Der Leuchtkäfer

Die Erzählung von Elisabeth Klein eignet sich für Veranstaltungen zu Johanni. Auf bildhafte und prägnante Weise wird stimmungsvoll die Hinwendung der Natur zum Kosmos in den Tagen und Nächten um die Sommersonnenwende geschildert. Durch ihre Kürze lässt sich die Erzählung gut auf einer Feier vor Unterstufenklassen erzählen.
 

Der Leuchtkäfer

Der Schöpfer hat nicht nur alles nacheinander geschaffen, Himmel und Erde, die Sterne, das Gras, das Korn, die Vögel, die Krokodile und Löwen und alles andere, sondern er hat auch das Geschaffene immer weiter verschönert. So kamen auch die Käfer einmal wieder an die Reihe. Jeder wurde besonders geschmückt. Der Hirschkäfer bekam das Hirschgeweih, der Nashornkäfer sein prächtiges Horn, der Goldlaufkäfer das goldglänzende Grün seiner Flügel, manche bekamen Fühler, die wie feine Bürsten und Pinsel waren, der Schnellkäfer lernte gar, einen Purzelbaum hoch in die Luft zu machen. Die Grille lernte das Zirpen, das Heimchen das Geigen, alles surrte und schnarrte, es war ein fröhliches Treiben und alle waren zufrieden. Endlich am Abend war die Arbeit fertig. Bunt und prächtig, schön geformt standen die Käfer vor dem Schöpfer und sagten Dank. Die Sonne war im Untergehen.
Als die meisten Käfer schon fortgeflogen waren, kam plötzlich unter einem Blatt ein grauer, ganz unscheinbarer Käfer zum Vorschein, der dort geschlafen hatte, und krabbelte vor den Thron des Herrn. Er sah noch die letzten der reich beschenkten Käfer und merkte gleich, was vor sich gegangen war.
»Ich bin ein Nachtkäfer und habe geschlafen, während du meine Brüder beschenkt hast«, sagte der kleine Käfer traurig zu dem Schöpfer. »Ich weiß nicht, ob du mir jetzt noch etwas schenken kannst.«
Diesmal wäre der Allvater fast ratlos geworden. Denn seine Farben waren zu Ende, alle prächtigen Flügeldecken und Musikinstrumente hatte er vergeben. Es war nichts mehr da.
Während der Schöpfer um sich blickte und das Käferchen ihn erwartungsvoll anschaute, war der Mond aufgegangen; der Abendstern leuchtete und die ersten Sterne blinkten. Da fand der Schöpfer Rat.
»Weil du der letzte Käfer bist, sollst du etwas Besonderes geschenkt bekommen«, sagte er freundlich zu dem kleinen Käfer. »Ich schenke dir etwas, was zur Nacht gehört. Du bekommst die Gabe, in der Nacht leuchten zu können, weil ich dich erst jetzt, in der Nacht, beschenken kann.« Und der Schöpfer nahm Licht von den Sternen und dem Mond und schenkte es dem kleinen Käfer und gab ihm den Namen »Leuchtkäfer«. Noch heute gibt es den Leuchtkäfer, und er leuchtet am schönsten in den Juninächten zur Zeit der Sommersonnenwende. Ein wunderschönes, sanftes Licht verbreiten die Leuchtkäfer in den Sommernächten. Wenn ihr den Käfer aber bei Tag seht, sieht er noch so unscheinbar und grau aus wie damals, bevor er beschenkt wurde. Dafür kann er in der Nacht wie ein kleiner Stern leuchten.
 
Diese und weitere sinnige Geschichten finden Sie in:  Elisabeth Klein: Von Pflanzen und Tieren, Steinen und Sternen“, erschienen im Mellinger Verlag, Stuttgart. Sie können das Buch hier bestellen.
 
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