„Der Zufall nützt nur dem darauf vorbereiteten Verstand"

Eine Ansprache aus der Freien Waldorfschule Leipzig

Liebe 13. Klasse,

was haben die Begriffe „Pockenschutzimpfung", „Röntgenstrahlen", „Lithium", „Penicillin", „Helicobacter pylori" und „Viagra" gemein? Es handelt sich bei allen um Zufallsentdeckungen in der Medizin. Sie wurden gefunden, obwohl sie niemals gesucht wurden. Noch heute gibt es solche Entdeckungen, obwohl man in den vergangenen Jahrzehnten vielfach dachte, mit der Molekulargenetik sei die Zeit der absichtslosen Entdeckungen endgültig vorbei und die Zukunft der Arzneimittelentwicklung liege im - wie man es nannte - „zielgerichteten Design von Wirkstoffen".

So kann man es nachlesen in einem interessanten Artikel, der in der „Zeit" erschienen ist über das, was die Mediziner „Serendipität" nennen und damit derartige Zufallsentdeckungen meinen. Der Name geht auf ein orientalische Märchen zurück, in dem drei Prinzen aus Serendip (ein alter Name für Ceylon / Sri Lanka) mit viel Wagemut und Glück auf ihren Reisen Dinge entdecken, nach denen sie gar nicht gesucht haben.

Nun ist das mit den neuen Erkenntnissen in der Medizin etwas komplizierter. Das Grundproblem besteht darin, dass man nie genau weiß, was man eigentlich nicht weiß. Um in diesem Zustand des Nichtwissens handlungsfähig zu bleiben, entwickelt man in den Naturwissenschaften Experimente. Und eben dann sind es mitunter gerade die unbeabsichtigten "Nebenwirkungen" solcher Experimente, die zu neuen Erkenntnissen führen. Doch die muss man erst einmal entdecken können.

Ich möchte Euch die Geschichte von zwei australischen Forschern erzählen, die das Bakterium Helicobacter pylori entdeckten. Diese Geschichte zeigt, dass manche Entdeckungen Jahre brauchen, bis sie als solche anerkannt werden. Der australische Forscher Robin Warren entdeckte 1979 in den Gewebeproben von Magengeschwüren Bakterien. Das passte in keiner Weise zu der damals vorherrschenden Auffassung, wonach 1. im Magen niemals Bakterien leben können, da sie von der Magensäure zerstört werden müssten und 2. Magengeschwüre auf eine andere Ursache als Bakterien, nämlich Stress, zurückzuführen sei.

So blieb Warren zwei Jahre mit seiner Entdeckung allein, ehe er einen Mitstreiter fand: Barry Marshall. Dieser führte Studien durch und konnte nachweisen, dass Bakterieninfektionen und Magenschleimhautentzündungen häufig einher gingen. Das bis dato noch unbekannte Bakterium erhielt den Namen Helibacter pylori.

Die Fachwelt hielt dennoch an ihren Dogmen fest, weil das Bakterium nicht bei allen Infizierten notwendig zu einer Magenschleimhautentzündung führte. Da führte Marshall einen unge-wöhnlichen Beweis in Form eines Selbstexperiments durch. Er schluckte eine frische Bakteriensuspension.

Innerhalb einer Woche erkrankte Marshall an einer schweren Magenschleimhautentzündung, die mit einem Antibiotikum geheilt werden musste. Das war 1984, 2005 dann erhielten - nach 25 Jahren des Forschens - Warren und Marshall den Medizinnobelpreis.

Der berühmter französicher Chemiker Louis Pasteur sagte einmal, „der Zufall nützt nur dem darauf vorbereiteten Verstand". Wenn Ihr Euch in diesem Schuljahr auf die Prüfungen vorbereitet, dann nutzt das auch dafür, Eure Wahrnehmung weiter zu schärfen, für all das, was nebenher und „rein zufällig" geschieht, damit ihr vorbereitet seid auf das, was das Leben nach den Prüfungen für Euch bereit hält.

Das jedenfalls wünscht Euch

Eure Karola Pfeiffer

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