Zeugnisse – muss das so stressig sein?
Ein Beitrag von Imke Keller
Für viele Waldorflehrer*innen, insbesondere Klassenlehrer*innen, ist das Schreiben der Waldorfzeugnisse oft eine starke Belastung. Besonders zum Schuljahresende hin, wenn man sich schon innerlich auf der Zielgeraden befindet, empfinden einige die Aufgabe der Erstellung der individuellen Zeugnisse als sehr kräftezehrend.
Ich habe für mich eine Strategie gefunden, die es mir ermöglicht, diese Aufgabe mit möglichst wenig Druck zu bewältigen. Gerne teile ich hier meine Vorgehensweise als Anregung.
Ziel:
Ein Waldorfzeugnis soll den Eltern und mit steigendem Alter auch den Schüler*innen selber ein Bild davon geben, welche Eindrücke durch das Schuljahr entstanden sind (Gegenwart), aber auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten (Zukunft) bei jedem Einzelnen wahrnehmbar sind.
Mein Vorgehen ist dabei Folgendes:
- Zuerst schreibe ich einen allgemeinen Text, der die Epochen, Projekte und Aktionen der Klasse über das Schuljahr hinweg aufführt und weise gern hier und da mal darauf hin, wie unser Waldorflehrplan die seelische Situation der Kinder aufgreift. (Der Schatz unseres Waldorflehrplans!). Dadurch führe ich mir nochmals selbst den Jahresverlauf vor Augen. Dieser allgemeine Text steht in jedem Zeugnis voran.
- Nun vergegenwärtige ich mir als Beispiel einen/e Schüler/in in verschiedenen Situationen: Wie sie/er am Tisch sitzt und schreibt; wie sie/er sich in der Gruppenarbeit verhält; wie sie/er mit Druck bei Tests oder Abfragen umgeht; wie sie/er reagiert, wenn etwas nicht klappt, wie sie/er im Austausch mit ihren Mitschülern ist; wie sie/er auf mich reagiert; wie sie/er im Unterrichtsgespräch beteiligt ist; wie es in ihren/seinen Heften aussieht, wenn sie/er arbeitet (Schriftbild, Zeichnungen etc.) Der Leitfaden ergibt sich für mich aus dem, was in mir aufsteigt. Ich gehe nicht systematisch voran. Es geht mir auch nicht um maximale Vollständigkeit oder Ausführlichkeit.
Vielmehr versuche ich, meinen Text möglichst beschreibend und wenig urteilend zu formulieren. Die Eindrücke die kommen, charakterisieren aus meiner Sicht das, was an einem Schüler individuell wahrnehmbar ist. Das reicht meines Erachtens aus. Ich gehe nicht noch einmal die Epochenhefte im Einzelnen durch, es sei denn, es kommt gar kein Bild zur Heftgestaltung in meiner Vorstellung auf. - In der höheren Mittelstufe habe ich eine Übersicht über die Ergebnisse in den Epochenabschlusstests, die ich einfüge, denn ich habe den Eindruck, dass die Schüler sich auch hier gesehen fühlen wollen.
Pro Tag nehme ich mir etwa zwei Zeugnisse vor, sodass ich in 2 Wochen die Klassenlehrerzeugnisse mit einem überschaubaren zeitlichen Aufwand (ca 30 – 45 Minuten pro Zeugnis) geschrieben habe. In der Regel werden die Zeugnisse von Eltern und Schülern einmal durchgelesen. Wichtig aus meiner Sicht ist, dass die Eltern den Eindruck, bekommen dass ihr Kind gesehen wird, wie es ist: Mit seinen Besonderheiten, Herausforderungen, Eigenheiten und einem liebevollen Blick auf sein Wesen, das Potentiale und Möglichkeiten in sich trägt.
Hier nun ein Zeugnis als Beispiel:
Allgemeiner Text
Im Hauptunterricht des 7. Schuljahres wandten wir uns mit wachsenden kognitiven Kräften neuen Themen zu:
In der Physik beschäftigten wir uns mit der Elektrizität - wie entsteht sie und was ist genau ein Stromkreis? Experimentierend testeten wir, wie Gegenstände aufgeladen werden können und was gut leitet. Dazu schrieben und zeichneten die Schüler*innen ihre Beobachtungen und im nächsten Schritt die dazugehörigen Erkenntnisse auf.
In der Biologie oder Menschenkunde war das Herz-Kreislaufsystem des Menschen Gegenstand unserer Betrachtung und unserer Unterrichtstätigkeit: Unser Herz als kräftiges und unermüdliches Zentrum der Durchblutungstätigkeit, die Wege der Blutbahnen sowie die Versorgung der Organe, Muskeln und des Gewebes.
