war im Büro und wollte nur kurz zu Oliver hineinschauen, als ich dieselbe junge Frau mit ihrem Bruder vor Olivers Schreibtisch sitzen sah. Ich war etwas verdattert und gab mir alle Mühe, mir meine Verblüffung nicht anmerken zu lassen - und auch nicht mein Entzücken über diesen höchst willkommenen Zufall. Oliver machte mich mit den beiden bekannt und erklärte, sie hätten ihn in einer Rechtsangelegenheit aufgesucht.

Ihr Name war Nomzamo Winnifred Madikizela, doch sie wurde Winnie genannt. Sie hatte kurz zuvor ihr Studium an der Jan-Hofmeyr-Schule für Sozialarbeit in Johannesburg abgeschlossen und arbeitete als erste schwarze Sozialarbeiterin im Baragwanath Hospital. Ich muss gestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt ihrer Vergangenheit wie auch ihrem juristischen Problem wenig Aufmerksamkeit schenkte, denn ihre Gegenwart rührte tief in mir etwas an. Ich dachte vor allem daran, wie ich sie bitten konnte, mit mir auszugehen. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, doch ich weiß, dass ich in dem Augenblick, wo ich Winnie Nomzamo zum ersten Mal sah, genau wusste, dass ich sie zur Frau haben wollte.

Winnie war das sechste von elf Kindern von C. K. Madikizela, einem Schuldirektor, der Geschäftsmann geworden war. Ihr eigentlicher Name war Nomzamo, eine Bezeichnung für jemanden, der sich bemüht oder sich Prüfungen unterzieht, ein ebenso prophetischer Name wie mein eigener. Sie war aus Bizana in Pon-doland, ein jenem Teil der Transkei benachbartes Gebiet, wo ich aufgewachsen war. Sie stammt aus dem Phondo-Clan von amaN-gutyana, und ihr Urgroßvater war Madikizela, ein mächtiger Häuptling aus dem Natal des 19. Jahrhunderts, der sich zur Zeit der iMfecane in der Transkei niederließ.

Ich rief Winnie am nächsten Tag im Hospital an und bat sie, dabei mitzuhelfen, für den Treason Trial Defense Fund an der Jan-Hofmeyr-Schule Geld zu sammeln. Es war nur ein Vorwand, sie zum Essen einzuladen, was ich auch tat. (…)

Kurz nachdem ich die Scheidung von Evelyn eingereicht hatte, sagte ich zu Winnie, sie solle Ray Harmel besuchen, die Frau von Michael Harmel, um sich die Maße für das Hochzeitskleid nehmen zu lassen. Ray war nicht nur Aktivistin, sondern auch eine ausgezeichnete Schneiderin. Ich fragte Winnie, wie viele Brautjungfern sie haben wollte, und schlug vor, dass sie nach Bizana reisen sollte, um ihren Eltern mitzuteilen, daß wir heiraten würden. Winnie hat Leuten lachend erzählt, ich hätte ihr niemals einen Heiratsantrag gemacht, doch ich habe ihr immer erklärt, ich hätte sie doch bei unserer allerersten Verabredung gefragt, und von jenem Tag an sei die Hochzeit für mich beschlossen gewesen.

aus: der lange Weg zur Freiheit, Nelson Mandela, S. 273f.

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