Müssen Zeugnissprüche langweilig werden?
Ein Beitrag von Jaqueline Leibig
Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr – die Zeugnissprüche sind im Hauptunterricht an Waldorfschulen ein wichtiges, bildendes Element, vom zweiten bis ins achte Schuljahr hinein. Die Schüler*innen erhalten einen individuellen Spruch, den der Lehrer ausgewählt oder selbst geschrieben hat, um das, was das Kind auf seinem aktuellen Entwicklungsweg sichtbar werden lässt, stärkend und unterstützend, zuweilen auch anregend oder richtungweisend, begleiten soll.
Zunächst ist dieser Raum, der den Kindern für ihren Spruch gegeben wird, eine sehr stimmungsvoller, berührender, man könnte sagen, heiliger Raum. Durch das Wissen des Lehrers um die tiefe Bedeutung und sein entsprechendes zugewandtes aufmerksames Tragen des Geschehens, spüren die Kinder, dass hier auf beinahe geheimnisvolle Weise kleine Wunder geschehen.
Im Bereich der Mittelstufe stehend die Kinder diesen Momenten auf neue Weise gegenüber, betrachten es mehr äußerlich, nehmen ihre Mitschüler stärker unter die Lupe, beginnen auch Fragen zu den Inhalten der Sprüche zu stellen. Dem ein oder anderen wird es zunehmend schwerer fallen, seine eigenen Regungen zurückzuhalten.
Um die erwachende Neugier und den Mitteilungswunsch über eigene Erlebnisse in diesem Rahmen auf gute Weise stattzugeben, kann ich aus eigener Erfahrung dazu anregen, den zuhörenden Kindern konkrete Beobachtungsaufgaben zu geben. Das kann, je nach Epochenthema, auf die äußere Form abzielen (in einer Deutschepoche bieten sich den gerade behandelten Themen entsprechende Aufgaben an), oder auch die Aufmerksamkeit auf Inhaltliches legen. Nicht zuletzt kann in den späteren Mittelstufenjahren auch gestalterisch auf die Sprecher eingegangen werden.
Hier unterschiedliche Beispiele:
Form:
- Finde mindestens zwei Hauptwörter
- Wie viele Adjektive kannst du entdecken?
- Aus wie vielen Sätzen besteht der Spruch?
- Gibt es einen Fragesatz?
- Findest du einen Konjunktiv?
- Wie ist die Reimform in dem Spruch (abab, oder aabb, oder abac..)?
Inhalt:
- Was könnte das bedeutendste Wort in dem Spruch sein?
- Wie viele und welche Tiere tauchen heute in den Sprüchen auf?
- Gibt es in einem Spruch etwas Trauriges?
- Wo macht etwas Mut?
Darstellung:
- Wer spricht besonders deutlich?
- Wohin ist der Blick des Sprechers während des Sprechens gewandt?
- Spricht jemand seinen Spruch langweilig? Wodurch entsteht dieses Empfinden?
- Welcher Spruch klingt interessant und wie macht der Sprecher das?
Nach meiner Erfahrung nimmt durch solche oder ähnliche Fragen die Aufmerksamkeit der Zuhörer, sowie der Sprecher zu. Aber auch die Schüler*innen kommen selbst auf eigene Beobachtungsaufgaben, wenn man dies thematisiert.
Im Hinblick auf Theaterstücke in der Mittelstufe kann diese auch als Übung genutzt werden, bei der man sich bewusst darüber wird, wie man die Sprache einsetzt, um eine Wirkung zu erzielen.
Durch die Zeugnissprüche können nicht die sprachgestalterischen Übungen ersetzt werden!
Zuweilen ergeben sich aus den Beobachtungsübungen jedoch auch ganz interessante Unterrichtsgespräche. Wer das Sprechen der Zeugnissprüche im Laufe der Jahre als mühsames Unterfangen empfindet, kann die Einheit auch für pubertierende Jugendliche auf diese Weise vielleicht ein bisschen interessant machen und dadurch auflockern.