In der Geschichte schlossen wir an das Reich Karls des Großen an, bewegten uns durch das Mittelalter hin zur Neuzeit. Anhand der zwei Persönlichkeiten Leonardo da Vinci und Kopernikus tauchten wir in den Wandel ein, der das Denken der Menschen in der mitteleuropäischen Kultur im Übergang zur Neuzeit prägte: Sie wollten hinter die Dinge schauen, stellten ganz neue Fragen und scheuten sich nicht, neue Wege zu betreten und alten Bräuchen und Gewohnheiten den Rücken zu kehren, stellten den Entdeckertrieb und Erfindergeist über die bislang herrschenden Tabus, die das Alte lange Zeit bewahrt hatten. Anschließend wandten wir unseren Blick weiter in die Welt und staunten über den Mut und die Neugier einzelner Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um ganz neue Dinge zu entdecken. Auch stellten wir fest, dass sie nicht selten mit der einheimischen Bevölkerung des neu entdeckten Landes sehr rücksichtslos umgegangen sind.
Unter den großen Entdeckern behandelten wir die Abenteuer und Erlebnisse der Wikinger, des Marco Polo, Magellan, Christoph Kolumbus, David Livingstone, James Cook, Scott und Amundsen, Henry Morgan, Humboldt und Hernando Cortez. Die Schüler*innen teilten sich in Kleingruppen ein und bereiteten selbstständig Präsentationen zu den Erlebnissen und Errungenschaften der einzelnen Persönlichkeiten vor.
Im Bereich der Mathematik begannen wir mit einer Geometrieepoche, in der besonders Winkel- und Flächenberechnungen vorkamen, in einer weiteren Epoche stand die Algebra im Zentrum. Wiederholungen des Bruchrechnens, Prozentrechnens und des Dreisatzes fanden regelmäßig statt und insbesondere das Verständnis der negativen Zahlen wurde stetig erweitert. Zum Ende der Epochen hin konnten die Schüler*innen einfache Gleichungen lösen.
In der Geografieepoche beschäftigten wir uns mit dem afrikanischen Kontinent, den unterschiedlichen Landschaftsformen: Regenwälder, Wüsten und Savannen, und den Lebensbedingungen und Erscheinungsformen. Alles ordneten wir in die größeren Verhältnisse des Sonnenstandes, der Jahreszeiten sowie den Besonderheiten des äquatorialen Bereichs ein. Wir füllten Begriffe wie nördlicher und südlicher Wendekreis, Tag- und Nachtgleiche, Zenit und Bahnebene mit Inhalt und versuchten diese anhand von Zeichnungen und in Unterrichtsgesprächen möglichst lebendig zu machen.
In einer Deutschepoche ging es vorrangig um das Verfassen von kleineren Aufsätzen mit unterschiedlichen Überschriften. Wir stellten uns die Fragen: Wodurch wird eine Erzählung spannend? Was macht sie lustig? Wie wird es interessant? Und wir übten mithilfe stilistischer Elemente ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Außerdem dichteten und reimten wir, lernten mögliche Aufbauten von Sprüchen kennen und analysierten Sprüche und Gedichte nach ihrer Form.
Als besonderes Projekt im 7. Schuljahr ist unser Klassenspiel „Der Meisterdieb" zu nennen. Es handelt sich um ein humorvolles Stück, in welchem ein armer, gewöhnlicher Junge namens Peter, motiviert durch den Wunsch, die Tochter des Amtmanns zu heiraten, etwas ganz Besonderes werden will und das Stehlen ohne Gewalt erlernt. Mit List und Witz gelingt es ihm schließlich, alles zu einem guten Ende zu bringen.
Im Juni war die Klasse für eine Woche auf dem Feldmesspraktikum in Hayingen in einem Waldschulheim. Dort wurden einfache Forstarbeiten kennengelernt und ein Überblick über den Tätigkeitsbereich geschaffen. Die Schüler*innen arbeiteten vormittags in Gruppen an verschiedenen Orten, angeleitet durch ein fachlich ausgebildetes Team.
Im 7. Schuljahr absolvierten außerdem alle Schüler*innen ein einwöchiges Küchenpraktikum in unserer Schulküche. Dabei lernten sie Schneidetechniken, das Lesen von Rezepten, um verschiedene Gerichte zuzubereiten und vieles mehr.
Durch alle Epochen hindurch wurden Inhalte und Themen so ausgewählt und in der Weise aufgebaut, dass die Schüler*innen eine möglichst große seelische Anknüpfung schaffen konnten: Die Suche nach dem Eigenen, der erwachende Verstand, das weitere Abgrenzen und sich gegen Konventionen stellen, die Suche nach dem Unbekannten, der Entdeckergeist - diese Gesten stehen altersgemäß im Mittelpunkt des seelischen Erlebens der 7. Klässler und werden daher in den Themen der Epochen besonders angesprochen. Auf diesem Prinzip aufbauend bietet der Waldorfschullehrplan eine Grundlage der allgemeinen Entwicklungsunterstützung für die jungen Menschen.
Individueller Text
Lena hat sich im 7. Schuljahr deutlich entwickelt. Auch wenn ihre empfindsame und schwermütige Art nicht gänzlich verschwunden ist, ist sie doch freudiger, stärker und präsenter aufgetreten. Lena pflegte zu vielen Klassenkamerad*innen ein gutes Verhältnis und stand selbst aus Sicht vieler Jungen und Mädchen in einer angesehenen Position. Sie war lustig aber auch bestimmt und gelegentlich deutlich in ihrer Abgrenzung gegenüber Personen, aber auch gegenüber Umständen oder Ideen, die an sie herangetragen wurden.
Lena hatte ihre Schularbeiten gut im Blick und in der Regel machte sie sich gewissenhaft und konzentriert an ihre Aufgaben. Der Lernfortschritt war ihr wichtig und so stellte sie auch bei Unsicherheiten gezielte Fragen, um sich weiterhelfen zu lassen. Wenn Lena interaktiv an Aufgaben arbeitete, konnte es ihr je nach Konstellation zum Teil schwerfallen, bei der Sache zu bleiben. So kam sie beim selbstständigen Üben der Rechenaufgaben der Algebra nur langsam voran. Einen Teil musste sie auch wegen Krankheit aufholen. Ihr grundlegend gutes Verständnis für die Mathematik ermöglichte ihr aber den Anschluss, sodass sie im Test zu einem guten Ergebnis kam.
In der Epoche der Entdecker und Seefahrer beschäftigte sich Lena zusammen mit Lucie und Celestine mit den Reisen des Marco Polo. Hier funktionierte die Teamarbeit einwandfrei und die drei waren außerordentlich fleißig und zielstrebig, sodass sie als erste Gruppe all ihre Materialien erstellt hatten. Dabei waren sie überaus selbstständig, das Plakat wurde kunstvoll gestaltet und die Texte ausführlich und in schöner Form zu Papier gebracht. Die drei Mädchen präsentierten die Erlebnisse des Marcos Polo vor der Klasse sehr gut, mit deutlicher Sprache, gutem Redetempo und teilweise frei zu den Zuhörern gewandt. Eine reife Leistung!
Lena war in der Rechtschreibung schon sehr sicher, ihr Schriftbild war gut lesbar und ordentlich und ihre Zeichnungen ansprechend. In der Geometrie legte sie Wert auf Genauigkeit.
Lena zeigte sich in der Lage, stilistische Mittel so einzusetzen, dass man ihre Aufsätze den unterschiedlichen Genres (humorvoll, spannend) zuordnen konnte. Auch beim Dichten zeigte sie sich kreativ.
In den Gesprächskreisen hatte Lena eine deutliche Präsenz, meldete sich häufig zu Wort und konnte ihre Meinung klar zum Ausdruck bringen. Sie zeigte starke Beteiligung, wenn das Thema sie interessierte, war in anderen Fällen aber gerne auch ein wenig abgelenkt und mit Freundinnen am Albern, wenn es aus ihrer Sicht gerade nicht so interessant war. Immer wieder ist es Lena gelungen, ihren Blick auf das Wohl der Klassengemeinschaft zu richten.
Der Beginn unseres Klassenspiels gestaltete sich für Lena etwas dramatisch, da sie beinahe die weibliche Hauptrolle gespielt hätte. Durch schwierige, aber nachvollziehbare Sachverhalte, kam es dann aber doch nicht dazu, sodass Lena sich zunächst am liebsten ganz aus dem Projekt herausnehmen wollte. Schließlich fanden wir eine andere kleine Rolle, die Lena gerne annahm, und zwar die Babett, eine Magd. Lena gab sich damit zufrieden, in der Hoffnung, dass im nächsten Jahr mehr für sie herausspringt. Außerdem spielte Lena eine Polizistin, die aber nur eine darstellende Rolle ohne Text war.
Lena hat durch ihr lebhaftes, freundliches und ansprechendes Wesen das Schuljahr für die Klasse sehr bereichert und auch für sich eine positive Entwicklung ihrer Persönlichkeit zurückgelegt. Ich freue mich auf das nächste Jahr mit ihr!
