Markus Kemter

Sieh die Segelschiffe, wie sie nordwärts ziehen -
wie auf einer Schale, längs des Horizonts gebogen,
wie sie scheinbar vor der Winde Launen fliehen,
vor der Macht der unberechenbaren Wogen!

Sag, wer kann, so wie auf Straßen und Geleisen,
jene Kraft der Luft- und Wassermassen nützen,
wer kann ein Gefährt aus Holz und Tuch und Eisen
vor der Wucht der Elemente schützen?

Wer im Stande ist in größter Seelenruhe
Sternen das Geheimnis ihrer Bahnen abzuschauen,
wer es wagt, beherzt  und doch bedachtsam
ganz der Kraft der eignen Mannschaft zu vertrauen,

Der kann einst ein echter Seemann werden:
Lotse, Kapitän, gar Flottenkommandant!
Denn Besonnenheit regiert sein Denken
und die Ruhe liegt im Wirken seiner Hand.

 

Vier verschmitzte Wichtel sitzen
in der Hitze zwischen spitzen
Gipfeln, die in Blitzgewittern
sich in lichte Gischt zersplittern.

Wichtel Fritz will Witze dichten,
Wichtel Hinz will die nicht sichten!
Wichtel Willy gibt hingegen
jenen Versen gern den Segen.

Deren Wert benennt Zwerg Ede,
selbst stets Held der edlen Rede:
„Jene selbst gewebten Scherze
gehen jedem sehr zu Herze,
der, um nur die rundum krummen
Rumpeldruden zu verdummen,
damals nachts ganz andre Sachen
machte, als am Bach zu wachen!“

Kobolt Odo grollt voll Hohn:
„Stoßt doch Ottos Mops vom Thron!“

pfeift ein kleines Meislein leise
eine fein gereimte Weise:
„Leute, freut euch! Mäusemeuten
läuten heute euren Bräuten!“

 

Wer verborgnen Schatz will bergen,
aus den Schluchten, in den Klüften,
Wer sein Glück sucht bei den Zwergen
lass sie ihr Geheimnis lüften:
Kraft und Mut und kluges Streben,
starker Wunsch muss stets dich leiten,
Ehrgefühl, Geschick – und eben
keine Angst vor Dunkelheiten!
Doch der Lohn ist wert der Mühen:
Reines Gold und edle Steine
Siehst du in den Schächten glühen,
aller Reichtum wird der deine!

 

Das Füchslein verließ früh morgens den Bau,
um alleine den Wald zu erkunden.
Die Alte schlief noch; es wähnte sich schlau
und streifte umher viele Stunden.

Da sah es an einem gar tiefen Bach
sich selber im Spiegel der Flut.
Neugierig trats näher und näher heran,
es zwickt ihn der Übermut.

Ein Biber am anderen Ufer besah
voll Staunen den dreisten Gesellen,
der kam doch dem Wasser bedenklich nah.
Gib Obacht, Füchslein! Die Wellen!

„Mein Freund!“  rief der Biber, „Das Wasser ist kalt!
Du bist nicht als Schwimmer geboren!“
„Wen scherts!“ denkt das Füchslein, „Mein Freund ist der nicht!“
Just hat es den Halt schon verloren!

Es prustet und planscht im eiskalten Bach
und wie' s um sein Leben dort zappelt,
hat der Biber nicht lange erst nachgedacht
und sich ganz schnell aufgerappelt.

Nun sitzt dort das Füchslein und trocknet sein Fell.
Äugt verschämt auf die Seite zum Biber:
„Einen Freund, so wie dich – den hätt' ich doch gern!“
Sprichts, und reicht ihm die Pfote hinüber.

