Dieselbe Einführung der Hebelgesetze wie vor acht Jahren
Ein Beitrag von Matthias Kräutle (Freie Waldorfschule Biberach)
Natürlich wird im zweiten Klassenlehrerdurchgang jede Epoche aufs Neue vorbereitet, aber selbstverständlich versucht man auch die eindrücklichsten Unterrichtsstunden von vor acht Jahren zu wiederholen. Tatsächlich freute ich mich acht Jahre lang auf die erste Physikstunde der siebten Klasse- die Hebelgesetze.
Vor acht Jahren wurde folgendes arrangiert: Die Großmutter eines Schülers unterbrach den Unterricht, „Matthias, dein Auto hat Plattfuß“. Bevor der Lehrer antworten konnte, sprangen schon einige Kinder von ihren Stühlen hoch, und konnten nur noch durch ein scharfes „Halt“! gebremst werden. Unter Hochspannung wurde besprochen, was zu tun ist, dann stürzte die Meute los. Als der Lehrer sein Auto erreichte, war dieses längst ausgeräumt und die Klasse meldete mit Empörung, dass zwar das Ersatzrad gefunden wurde, jedoch kein Wagenheber. Nach kurzer Beratung suchte man eine lange kräftige Stange. Und tatsächlich lag in der nächsten Nähe auch eine passende. Mit diesem Hebel wurden das Rad gewechselt. Einige Kinder setzten sich in bester Pausenlaune auf den Hebel und hielten dabei das Auto in der Schwebe und genossen auf diese Art die Unterrichtsstunde. Während der Arbeit kam eine recht schlaue Schülerin zu ihrem Lehrer: „Das ist doch erstaunlich, dass Keanus Oma den Umweg über den Parkplatz machte, da musste sie doch gar nicht entlang gehen“ – „Ja, das ist erstaunlich…“ – „Und merkwürdig, dass ausgerechnet hier ein so langer Holzbalken herumliegt“ – „Ja, das ist merkwürdig!“ – „Und welch ein Zufall, dass ausgerechnet zum Physikepochen Anfang dein Auto einen Platten hat und Du keinen Wagenheber dabei hast“- da grinste der Lehrer recht breit: „Nicht wahr, Zufälle gibt’s.“ Mehr wurde nicht geredet, schließlich durften die Mitschüler auch noch selbst diese Zufälle entdecken. Soweit eine besonders gelungene Unterrichtsstunde, für Schüler und Lehrer unvergesslich.
Acht Jahre später, fast das gleiche Spiel, diesmal sollten ein paar Schüler Unterrichtsmaterial aus des Lehrers Auto holen. Falls sie den Plattfuß nicht bemerken würden, war die Geschäftsführerin eingeweiht. Die Schüler kamen stolz zurück , „Du hast 'nen Platten“ und setzten sich auf ihren Platz. Die Geschäftsführerin bestätigte dies später mit der gleichen Botschaft. Mehr geschah nicht. Dem Lehrer blieb nichts anderes übrig, als zu fragen, was man in diesem Fall wohl tun könne, und ob sie bereit wären, diese Aufgabe zu übernehmen. Eine Schülerin wollte tatsächlich lieber im Klassenzimmer bleiben. Schließlich benötigten die Kinder sogar noch ein wenig Motivationsunterstützung vom Lehrer, schließlich würden ja auch die Hände dreckig. Das Rad wurde gewechselt, und alle gingen recht zufrieden wieder in ihr Klassenzimmer, bis auf den Einen, der hatte sich das doch ganz anders vorgestellt.
So verschieden sind eben die Schulklassen.
