Längere Balladen ohne Mühsal lernen

Ein Beitrag von Korinna Schiemann (Freie Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Es gibt zahlreiche, spannende Balladen, die Waldorflehrer*innen gerne mit ihren Mittelstufenklassen sprechen. Ich möchte hier einen Vorschlag machen, wie eine längere Ballade mit einer Klasse abwechslungsreich und unter großer Beteiligung der Schüler*innen erlernt und gesprochen werden kann. Ich selbst habe mit dieser Methode sehr gute Erfahrungen gemacht.

Tag 1: Zunächst habe ich meiner 7. Klasse die Ballade „Die Bürgschaft" von Friedrich Schiller vorgetragen. Meine Vorrede bestand darin, dass ich den Schüler*innen sagte, es sei ja gar nicht so einfach, diese alten Texte inhaltlich zu verstehen. Jeder sollte einmal versuchen, ob er aber doch an einer oder mehreren Stellen etwas verstehen könne. Als ich mit dem Lesen fertig war, forderte ich meine Schüler*innen dazu auf, die Geschichte, soweit sie sie verstanden haben, einmal im Fließtext aufzuschreiben. Die Schüler*innen waren mit dieser Aufgabe sehr rege beschäftigt und konnten es kaum lassen, sich mit ihren Nachbarn über den Inhalt auszutauschen. Ich ließ dies in Maßen zu. Am Ende ließ ich drei Schüler*innen ihre Geschichte vorlesen. Es war doch ganz schön viel, was sie verstanden hatten! Fragen beantwortete ich, ansonsten sollte diese erste Berührung und Auseinandersetzung mit der Ballade nun für diesen Tag ausreichen.

Tag 2: Am nächsten Tag las ich die Ballade nochmal vor, diesmal hatten auch die Schüler*innen ein Exemplar vor sich, in dem sie mitlesen konnten. Im Anschluss fand ein Gespräch statt, indem schwierig zu verstehende Stellen auch „übersetzt" werden konnten. Die Schüler*innen trugen gerne dazu bei.

Tag 3: Am dritten Tag teilte ich jedem Schüler und jeder Schülerin eine Strophe zu (wenn es nicht genügend Strophen gibt, dann können auch zwei die gleiche bekommen). Nun sollten die Schüler*innen die Ballade laut lesen, - jeder seine Strophe.

Tag 4: Ich gab den Schüler*innen 10 Minuten Zeit, die sie nutzen sollten, um ihre Strophe zu lernen. Anschließend sprachen wir die Ballade erneut, wobei wieder jeder seine eigene Strophe laut sprechen sollte, gerne aber auch noch ablesen durfte. Die ersten Schüler*innen sprachen ihre Strophe an diesem Tag bereits auswendig.

Tag 5: Wieder bekamen die Schüler*innen ein paar Minuten Zeit, um ihre Strophe zu lernen. Die ersten fingen an, sich zu langweilen, sie durften dann anfangen, eine weitere Strophe zu lernen oder alles für sich noch einmal durchlesen.

Tag 6: Die meisten Schüler*innen konnten ihre Strophe nun auswendig, als wir die Ballade durchsprachen.

Tag 7: Ich ermunterte die Schüler*innen auch die anderen Strophen mitzusprechen. Sie durften sich selbst testen, wie viel sie schon von der ganzen Ballade auswendig konnten und der Erfolg war überraschend und motivierte die Schüler*innen. Es war schön sich darauf verlassen zu können, dass immer wenigstens einer „Bescheid" wusste, die anderen sich „dranhängen" konnten.

Ich habe in diesem Prozess beobachtet, wie vielfältig die Anforderungen waren, die die Schüler*innen bei der Aufgabe zu bewältigen hatten. Sie haben es aber mit Freude getan und die Beschäftigung mit der Ballade wurde dadurch sehr abwechslungsreich. Außerdem war die Differenzierung innerhalb der Arbeit sehr gut möglich: Manche konnten am 7. Tage schon fast die ganze Ballade sprechen, andere gerade mal ihre Strophe, aber das war alles vollkommen in Ordnung und keiner wurde über- bzw. unterfordert!

Ihr Kommentar