Meister Braunkappe

Eine Geschichte von Michael Bauer

„Schau mal, Mama“, ruft die kleine Fichte, „ich habe was Wehes an der großen Zehe!“ „Tut's weh?“, fragt die Fichtenmama und beugt ihren Gipfel herüber, um besser sehen zu können. „O du dummes Patscherl“, sagt sie gleich darauf, „das ist ja gar nicht an deiner großen Zehe, das ist ja unser Steinpilz. He, Meister Braunkappe, macht noch ein Rucklein, schaut ganz heraus!“

Da schießt der Steinpilz noch ein Stücklein in die Höhe und schiebt gleich ein wenig seinen braunen Hut auf die Seite, um der alten Fichte „Grüß Gott“ sagen zu können. „Ei der Daus“, ruft der Steinpilz, „ich glaube, ich sitze genau am gleichen Platz wie im vorigen Jahr! Grüß Gott, alte Fich­te! Euer Töchterlein ist aber schon ein stämmiges Bäumchen geworden!“

„Ihr seid ja heuer gar der erste eurer ganzen Sippe. Kommen noch mehr von euch nach?“ „Noch eine ganze Menge kommen nach. Aber, liebe Fichte, schaut einmal, seht Ihr da oben überm Wald gar kein Regen­wölklein, ich habe einen ganz entsetzlichen Durst.“ „Ihr seid wohl nicht gescheit, Meister Braunkappe. Seit acht Tagen tropft uns der Regen von den Haaren und dem Rin­denkleid, und Ihr habt noch nicht genug!“ „Ach, was wisst Ihr von unserem Schwammerldurst? Ihr nehmt Euch Zeit zum Wachsen, alle Jahr ein Zweiglein, alle Jahr ein Ringlein am Stamm. Wir aber sind in drei Tagen alte Herren. Dazu sollen wir doch auch noch ein ordentliches, glattes weißes Bäuchlein zeigen können. Oder glaubt Ihr, ich wollte ausschauen wie unser böser Vetter Kain, der Teufels­pilz? Spindeldürr und rot und blau am ganzen Leib!“ „Ich meine, ihr Steinpilze pflegt überhaupt wenig Freund­schaft mit den anderen Schwammerln.“ „Oh, mit unseren Tanten, den Birkenschwämmen, halten wir immer noch fest zusammen, wenn diese auch nicht ganz so edel sind wie wir. Aber von der anderen Sippschaft wollen wir nichts wissen. Denkt Euch, was mir voriges Jahr passiert ist: Steht da ganz neben mir so ein grauschwarzer Bovist. Aus Langweile will ich mich mit dem Kerlchen ein wenig unter­halten, und da bläst mir der Bengel seinen ganzen Beutel voll Staub ins Gesicht. Ich hätte weinen können vor Wut. Mein Großvater, der seinen Platz unter der großen Buche hatte, ist auch ausgezogen. Er konnte sich vor den vielen Semmelpilzen nicht mehr halten. Sollen wir da für die Sipp­schaft noch Freundschaft aufbringen?“ „Und wie steht ihr euch mit den roten Fliegenpilzen?“, fragt die Fichte.

„Nun ja, wert sind die auch nichts, aber es sind hübsche Damen, und deswegen sehen wir sie ganz gern in unserer Nähe. Aber schaut mal: Bei Eurer großen Wurzel kommt schon mein Büblein herauf!“ Voll Stolz schaut der alte Steinpilz auf das kleine kugelrunde Kerlchen mit dem viel zu kleinen hellbraunen Käpplein. Plötzlich aber taucht von drüben her auf der Kappe eine garstige weiße schleimige Schnecke auf. Der alte Steinpilz wird ganz krumm vor lauter Schrecken. „Bitte, liebe Fichte, schnell, schnell jagt mit Euren Zweigen die böse Schnecke davon, die frisst mir sonst mein ganzes Büblein!“ „Ich kann nicht so weit hinunterlangen, probiere du es, Töch­terlein!“ Wirklich gelingt es der kleinen Fichte, mit ihren spitzen Nadeln die böse Schnecke zu vertreiben. Aber da schreckt die drei schon ein froher Bubenjauchzer, und bevor die beiden Fichten ihre Schützlinge verbergen können, hat ein kleiner Bub mit einem Körblein am Arm nach den schö­nen Steinpilzen gegriffen und sie in sein Körblein gesteckt.

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