Der Trunkenbold

Ja, lächelt nur und rümpft die Nasen,
nennt Säufer mich und Trunkenbold,
Erzählt‘s bei Vettern und bei Basen,
dass ich vom Stuhle sei gerollt.
Erzählt es lachend meinetwegen,
dass in der Gosse ich gelegen,
ich bin ein ruinierter Mann -
Schnaps her, dass ich‘s vergessen kann!

Was hilft's mir, dass es mir gelungen
durch meiner Hände Eisenkraft,
nachdem ich Jahr und Tag gerungen,
dass Haus und Hof ich mir geschafft?
O, könnt‘ ich es doch ganz vergessen,
dass Weib und Kinder ich besessen,
o Kinderlachen, Weibeskuss -
Schnaps her, weil ich's vergessen muss!

Zehn Jahre Zuchthaus - neun gesessen -
neun Jahre öder Kerkersnacht!
Mir ward die Strafe zugemessen,
ein andrer hat die That vollbracht.
Herrgott, warum hast du geduldet,
dass ich gebüsst und nichts verschuldet,
dass ich ein kraftgebrochner Mann -
Schnaps her, dass ich's vergessen kann!

Man liess mich gehen aus meiner Zelle,
Entschädigung - nicht einen Deut!
Ich trat an meines Hauses Schwelle -
Dort wohnt ein andrer langezeit ...
Mein Heim zerstört, mein Weib gestorben,
mein Sohn verkommen und verdorben,
Die Tochter, davon schweig‘ ich still -
Schnaps her, weil ich's vergessen will!

Hermann Loens

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