Der Schwarzspecht

Eine Nordische Sage erzählt von Michael Bauer

Der Herr Jesus und der heilige Petrus waren einmal viele Stunden unterwegs gewesen, ohne einen Menschen oder ein Dorf zu treffen. Die Gegend war überaus einsam. Endlich sahen sie doch ein kleines Gehöft. Der Schlot des Hauses rauchte. Und Petrus, der schon lange tüchtig hungerte, sagte bittend zum Herrn: »Wollen wir doch einkehren!« Der Herr war's zufrieden.

Als sie eintraten, fanden sie die Bäuerin am Backtrog stehend und Brotteig knetend.

„Wir hätten gern ein wenig gerastet bei Euch“, sagte der Herr. „Und hätten auch gern ein wenig was zu essen“, sagte Petrus. „Das Rasten kostet nichts; das könnt ihr!«, antwortete die Frau. „Mit dem Essen steht es schlechter.“ „Wird Euer Ernst nicht sein“, meinte Petrus. „Ein Stückchen Brot habt Ihr doch wohl übrig für uns!“ „Das alte Brot ist alle; das neue liegt noch im Trog, wie ihr seht. Es tut mir leid!“, sagte die Frau. Und das letzte, was sie sagte, klang hart und abweisend, nicht teilnehmend. Petrus wusste aber, dass die Bäuerinnen mitunter flache Ku­chen aus dem Brotteig formen und diese vor dem Brot in der Glut rasch herausbacken. Er schlug das der Frau vor und schilderte noch eindringlich den weiten Weg und seinen Hunger dazu. Mürrisch fügte sie sich.

Sie nahm ein Stück Teig aus dem Backtrog und legte es in den Ofen. Als sie eine Weile später nachsah, war das Stück Teig ein verwunderlich großer Kuchen geworden. „Den kann ich euch nicht geben; das wäre des Guten zu viel!“, sagte sie. So nahm sie denn von neuem etwas Teig; viel weniger als das erste Mal. Doch auch dieses Fleckchen breitete sich in der Hitze mächtig aus. Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Ei, auch das war zu viel!“ Jetzt nahm sie aber wirklich ein klein-klein-winzig Ecklein Teig; knapp so viel, wie wenn die kleinen Kinder am Sand­haufen Brotbacken spielen. Nun war das Wunder offenbar: Dies armselige bisslein Teig wuchs und wuchs, ging in die Höhe und dehnte sich in die Breite und wurde ein prächtiger Kuchen. Man sollte denken, die Frau hätte sich die hungri­gen Wanderer jetzt genauer betrachtet. Aber nein. „Das ist einmal merkwürdig!“, sprach sie, „und mir ein deutliches Zeichen, dass ihr zwei bei mir nichts kriegen sollt.“ Petrus verließ jetzt zornig das Haus.

Der Herr blieb noch einen Augenblick. Er schaute der Frau ernst ins Gesicht und sagte: „Du scheinst nicht zu wissen, wie der Hunger tut. So musst du es denn lernen! Von nun an sollst du mühselig zwischen Holz und Rinde am Baum deine Nahrung suchen, niemals Überfluss, aber oft Mangel haben!“ - Bei diesen Worten verwandel­te sich die Frau in einen Vogel, der schnell auf den Backtrog und von da durch den Schornstein in den Wald flog. Man kriegt den Vogel nicht oft zu sehen, denn er ist sehr scheu. Zu kennen ist er leicht, wenn man ihn sieht. Er ist kohlschwarz und hat auf dem Kopf ein rotes Käpplein. Schwarz wurde er, wie er durch den Schornstein schlüpfte; das rote Käpplein kommt von dem roten Tuch, das sich die Bäuerin beim Teigkneten übers Haar gebunden hatte. Von morgens früh bis spät in den Abend hinein sucht er eifrig die Bäume nach Larven und Käfern ab, und es sieht wirklich so aus, als ob er nie recht satt würde. Bei uns heißt er Schwarzspecht. Es gibt aber Gegenden, wo ihn die Leute Gertrudsvogel nennen. Sie sagen, die verwunschene Bäuerin habe Gertrud geheißen.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar