R. Steiner zum Fasching

Unsere Kultur hat es schon recht weisheitsvoll eingerichtet, wenn sie jedes Jahr ein Fest feiert, welches diesen Moment auf den Punkt bringt. Es ist das Faschingsfest. In einem Arbeitervortrag am 5. März 1924 hat Rudolf Steiner die Frage nach dem Hintergrund der Fastnacht beleuchtet (GA 353, 2. Vortrag, S.33ff):

Fragesteller: „Es wird nach dem Zweck der Fastnacht, des Faschings, gefragt, ob man dar­über etwas von Dr. Steiner hören könne? Woher das Fastnachtsfest komme, was es bedeutet?“

Dr. Steiner: (…) „Denn eigentlich würde das Fa­schingsfest tief eingreifen in das ganze soziale Leben, wenn es den ursprünglichen Sinn, den es zum Beispiel im alten Rom gehabt hat, wo es etwas früher gefeiert worden ist, wieder bekommen hätte.

Gehen wir gerade ins alte Rom zurück, dann finden wir das Fol­gende. Die Leute waren damals auch, wenn man so sagen darf, so eingeteilt, wie hier in der jetzigen Zeit: der eine war Staatsbeamter, der andere war Krieger, der dritte war Arbeiter und so weiter, und die Einteilung war damals mindestens im sozialen Sinne noch härter als heute. Denn derjenige, der Sklave war, konnte ja sogar als Mensch gekauft werden! So dass man sagen kann: Es war der Unter­schied der Menschen im alten Rom noch ein sehr, sehr bedeutender. Aber das Bewusstsein, dass man diese oder jene Stellung hat, das soll­te wenigstens für einige Tage des Jahres verloren gehen. Nicht wahr, heute redet man von der Demokratie und meint, zunächst allerdings mehr im theoretischen Sinne, dass alle Menschen gleich seien. Nun, das haben die Römer durchaus nicht irgendwie geglaubt, sondern bei denen war derjenige, der in irgendeinem höheren Stand geboren worden war, erst ein richtiger Mensch. Sie wissen ja, dass bis in unse­re Zeiten herein noch für gewisse Leute das Sprichwort gegolten hat: Der Mensch fängt erst beim Baron an. - Also diejenigen, die unter dem Baron sind, sind keine Menschen.

Im alten Rom war das natürlich außerordentlich stark. Wenn auch dazumal der Adel in der Weise nicht eingeführt war, wie er dann später erschien - denn das ist eine mittelalterliche Einrichtung aus der so genannten Feudalzeit -, so war aber doch ein großer Un­terschied der Stände im alten Rom üblich. Nun aber, ein paar Tage im Jahr hindurch sollten die Menschen gleich sein, sollte Demokra­tie herrschen. Das konnte man natürlich nicht so machen, dass die Menschen mit ihren gewöhnlichen Gesichtern kommen, sonst hätte man sie ja erkannt; da mussten sie Masken tragen. Da waren sie dann, was die Masken waren. Da gab es dann auch einen Menschen, der Faschingskönig war. Der konnte in diesen Tagen tun, was er wollte. Er konnte Befehle ausüben, während er sonst nur Befehle empfangen hat. Und das ganze Rom war in dieser Zeit ein paar Tage verrückt, von der Stelle gerückt; und die Menschen konnten sich auch ihren Vorgesetzten gegenüber anders benehmen, brauchten ih­nen gegenüber nicht höflich zu sein - also für einige Tage, um die Menschen gleich zu machen! Und diese Einrichtung hat natürlich dazu geführt, dass die Leute in diesen Tagen nicht gerade geweint und getrauen haben; denn das hat sie gefreut, dass sie ein paar Tage so leben konnten. Aus dieser Freude heraus ist dann die Faschings­lustbarkeit geworden: Die Leute haben nur tolle Streiche gemacht, wenn sie frei geworden sind für ein paar Tage. Und so ist die ganze Faschingsvergnüglichkeit entstanden.

Die Folge davon war, dass, weil das den Leuten sehr gut gefallen hat, es sich auch erhalten hat. Aber die Dinge erhalten sich, ohne dass man den ursprünglichen Sinn noch weiß. So bleibt nur der Fa­sching als die Zeit, in der man tolle Streiche macht - weil man da tol­le Streiche machen durfte. (…)“

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