Die zwölf Monate

von Rolf Krauss


Das Neue Jahr

In der Neujahrsnacht tritt hervor
Das Erdenjahr im Engelchor
Und ruft zwölf Kinder aus dem Sternenhaus,
Zu sich ins Weltenall hinaus .

 

Januar

Du Januar, mein liebes Kind,
Sollst nun in Eis und Schnee und Wind
Auf Erden eine Zeit regieren.
Es müssen Mensch und Tierlein frieren,
Der Bäche Lauf gefriere ein,
Du sollst ein strenger Meister sein!
Mit weißem Mantel decke Du
Feld, Wiese, Wald und Busch zur Ruh!

Der Januar, dafür wolln wir ihn preisen,
Er tat, wie seine Mutter‘s ihm geheißen!

 

Februar

Nun tritt hervor, oh Februar,
Du hast den Raureif noch im Haar!
Schneeglöckchen auch und Krokus bald,
Sie solln erblühn in Feld und Wald,
Drum sei nicht mehr so streng und hart
Wie die zwei Brüder Deiner Art!
Du Februar, Dein Lied erkling
Und alles Eis im Bach zerspring!

Den Februar, wir wollen ihn gar loben,
Er tat, was seine Mutter ihm geboten!
 

März

Nun komm Du also, lieber März,
Bring uns den Frühling wieder.
Schenk frische Kräfte Baum und Herz
Und sing uns Deine Lieder.
Erfüll den Raum mit Vogelsang
Und frohem Finkenschlagen.
Der Landmann tu nun seinen Gang
Wie schon seit alten Tagen.
Er säe in den Acker Samen
Und segne ihn in Gottes Namen!

Der März, wir wollen ihn hier ehren –
Er kam des Tages lichte Kraft zu mehren.

 

April

Nun komm auch Du, mein Sohn, April,
Der grad so tut, wie er bloß will.
Bei dem ja nichts von langer Dauer,
Ob Sonnenschein, ob Regenschauer.
Selbst Blitz und Donner, Hagelschlag
Bringst Du an einem einz‘gen Tag.
Du zeigst die wechselhaften Seiten,
Die uns ein Leben lang begleiten.

Den April, wir wollen ihn hier nennen,
Ein jeder sollte seine Scherze kennen.

 

Mai

Nun tritt hervor mein schönstes Kind,
Dem jede Seele wohlgesinnt.
Oh süßer Wonnemonat Mai,
Wie atmen Herz und Sinne frei!
Verzaubert scheint, voll Duft und Pracht,
Die linde Luft bei Tag und Nacht.
Auf Blatt und Blüte liegt ein Glanz,
Es lockst Du Mai mit Lied und Tanz.

Dem Mai, wir wolln ihm Lieder singen,
Wer sonst kann solche Freud‘ uns bringen.

 

Juni

Der Juni trete alsdann auf,
Er bringt der Sonne höchsten Lauf.
Die Wiese blüht, die Lerche steigt,
Die Welt uns ihre Fülle zeigt.
Gar herrlich ist die Blütenpracht,
Der Tag ist lang und kurz die Nacht.
Hell scheint uns das Johannifest,
Dass alle Herzen leuchten lässt.

Den Juni sollten alle kennen
Und seine Tugenden benennen.

 

Juli

Nun Juli ist die Reih an Dir,
Schon Hitze ich im Nacken spür.
Du kamst mit heißer Sommerglut
Und Blitzgewittern voller Wut.
Kornblumen streust Du, Rittersporn
Und bist ein rechter Hagedorn,
Doch ist der Himmel blau und klar,
So ist das Schwimmen wunderbar.

Den Juli haben wir genannt,
Er brachte Sonnengold ins Land.

 

August

Auch Dich August mag ich gar sehr,
Du machst die Ähren reif und schwer.
Zur Ernte ist das Korn bereit,
Der Bauer es vom Halm befreit.
Das neue Brot schmeckt stark und gut
In ihm lebt Deines Feuers Glut.
Auch Mais und Kürbis reifen schon
In Deinem goldnen Sonnenton.

Ein jeder sei sich des bewusst,
Wir nannten dankbar den August.

 

September

Zu Dir September lässt sich sagen,
Du füllest uns den Erntewagen
Mit Äpfeln, Birnen, Zuckermais
Mit Zwetschgen und mit Pflaumen,
Die jeder wohl zu schätzen weiß,
Der Süßes liebt am Gaumen.
Du bist gewiss der Farben kund
Und malst das Laub uns kunterbunt.

September, laut Dein Lob erschallt,
Noch einmal strahlt voll Kraft der Wald.

 

Oktober

Nun also ist die Reih an Dir,
Oktober, Deine goldene Zier
Sie schmückt zum letzten Mal die Welt,
Bevor der Nebel Schleier fällt.
Das Licht, es zieht ins Innre ein
Und glänzt im Herzen wie im Wein.
Die Drachen steigen hoch und frei,
Die letzte Ernte ist vorbei.

Oktober, Dank sei Deinem Licht,
Das Zuversicht ins Dunkel spricht.

 

November

Nun da die letzten Blätter fallen
Und sich der Winde Böen ballen,
Bist Du November an der Reih;
Es tönt der Krähen rauer Schrei
Über die Felder kahl und leer
Und von den Bergen bis zum Meer
Hast Du die Wälder leergefegt,
Zum Schlaf die Haselmaus sich legt.

November, ja der Vorhang fällt.
Nebelverborgen ruht die Welt.

 

Dezember

Es rundet sich des Jahres Reigen
Allmählich ganz in tiefem Schweigen
Und was im Dunkeln ging verloren,
Wird nun im Innern neu geboren.
Von überall tönt uns Gesang
Und Weihnachtsglanz und Glockenklang,
Der guten Stube warme Luft
Würzt Kerzenwachs und Tannenduft.

Dezember, Du bist der dunkelste und letzte,
Doch scheinst Du mir der allerbeste.

 

So schließet sich der Jahreskreis:
Das alte Jahr, es tritt zurück
Und wünscht dem neuen Jahr viel Glück.
Was auch geschah in Stadt und Land,
Es ruhet nun in Gottes Hand.

 

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar