Herbst und Winter

Ein Beitrag von Samuel Schober (Waldorfschule Karl Schubert • Graz)

Der Jahreslauf spiegelt die rhythmische Beziehung zwischen Sonne und Erde wider. Diese rhythmische Beziehung zwischen Sonne und Erde schenkt uns die Jahreszeiten mit allen Eigenschaften, ihren spezifischen Temperaturen: dem Verhältnis von Licht und Dunkelheit mit den entsprechenden Tageslägen, ihren Witterungen und Stimmungen etc. 

Durch unsere Jahresfeste stellen wir uns bewusst miterlebend in diesen kosmischen Rhythmus hinein. Sie lassen uns auch erleben, wie im Wechsel der Zeiten, die Seele des Menschen urbildhaft vor uns ausgebreitet liegt.

Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, die Sonne ihre herrschende Kraft verliert, die Temperaturen sinken, die Blätter welken und zu Boden fallen, dann lässt uns die Natur erleben, was auch Erlebnis jeder einzelnen Menschenseele wird, wenn sie Abschied nimmt oder dem Tod, im weitesten Sinne, entgegenblickt. Wie diese ernsten Stunden uns auf uns selbst besinnen lassen und uns gewahr wird, dass wir nur alleine diese Prüfung bestehen können, so sehen wir uns im Herbst in die Häuser zurückziehen und können die erwartungsvolle Stille um uns herum hören. Von der Schwelle des Todes kommt uns die Frage entgegen: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Hast du zur Frucht gebracht, was du als Keim in dieses Leben hereingetragen hast?

Der Herbst ist eben auch die Jahreszeit der Frucht und der Ernte. Kurz nach Schulbeginn, Ende September, feiern wir das Michaelifest, das uns sinnbildhaft vor Augen führt, was wir an der Herbstzeit lernen dürfen. Als ein Wahrbild erhebt sich vor uns der Drache, der uns an Kräften weit überlegen scheint und uns mit der Vernichtung droht. Ihm müssen wir uns als Individuum stellen, wenn er uns durch die größte Bedrohung prüft. Fassen wir den Mut, uns dieser Bedrohung zu stellen, können wir eines gewaltigen Trostes teilhaftig werden; der Tod hatte nur über dasjenige Macht, was an uns nicht mehr entwicklungsfähig war. Er ist uns schrecklich erschienen, konnte aber nur von uns nehmen, was wir als Schlacke des Lebens an uns trugen. Unsere entwicklungsfähigen Lebensfrüchte kann er nicht antasten. Die Stimme in uns, die uns gemahnt, unsere Seele zur reifen Frucht zu entwickeln und uns Mut und Zuversicht zuspricht, dem Drachen entgegenzutreten, erscheint uns im Sinnbild des Erzengels Michael als schützende Macht, die die Macht des Drachens dämpft. Unzählige Male können wir uns im Lebenslauf der Bedrohung des Todes ausgesetzt finden. Jede Enttäuschung lässt uns den Abschied von einer Hoffnung, einer lieb gewordenen Täuschung, erleiden. Sie schenkt uns aber auch die Erfahrung, dass erhalten bleibt, was Zukunftskräfte in sich birgt und unter dem Schutze Michaels stand; ganz nach dem Sprichwort: „Wo sich eine Türe schließt, geht eine andere auf.“ So trägt jede Frucht in sich die Samen für Neues. Man sollte nicht die Bedeutung unterschätzen, die solch ein Fest für die Vorbereitung des Kindes auf seine Lebensaufgaben haben kann. 

Nach dem Michaelifest nimmt die Länge der Tage rasch ab. Im November ist die Natur Abbild von äußerer Armut und Not, in der die kahlen Bäume wie Gerippe stehen und die Kälte bis in die Glieder greift. 

Der Bettler ist ebenfalls Bild der äußersten Not und der Hilfsbedürftigkeit. In der Martinslegende soll er das Mitleid in den Herzen der Kinder erregen. Sie sollten den Wunsch empfinden, handelnd helfen zu können und Befriedigung dabei erleben, wenn Martin den Mantel teilt. Der Höhepunkt der Martinslegende ist aber keinesfalls die Teilung des Mantels, sondern, dass infolge dieser Tat Christus dem Martin im Traum offenbart, dass er es war, der von Martin den Mantel empfing. 

Das sollte nicht in der Weise aufgefasst werden, als hätte Christus, als Bettler verkleidet, Martin geprüft, sondern so, dass die Kinder im Lauschen der Geschichte erleben können, Christus, das Göttliche, lebt in jedem Menschen. Wer an den notleidenden Menschen vorbei geht, geht an Christus vorbei, wer sich durch die Not eines Menschen zur helfenden Tat erregen lässt, arbeitet an der Verchristlichung der Erde mit. 

Mit dem Martinsfest ist der Laternenumzug verbunden. Es stellt den Kindern vor die Sinne: In Kälte und Dunkelheit, die uns äußerlich umfängt, tragen wir warm und hell in uns das Bewusstseinslicht. Wir tragen es strahlend in die Welt. Wir können die Welt erleuchten helfen, wie Martin dem Bettler Licht und Wärme spendete. 

In die Adventzeit fallen die Tage der heiligen Barbara und des heiligen Nikolaus; auch sie bieten schöne Gelegenheit seelenstärkende nährende Bilder vor die Kinder zu stellen. 

Die Adventzeit selbst ist die dunkelste Zeit des Jahres. Sie selbst ist kein Fest, sondern eine Zeit des Lauschens als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Die Stimmung der Stille und des Wartens kann durch Kerzenlicht und Erzählungen begleitet werden. Worauf warten wir? Was erlebt das Kind, wenn es erwartungsvoll bei Kerzenschein einer Geschichte lauscht, die von dem geheimnisvollen Ereignis erzählt, das in wenigen Tagen sich erfüllen soll? 
Das Weihnachtsfest ist, wie alle anderen Feste auch, nicht bloß das Andenken an ein historisches Ereignis, das weit in der Menschheitsgeschichte zurückliegt, an das man glaubt oder auch nicht. Es ist auch, und vor allem, ein innerseelisches Erlebnis, das sich in jedem Menschen ereignen kann. Der Mystiker Angelus Silesius brachte das im 17. Jahrhundert in folgenden Zeilen zum Ausdruck: 

Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren. 

Was ist es, das in mir zur Geburt kommen soll? Es ist das Bewusstseinslicht, das sich in äußerer Finsternis und Stille in mir zart offenbaren kann; im Kinde noch ganz anfänglich, zart und unscheinbar. Die Hirten, die reinen Herzens sind, können seine Wärme, die Könige, als Repräsentanten der Menschenwürde, sein Licht empfangen. Sie können auf unterschiedliche Weise den Weg zur Geburtsstätte des Kindes finden, das einst uns erlösen soll von unseren leidvollen Verwicklungen in den Schicksalsfäden unserer Erdenleben. 

So feiern wir in den dunklen Jahreszeiten jene Feste des geistigen Lichtes, die die moralisch geistigen Kräfte in uns erwecken sollen. 

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