Das Adventsgärtlein

Ein Beitrag von Rita Pätzold (Erzieherin im Waldorfkindergarten Heilbronn)

„In der dunklen Nacht, ist ein Stern erwacht, leuchtet hell am Himmelszelt schenkt sein Licht der ganzen Welt!"

Im Laufe meiner langen Kindergärtnerinnenzeit ist für mich das bewusste Erleben der Jahreszeiten und der dazu gehö­renden Jahresfeste etwas ganz Wesentliches geworden. Ich freue mich auf die äußere Gestaltung der Feste, aber auch auf die inneren Prozesse, die mehr unsichtbar ablaufen und meine Arbeit sehr tragen. Jedes Jahr erlebe ich das neu und merke, wie es sich immer mehr vertieft und an Bedeutung gewinnt.

In unseren Kindergärten wird traditionell am ersten Ad­ventswochenende das Adventsgärtlein gefeiert. Feste sind Glanzlichter im Alltag und das Adventsgärtlein ist einer der Höhepunkte im Jahreslauf. Dieses Fest, das einen immer wieder gleichen Ablauf hat, taucht zuverlässig jedes Jahr um die gleiche Zeit auf.
 


Mittlerweile haben auch Eltern und andere Menschen die Möglichkeit, am Freitagabend vor dem ersten Advent selbst in die Spirale hineinzugehen und ihr Apfellicht anzuzün­den. Für die Erwachsenen wird das Adventsgärtlein ein we­nig anders gestaltet. Gedichte und Musik sind auf den Er­wachsenen abgestimmt, aber der Weg in die Spirale hinein ist immer der Gleiche.

Das Adventsgärtlein ist ein noch „junges" Fest und stammt wohl aus dem bayrischen Wald. Von dort ist es in die Schweiz getragen worden und hat zunächst in den heilpä­dagogischen Einrichtungen Fuß gefasst. 1925 ist es erstmals im Sonnenhof in Arlesheim gefeiert worden. Später ist es in die Waldorfkindergärten „weitergewandert" und auch in die untersten Klassen der Waldorfschulen. Heute ist der Brauch, ein Adventsgärtlein zu feiern, in ganz vielen Waldorfeinrich­tungen zu finden.

Das Adventsgärtlein ist eine meditative und stimmungsvolle Feier, die auf die Adventszeit einstimmen will. Dieses Ritu­al steht für den Weg, den wir in der Adventszeit innerlich zurücklegen. Wir entzünden unser kleines Licht an dem großen Weihnachts- oder Christuslicht und tragen es dann in die dunkle Welt hinaus. Das ist ungemein tröstlich, wenn draußen in der Natur die Dunkelheit am größten ist. Das Adventsgärtlein ist auch ein Vorbote des Weihnachtsfestes. Wir machen uns auf den Weg das Christkind zu empfangen.

Wenn die Familien am ersten Adventswochenende in den Kindergarten kommen, ist dieser ganz verwandelt. Schon der Eingang in den Kindergarten und der Flur sind advent­lich festlich geschmückt. Der Gruppenraum ist ganz ausge­räumt und auf dem Fußboden ist mit Tannenzweigen und Moos eine Spirale gelegt, in deren Mitte eine große Kerze auf einem Berg steht. In der Spirale liegen goldene Sterne, Edelsteine und Rosen. Auch der Berg ist geschmückt mit Moos, Edelsteinen und einer Lilie. In die Spirale hinein führt ein mit Tannengrün geschmücktes Tor. (Eine Gruppe feiert das Adventsgärtlein in der Schule, weil der Gruppenraum dafür zu klein ist.)
 


Im Raum ist es dunkel, bis auf die Kerze in der Mitte. Nach und nach erstrahlt die Spirale. Mit jedem Apfellicht wird es heller, bis die ganze Spirale hell erleuchtet ist. Wenn jedes Kind seinen Apfel mit der Kerze abgestellt hat, ist aus dem dunklen Raum ein heller, vom Kerzenlicht erfüllter Raum geworden. Begleitet werden die Kinder bei ihrem Weg in das Innere der Spirale mit einer kleinen Leier- oder Flötenmusik, die in Quinten-Stimmung gehalten ist. Zwischendurch wer­den Adventslieder gesungen und am Schluss ertönt: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“

Dieses einfache, aber sehr stimmungsvolle Ritual hat eine tiefe Wirkung auf die Kinder. Sie sind ganz erwartungsvoll, wann sie an der Reihe sind und gestalten ihren Weg in die Spirale individuell. Größere Kinder gehen gern allein, kleine Kinder genießen es begleitet zu werden. Es kann aber auch anders gewünscht sein. Die begleitende Kindergärtnerin spürt immer ab, wie es für das einzelne Kind stimmig ist. Manchmal begleitet auch die Mutter das Kind. Es gibt kein richtig oder falsch.

