Als die Tiere noch im Paradies lebten ...

Eine Ansprache aus der Freien Waldorfschule Leipzig

Liebe 2. Klasse,

als die Tiere noch im Paradies lebten, wo es Nahrung und Futter in Hülle und Fülle gab, und sie nichts zu tun brauchten als zu fressen und zu schlafen, da wurden sie so träge und so faul, dass Adam es nicht mehr mit ansehen konnte. Deshalb rief er sie alle zusammen und sagte: „Ihr könnt nicht weiter so faul dahinleben. Jeder von euch muss etwas lernen. In einem Jahr treffen wir uns wieder unter diesem Baum und jeder zeigt dann, was er kann."

Die Zeit verging, das Jahr ging schnell vorüber. Als Adam rief, kamen sie alle und führten voller Stolz vor, was sie unterdessen gelernt hatten. Adam staunte, als das Huhn Eier legte, als die Bienen Honig machten und die Spinne ihre herrlichen Netze vorführte. Der Frosch konnte quaken, die Nachtigall konnte singen, und der Hund verstand sogar die Sprache der Menschen. Die Schwalbe zeígte, wie man ein Nest baut und der Maulwurf zeigte, wie man Hügel aufwirft.

Ja, alle waren fleissig gewesen, vor allem die Ameisen und die Bienen. Selbst der Storch hatte wenigstens gelernt, mit seinem langen Schnabel zu klappern und der Esel schrie so laut, dass alle lachen mussten. Am Schluss war nur noch der Hecht übrig. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn er war wie immer nur faul herumgeschwommen und hatte nichts gelernt. Als die Reihe an ihn kam, lag er nur da und schnappte nach Luft.

„Was hast denn du gelernt im letzten Jahr?", fragte Adam. Der Hecht wagte nicht zu sprechen, denn er hatte ja nichts gelernt. „Hast du mir nichts zu sagen?", fragte Adam ihn wieder. Der Hecht schwieg trotzig.

„Nun gut, mein Lieber! Das Pferd kann wenigstens wiehern, aber du kannst nichts als stumm herumliegen und schweigen, weil du dich schämst. Künftig sollst du immer schweigen und stumm sein wie ein Fisch." Seither hat man vom Hecht keinen Ton mehr gehört!

Ja, liebe Kinder, da seht ihr, wie es dem Hecht ergangen ist und ich bin ja so froh, das ihr nicht so faul seid wie unser Hecht, sondern vielmehr so fleissig wie die Bienen und die Ameisen. Ihr habt ein Jahr lang vieles gelernt und so sitzt ihr nun schon zum zweiten Mal bei einer Schulanfangsfeier und kommt in die 2. Klasse. Da wartet auch wieder viel Arbeit, Freude und Spass auf uns. Wir werden die kleinen Buchstaben kennenlernen und mit noch größeren Zahlen rechnen. Wir werden viele Tiergeschichten, aber auch Geschichten von guten Menschen und Heiligen hören. Ja, und sicher habt ihr schon mal gehört, wie die Erwachsenen sagen: „Kinder, wie die Zeit vergeht!"

Das werden wir uns ganz genau anschauen, was es mit der Zeit auf sich hat. - Liebe Kinder, ich freue mich auf das vor uns liegende Schuljahr.

Anita Zebrowski

 

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