 

Tret ich des morgens durch die Tür in meinen Garten,
so sehe ich das ganze Jahr dort Blumen blüh'n:
Primeln und Winterlinge konnten's kaum erwarten,
mit ihren bunten Köpfchen durch den Schnee zu glüh'n.
Veilchen, Vergissmeinnicht und Hyazinthen haben
im Lenz das große Beet in blauen Samt gehüllt.
Und sommers darf ich mich am Rosenduft erlaben,
der rings herum die ganze Luft erfüllt.
Und stehn im Herbst die Dahlien in Pracht und Blüte
Und der Gladiolen rotes Feuerschwert,
dann dank' ich der Natur für ihre Güte,
die Jahr um Jahr mein Herz mit solcher Freude nährt.

 

Gott schuf mir meinen Körper wie ein Haus,
aus dem ich voller Freude in die Weite schaue.
So schreite ich voll Tatkraft mutig in die Welt hinaus
Weil ich nun meiner eignen Stärke ganz vertraue!
Und alles, was mein Ohr erlauscht,
und was mein Blick ergreift,
wie Blut durch meine Adern rauscht -
und in der Seele mir zu einem Ganzen reift.

 

Seht, er reitet geschwind,
galoppiert wie der Wind,
dass der Staub fliegt unter den Hufen.
Schwingt die Lanze geschickt;
und als ich ihn erblickt
heißt mein Herz mich, ihm zuzurufen:
„Nimm mich mit, Reitersmann,
lass uns reiten sodann
fernen Ländern im Sturme entgegen!“
Sieh, er zügelt sein Pferd,
blickt mich an, macht dann kehrt -
Doch nun wage ich kaum, mich zu regen.

„Bist du mutig und kühn,
so steig auf; lass uns ziehn,
Und dann bist du der Unseren einer!“
Also nehm' ich mein Herz
in die Hand; und der Schmerz
meines Abschieds wird leichter und kleiner.
Seht, nun reit ich geschwind,
auf und fort mit dem Wind,
folg dem Rufe der lockenden Fernen.
Eines Tages vielleicht,
wenn ich Vieles erreicht,
ruht mein Haupt unter heimischen Sternen.

 

Unter hohen Tannen, lichten Birken, mächt'gen Eichen
atme ich des Waldes wundersamen Duft;
Zwischen Laub und Moos erblicke ich der Tiere Zeichen,
Höre, wie im Himmelsblau ein Vogel einsam ruft.
Spricht der Schöpfergeist durch die Natur ganz ohne Worte,
lausche ich der Botschaft still und ehrfurchtsvoll:
Hier, wie auch an jedem anderen Orte,
Bin ich selbst es, der der Schöpfung Werk vollenden soll. 

 

Auf meiner Leinwand finden sich viel Farben,
die sorgsam ich im Tiegel mir gemischt:
zunächst ein sanftes Blau, wie hingewischt,
daneben Honiggelb, wie von Getreidegarben.

Es folgt Zinnoberrot und Pfirsichblüt';
in Spuren nur, und erst die Form noch findend;
dann, kräftig zu den Rändern hin sich windend
Safran, Türkis, und auch ein Purpur glüht.

Wo sie zu kräftig ineinander wollen,
das Weiß der Leinwand heftig überrollen,
dort sättigt sich das Aug' an Schönheit kaum.

Doch wo ich Maß und Grenze ihnen setze,
zu Dichtes sanft mit Wässrigem benetze,
entfaltet sich der reiche Farbenraum.

 

Ein Lehrling, dem es leidlich noch gebrach
an jener hohen Kunst, das reine Gold zu schmieden,
trat keck zu dem Gesellen hin und sprach:
„Wir sind doch beide nicht so sehr verschieden.

Bedenkt man's recht: fast eine gleiche Paarung!
Was dir das Leben mehr an Jahren misst,
und, meinetwillen, etwas an Erfahrung,
von mir durch Körperkraft und Größe auszugleichen ist.“

Stumm reicht ihm der Geselle Hammer, Riegel, Zange:
„So schmiede einen passgenauen Kreis aus dieser güldnen Schiene!
Du sahst es oft beim Meister – zögere nicht lange!“
Und sieht ihm bei der Arbeit zu mit unbewegter Miene.

