Ostern, Hinmelfahrt, Pfingsten

Ein Beitrag von Samuel Schober (Waldorfschule Karl Schubert • Graz)

Unsere Vorfahren, die vor dem Anbruch der Neuzeit lebten, hatten noch ein weit innigeres und intensiveres Verhältnis zur Natur mit allen ihren Rhythmen und Prozessen. Noch heute können wir, wenn wir es bewusst wollen, nachempfinden, wie die Sonne sich in der Morgenfrühe frisch und triumphierend über die Dunkelheit erhebt, zu Mittag gewaltig und herrschend wird, gegen Abend ihre Kraft nach und nach mildert und zuletzt alt und besonnen im Abendrot die Erde mit ihrem goldenen Licht beschenkend, Abschied nimmt. Wir müssen uns dieses Miterleben in unseren Vorfahren weit stärker vorstellen, als wir das heute vermögen, dann kann uns auch nachvollziehbar werden wie eine uns vorangegangene Menschheit, in den Naturprozessen alles religiöse und menschliche Leben kosmisch ausgedrückt fand. Der Ostergedanke findet sein Urbild in dem Triumpf, den die Sonne jeden Frühling, aber auch jeden Morgen feiert, wenn sie unbeschadet die Zeit der Dunkelheit überwindet und alle Schwere abwirft. Denn Ostern ist das Fest des Triumpfes des Geistes über die Materie. Das Osterfest soll uns erleben lassen, dass der unsterbliche Geist des Menschen nicht an sein irdisches Gefäß, den Leib, gebunden ist. Die Kräfte des Todes erfassen unseren Leib, der aus irdischen Stoffen geformt ist und einmal wieder zur Erde zurückkehren wird. Was wir aber durch unseren Leib vermittelt lernen und erringen konnten, ist geistiger Natur und nicht an die Leibesprozesse gebunden. Nicht die Kreuzigung ist das Hauptmotiv des Osterfestes. Die Kreuzigung ist nur das Karfreitag Vorspiel, vor dessen Hintergrund die Auferstehung mit ihrer erlösenden Kraft deutlich empfunden wird. Im Ostermysterium kann uns klar werden, dass aller Schmerz nur ein Durchgangsstadium ist, um unseren Geist umso kräftiger und heller Strahlen zu lassen, wenn er die Hürden überwunden hat. Auf ganz andere, gegensätzliche, Weise als das Weihnachtsfest, ist auch das Osterfest ein Fest der Geburt. Der Geburtsprozess selbst mag eine schmerzvolle, existenzielle Erfahrung sein, die Geburt im Gesamten gehört, wenn sie gut verlaufen ist, zu den erhebensten Feieraugenblicken, die man als Mensch erleben kann. So ist das Osterfest ein Bild des existenziellen Ringens, das eine Frucht hervorbringt, die uns das Leid reichlich verlohnt. Wo der Mensch in seinem Leben Leid erfahren und Mühe aufwenden muss, kann er ein kleines, persönliches Ostern erleben, wenn er lernend in Kraft verwandelt, was zuvor Schmerz war. Er kann dann, auf sein Leben zurückblickend erleben, dass die schweren Phasen des Lebens, wenn man sie bemeistert hat und aus genügend großem Abstand daraufblickt,  unentbehrlich und für die persönliche Entwicklung von großer Bedeutung  sind. Es sind die Geburtsmomente unserer Fähigkeiten. Zu Weihnachten feiern wir die Geburt, die das Geistige zur Erde bringt, mit ihr verbindet. Es ist die Geburt des Geistes auf der Erde. Mit dem Osterfest feiern wir, was wir dem Erdenleben für den Geist entringen; wir feiern die Geburt des selbstständigen, vom Erdenleib unabhängigem Leben. Das Osterfest soll uns die Gewissheit geben, dass der Tod, vom geistigen Gesichtspunkt aus betrachtet, eine geistige Geburt ist.

Vierzig Tage nach dem Ostersonntag feiern wir Christi Himmelfahrt. Hier steht das Bild vor uns, wie Christus vor den Augen der Jünger zum Himmel emporgehoben wird und ihren Blicken entschwindet. Von nun an sind die Jünger auf sich alleine gestellt. In dem Bild des in den Himmel emporgehobenen Christus, können wir erleben, wie der Christus dem persönlichen Umgang mit den Jüngern entrückt wird und sich mit der ganzen Atmosphäre der Erde verbindet. 