Nicht nur der eigene Weg in die Spirale, auch der Weg je­des anderen Kindes wird miterlebt und innerlich begleitet. Was für eine Bedeutung das Erleben des Adventsgärtleins für das Kind hat, kann ganz unterschiedlich sein und mag sich auch im Laufe der Kindergartenzeit ändern. Die Kinder er­leben die Bedeutung ganz intuitiv. Das ist das Wunderbare an Ritualen! Sie lassen Spielraum für verschiedenste Arten des Erlebens und Empfindens. Jeder nimmt für sich etwas anderes daraus mit.

Zunächst muss man durch ein Tor hindurchgehen. Das Tor (geschmückt mit frischen Tannenzweigen) symbolisiert den Übergang in einen anderen Bereich. Hier fängt etwas Neues an. Die Kinder bekommen vor dem Tor ihr Apfellicht und tragen es dann in den Bereich der Spirale hinein.

Die Spirale ist in allen Kulturen ein uraltes heiliges Symbol. In der Natur ist die Spiralform immer und immer wieder zu finden: in Muscheln, Schnecken, dem Fruchtstand von Pflanzen und auch die Spinnen bauen ihr Netz spiralförmig. Sie ist ein Symbol für unendliche Bewegung, für die Einheit von Denken und Sein, Leben und Tod. Die Spirale ist seit je­her auch ein Symbol für den Weg der Menschenseele zu sich selbst. Während der Kreis Innen- und Außenraum abtrennt, führt bei der Spirale ein Weg von außen nach innen.

In der Mitte der Spirale leuchtet eine große Kerze auf dem Adventsberg. Es ist das „ewige Licht", das nie erlöscht, der Mittelpunkt, von dem alles ausgeht und in den alles wieder einmündet. Es ist das Weihnachtslicht oder auch das Christuslicht. Beim Hineingehen in die Spirale kommen die Kinder zu diesem Licht in der Mitte. Der Weg in die Spira­le könnte auch als Bild für die kindliche Biographie stehen: das Suchen eines Lichts auf dem Lebensweg und mit diesem Licht die Umgebung für alle anderen mit zu erhellen.

Die Kerze, die jedes Kind an dem Licht in der Mitte der Spi­rale entzündet, steckt in einem Apfel. Der Apfel erinnert an die Erschaffung des Menschen und den Sündenfall. Der Be­griff der Sünde hat seinen Ursprung in der Absonderung. In­dem der Mensch im Paradies sich seiner Nacktheit bewusst wird, sondert er sich ab. Er entwickelt ein Bewusstsein von sich selbst.

Der Apfel, einst vom Baume der Erkenntnis, wird im Ad­ventsgärtlein nun zum Träger des Lichtes und steht als Symbol für die irdischen Erkenntniskräfte. Das Licht der brennenden Kerze ist ein lebendiges Licht, das nur so lange Licht und Wärme verbreitet, als es von seiner eigenen Sub­stanz etwas hingibt. Außerdem strebt die Flamme immer nach oben. Wenn wir den Apfel als Symbol der irdischen Er­kenntniskräfte zum Träger des Lichts machen, welches aus der irdischen Sphäre hinaus zu dringen versucht, haben wir das Bild des Aufsteigens von der Naturerkenntnis zur Geist-Erkenntnis.

Diese Apfellichter stehen auf einem goldenen Stern. Seit Jahrtausenden dienen die Sterne als Wegweiser und selbst heute noch ist dies so geblieben. Der Stern ist auch ein Schutzsymbol. Der Fünfstern offenbart den Menschen als Mikrokosmos. Damit wird die Beherrschung der Elemente durch den Geist ausgedrückt. Der Fünfstern ist auch Symbol für die göttliche Ordnung, welcher alle Mächte der Unord­nung weichen müssen. Seit Urzeiten ist er in allen Tempeln und Mysterienstätten als stärkster Schutz gegen die Geister der Verwirrung und Zerstörung zu finden und seit jeher werden ihm magische Wirkungen und Schutz vor elemen­taren Einflüssen zugeschrieben. Goldene Sterne kommen natürlich vom Himmel!

Vielleicht macht es das Geheimnis des Adventsgärtlein aus, dass so viele Wahrbilder darin zu spüren sind. Wir können uns diese bewusst machen und dann dieses Fest nicht nur aus Tradition, sondern aus Einsicht mit den Kindern feiern. Ein solches Fest kann dann Seelennahrung für die Kinder und auch für die Erwachsenen sein.

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