Espenlaub

Eine Geschichte von Michael Bauer

Einst war der Heiland auf seiner Wanderung in einen Wald gekommen. Die Bäume erkannten ihn sogleich und neigten sich ehrfürchtig zum Gruße. Alle taten das, bis auf die Espe. Die allein blieb gleich­gültig und beugte sich nicht. Jesus hieß die Leute, die ihm nachgefolgt waren, sich lagern. Er selbst trat auf einen kleinen Hügel und begann zu predigen. Eine gewaltige Predigt mit herrlichen Gleichnissen vom Himmelreich hielt er dem lauschenden Volk. Der Wald war dabei still wie ein Dom. Kein Vöglein rührte sich. Die Bäume standen feierlich. Alle Bäume, bis auf die Espe. Die allein flatterte und zappelte mit ihren Blättern, als gäbe es nichts zu hören und zu stören. Als Jesus seine Rede beschlossen hatte, verweilte er noch ein wenig und richtete den Blick ernst und streng gegen die Espe. Dann sprach er zu ihr: »Du hattest keine Luft, ein Stündlein stillezuhalten und zuzuhören, nicht wahr? Und du mochtest dich auch nicht beirren lassen durch das Beispiel aller deiner Gefährten im Wald? Gar so eilig und wichtig hattest du es, hin und her zu flattern mit deinen Blättern gerade jetzt! - Nun gut.

So sei dir denn befohlen, zu flattern und zu zittern von nun an immerzu! Immerzu, bis du durch dein eigenes friedloses Leben lerntest die Sehnsucht der Menschen nach Stille und Herzensfrieden, die meine Predigt ihnen hatte brin­gen wollen, die du so gern gestört hättest, sofern du es nur vermöchtest. Dir geschehe nach meinem Wort!«

Damit verließ er den Wald. Auf die Espe war eine Furcht gefallen von jener Stunde an. Immerfort sah man sie seitdem beben und zittern, und das tut sie bis heute noch.

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