Pfingsten wird am fünfzigsten Tag nach dem Ostersonntag gefeiert. Es ist das Fest der menschlichen Individualität. Um selbstständig zu werden, muss jeder Mensch früher oder später einen Abnabelungsprozess durchlaufen. In diesem Prozess, weist der Mensch seine bisherigen Autoritäten zurück und stellt sich auf einen eigenen Standpunkt. Im einzelnen Menschenleben ist in der Regel die Pubertät der Entwicklungspunkt dieser Abnabelung. Damit der Mensch diesen Prozess gesund vollziehen kann, ist es eine Voraussetzung, dass er genügend Urteilsfähigkeit erworben hat, um einen eigenen Standpunkt finden und vertreten zu können. Indem das Kind nach und nach sein Denken schult und Lebenserfahrung sammelt, bringt es jene Urteilsfähigkeit zur Reife, die ihm später die Abnabelung ermöglichen wird; was ich selber erkennen kann, muss ich mir nicht von anderen sagen lassen, wo ich sicher bin, brauche ich nicht zu fragen. Das Pfingstfest ist ein Fest, der Geistsicherheit, die der Mensch nicht durch äußere Einrichtungen und Autorität, sondern durch seine eigenständige Erkenntniskraft erreichen soll. Das Himmelfahrtsereignis entzog den Jüngern ihren Meister, der sie geführt hatte und nun sich mit der ganzen Erdenatmosphäre verbunden hatte. Nicht von außen konnten die Jünger durch Christus geführt werden, nur durch die eigene Erkenntnis konnten sie aus seinem Geiste heraus wirken. Das wird uns im Bild der Flammenzungen über den Häuptern der Jünger gezeigt. Erst jetzt haben sie den christlichen Geist so weit in sich aufnehmen können, dass sie befähigt sind, aus diesem heraus zu handeln, zu lehren und damit auch das Christentum zu verkünden. Deshalb ist das Pfingstereignis auch mit der Aussendung der Apostel verknüpft. Der Geist an und für sich steht über allen Kulturen. Die Wahrheit ist nicht davon beeinflusst, welcher Herkunft ein Mensch ist oder von seinem Geschlecht und ebensowenig von Bräuchen, Sitten und Sprache. Manchmal mag das zwar anders scheinen, weil wir durch unsere Herkunft bestimmte Perspektiven einzunehmen gewöhnt sind und unsere Ansichten und Meinungen, von ihnen geprägt sind. Die Form, in der sich uns der Geist offenbaren kann, darf aber nicht mit dem Geist selbst verwechselt werden. Die Wahrheit bleibt eine alle Menschen umspannende Einheit, auch wenn unterschiedliche Menschen nur eine bestimmte Perspektive auf sie einnehmen können und sich daher, durch ihre Einseitigkeit verschuldet, in Widersprüche verwickelt. Wer ehrlich nach Wahrheit sucht, kann aber nach und nach seine Einseitigkeiten überwinden und verstehen, weshalb ein anderer Mensch zu anderen Ansichten gelangt ist. Das Pfingstfest soll uns das erleben lassen und symbolisiert es in der Fähigkeit der Jünger, in allen Zunge (in allen Sprachen) zu sprechen. Denn wem der Geist im Inneren erwacht, dem werden alle Menschen verständlich. Daher ist das Pfingstfest auch ein Fest der neuen Gemeinschaftbildung; einer Gemeinschaft, die nicht auf biologischer Verwandtschaft, sondern auf gegenseitigem Verständnis basiert und daher alle Völker, Ethnien, Kulturen, Geschlechter und Schichten miteinander verbinden kann.

Die Jahresfeste des Frühlings sind daher eigentlich noch zukünftige Feste, indem sie auf etwas verweisen, was der Mensch erst noch zu lernen hat: ein so waches Erleben des eigenen Geistes, dass seine Unabhängigkeit von der Leiblichkeit bewusst werden kann (Osterfest) und das Handeln in der Welt durch echte Erkenntnis, die unabhängig von meiner Herkunft gewonnen wird (Pfingsten).

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