Nach einer guten Weile hält der Junge recht beklommen
in seiner Hand nur eine Handvoll krumm gebogner Ösen.
Er hofft, der Meister möge endlich wiederkommen,
um ihn von dieser peinvoll harten Prüfung zu erlösen.

Da sieht er auf des Meisters Tisch, vollendet an Gestalt,
ein wundersam geflochten Band  aus edlen Ringen.
„Mach nie – spricht der Gesell' - auf deinem Weg zu früh schon Halt.
Dann kann auch dir solch Schönes einst gelingen!“

 

„Mein Eigenes!“

Was ich erbaut mit meinen eignen Händen:
mein Haus, in dem ich selbst nur wohne,
es gleichet meinem Leib, den zu vollenden
nur mir geziemt, der Schöpfung edle Krone.
Mein Geist sei klar und meine Seele kühn,
so kann ich meinen eignen Weg beschreiten!
Und wird mir selber Weisheit einst erblühn,
darf ich auch helfend Andere geleiten.

 

Was wird mir im Leben am meisten nützen -
Nur zu siegen im Kampf und im Spiel?
Dem Edlen zu folgen, die Schwachen zu schützen,
Das bleibe mein vornehmstes Ziel!

 

Vier fröhliche Ferkelchen fanden dereinst
in ihrem streng stinkenden Koben,
Vergnügen daran,
sich mit Schlamm zu bespritzen,
durcheinander zu flitzen,
in der Hitze zu schwitzen,
Und im blubbernden Matsch rumzutoben.

Mit rosarot-kreisrunden Steckdosenschnauzen
den glitschigen Kot umzupflügen,
sich zu schubbern die fett-feisten borstigen Plauzen:
Welch ein schmutz-schweinig-schönes Vergnügen!

Hoch oben im First saß Feinspinn, die Katze,
drauf bedacht, ihr glänzendes Fell zu schonen.
Sie leckte sich zierlich die reinweiße Tatze;
Ihre Miene glich Sauerbier mit Zitronen!

Blitzt mit schlitzigem Blick, miezt mit fistelnder Stimme
ganz von oben herab auf die Schweine:
„Welch höchst widernatürliches Treiben ihr pflegt!
Kommt doch schleunigst mit euch mal ins Reine!“

Die Ferkelchen äugen zum First empor
und grunzen vergnügt nach oben:
„Ihr huldigt der Tugend der Reinlichkeit -
Wir wollen die Freuden des Schlammbades loben!

Euer Preis, Frau Griesgram, scheint uns viel zu hoch,
solch täglichen Spaß zu verpassen!
Vielleicht solltet Ihr lieber selbst hin und wieder
mal so richtig die Sau raus lassen!“

 

Mein Auge schaut die Farben dieser Welt,
Mein Ohr lauscht ihrer mannigfachen Töne,
Mit starken Armen schaff ich, was gefällt,
In meinem Herzen lebe stets das Schöne.
So schreite ich auf dem geraden Pfad
mag er auch steil und steinig scheinen.
Und edel wirkt im Großen meine Tat
mein Leben lang - und täglich auch im Kleinen!

 

„Der schnelle Schneider“

Ei, wie schnell saust die Nadel, führt Stich er um Stich,
gleiches Maß stets, doch ganz ohne Hast. 
Jedes Knopfloch wird sorgsam nun eingefasst,
Dass auch jeder der Knöpfe hinein dort passt.
Jede Naht ist ein haarfeiner Strich.

Jedes Kleid ein Juwel, jedes Hemd eine Zier
und kein Bund je zu eng oder weit.
Stets adrett die Manschetten, ob schmal oder breit,
Alle Schleifen zum Zubinden allzeit bereit,
Ob Damast oder dünn wie Papier.

Alle Falten und Biesen so scharf wie die Klingen,
Jeder Paspelwulst sitzt akkurat.
Dabei kann er noch fröhlich ein Liedchen sich singen,
Mit der Elle den Lehrjungen Mores beibringen:
Unser Schneider – ein Meister der Tat!

 

Ein Nympfchen, ein Elflein und ein Salamander
die trafen sich einstmals am großen Stein,
Sie stritten und riefen dort wild durcheinander,
Doch eigentlich wollten sie Freunde sein.
Der Salamander, ganz ungeheuer,
macht viel Rauch um nichts und beschwört das Feuer,
Die Elfe, dies leichte und sonnige Wesen,
durchschneidet die Luft wie ein Hexenbesen.
Die Nymphe, sie sprudelt ohn' Unterlass,
Macht Elflein und Salamander ganz nass.
Den Lärm hört ein Gnom von recht grober Statur,
Er spricht mit gewichtiger Miene:
„Schließt Friede! Zum Wohle von Mensch und Natur,
der auch ich, so wie ihr alle, diene!“

Da wurden die drei auf einmal ganz still -
Nur noch Wärme und Wind und ein Rauschen.
Wer nun draußen den Geistern begegnen will,
der muss achtsam sein und lauschen!

 

Ahne ich des nachts den Lauf der Sterne,
wie sie meiner Seele Weg im Schlaf begleiten,
wie sie leuchten mir aus Weltenferne,
Raum und Zeit im Inneren mir weiten -
Spüre ich des Mondes sanftes Trösten,
das da wirkt im Spiegel meiner Seele,
seiner Strahlen Kraft, die in mir lösten
Kummer, der fortan mich nicht mehr quäle -
Blicke ich am Tag nun auf zur Sonne,
die den Erdenweg mir hell bescheinet,
Weiß ich, dass mein Sein und Tun im Guten
Sich mit Weltenwirken hier zu einem Ganzen einet.

 

Der Weg mag steinig sein und steil,
das Ziel noch ungewiss im Trüben.
Was hindert's mich, letztlich zum Heil,
mich dennoch in Geduld zu üben!
Ein jeder Schritt den ich gegangen,
war schon als kleiner Sieg zu loben,
und hätte ich nicht angefangen,
dann käm' ich niemals bis nach oben!
Drum lasst mich stetig weiter schreiten,
lasst beides, Maß und Ziel, mir unbenommen!
Geduld und Tugend soll mich leiten
und die Gewissheit, oben anzukommen.

 

Ein Starenküken hockt schlafend im Nest
und träumte, dass bald es schon flöge
auf Schwingen, wie jene des Adlers so groß,
und dass es mit Kranich und Albatros
übers Meer in den Süden zöge.
Da traf ein Windstoß das Starenkind
und warf es hinab vom Baume.
Gar heftig hat es sich da erschreckt,
denn unsanft ward es aufgeweckt
aus seinem schönen Traume.
Nun brauch deine Flügel, kleiner Star!
Und übe, sie fleißig zu schwingen.
Was morgens noch träumender Wunsch dir war,
kann, wenn du nicht zauderst, am Abend schon gar
dir ganz vortrefflich gelingen!

 

Am Rande eines Felds voll hoher Roggenähren
blüht roter Mohn und weiße Ackerwinden;
kleine Kamillenblüten sind zu finden
und Salbei auch, von dessen Tau sich Schmetterlinge nähren.

Die stolzen Halme blicken streng auf jene Kräuter nieder:
„Wir sinds, aus deren Korn die Menscheit Brot sich bäckt,
weil eures Unkrauts kümmerliche Frucht nicht nährt, noch schmeckt!
So weichet – und erscheint im nächsten Jahr nicht wieder!“

Die Blümlein wispern leis': „Wir dienen gerne allen,
die uns um unsrer Blüte Duft und Farbe loben.
Euch schuf des Menschen Kunst – doch uns des Schöpfers Weisheit droben!“
- und lassen mit dem Wind ihr Samenkorn zu Boden fallen.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar