Die richtige Rede

Georg Kühlewinds Buch „Vom Normalen zum Gesunden“ enthält zahlreiche Übungen, die für das Leben und die eigene Entwicklung sehr wertvoll sein können. In den folgenden seinem Buch entnommenen Abschnitten führt er seine Gedanken zur „richtigen Rede“ aus. In Zeiten von Fake News und gesellschaftlicher Spaltung scheinen sie aktueller denn je. Ein sehr lesenswertes Buch.

[…] Die Fähigkeit, die vom Menschen am meisten missbraucht wird, ist die Rede. Das Sprechen würde dazu dienen, die durch ihr Bewusstsein getrennten Menschen auf freie Weise zu verbinden - wir haben das Freilassende im Wesen des Wortes erkannt -, damit der Mensch zum Sprechen greifen kann, wenn er etwas zu sagen hat. Man kann beim Kind, wenn es sprechen lernt, die reine Freude an dem neuen Können bewundern, auch wie schöpferisch die Sprache oft vom Kinde gebraucht wird. Vergleichen Sie damit eine schein­bar ganz harmlose Form der missbrauchten Rede: das Geschwätz. Es ist auch am Geschwätz eine Freude bemerkbar. Diese ist aber von völlig anderer Qualität als die des sprechenden Kindes: sie gilt der Selbstempfindung während des Schwatzens und wird durch seinen Inhalt gesteigert. Schwatzen heißt: »Schau her, was ich alles weiß, wie gut informiert ich bin, wie klug, wie gut, wie geistreich«; dazu kommt die Lust, über Schwächen anderer Menschen zu berichten. Diese Freude gilt weder der Fähigkeit, sprechen zu können, noch dem Mitgeteilten, sondern sie ist eine rein egoistische Freude. Das Geschwätz muss sein, man fühlt sich unwohl, wenn in der Gesell­schaft Stille herrscht. Schauen Sie einmal nach, seit wann ist das so?

Die Geschichte des Geschwätzes müsste noch geschrieben werden, sie reicht nicht sehr weit zurück in der Zeit.

Diese Gewohnheit enthält eine ganze Reihe von Unwahrhaftigkeiten, und diese zeugen und gebären weitere Unwahrhaftigkeiten. So wird das Wort selbst, unsere Brücke zum anderen Menschen, als Nicht-Wort, als Spielmünze etwa, als Karte im Kartenspiel gebraucht. Das setzt den Wert des Wortes herab, wie auch der Wert des Geldes durch Falschgeld vermindert wird. Es ist das Wort, womit und wogegen der Mensch am meisten sündigt. […]

 

Sprechen und Zuhören

Die rich­tige Rede beginnt mit dem richtigen Hinhören, womit man das Verstehen des anderen vorbereitet; dieses Verstehen, worüber man sich nie durch Worte oder äußere Zeichen vergewissern kann, geht nicht nur auf das Gesagte ein, sondern gilt dem anderen Menschen. Spricht der andere nun nicht aus Routine, aus seinem Fertigen heraus, sondern aus seiner Gegenwärtigkeit, was ihm dabei jetzt aufgeht, was er jetzt als Wahrheit erlebt, dann blüht im Gespräch das Wort zwischen zwei Menschen auf. Auch das, was er schon früher gewusst hat, kann der Mensch jetzt neu erleben. Jeder Päd­agoge kennt den Unterschied auch in der Wirkung von einer Rede oder einem Vortrag, die aus dem Gedächtnis gehalten werden, und einer Rede, in welcher das Gesagte jetzt neu produziert, neu ge­dacht, neu verstanden wird.

Die Wärme des Gesprächs, das Nährende und Erquickende liegt zwischen den Worten, über den Worten - im Wort - im Verstehen. Das Erquickendste ist das völlig wörterlose Verstehen - im Wort -, das selten, in glücklichen Augenblicken zwischen Menschen auf­leuchtet. Ein Gespräch findet immer zwischen zwei Menschen statt, auch wenn dem Anschein nach mehrere miteinander oder einer zu mehreren sprechen: dabei spricht immer einer mit einem.

In einem solchen idealen Gespräch zeigt sich das Wesen und das Wunder der Sprache, auch der wortlosen Sprache: ihre Heiligkeit, die das Wunder der Überbrückung zwischen zwei getrennten Bewusstseinen ermöglicht. […]

Es kann uns daher nicht wundern, wenn als eine der grundlegen­den seelenhygienischen Maßnahmen die Übung der richtigen Rede angesehen werden muss. Die unrichtige Rede schadet am meisten dem, der sie ausübt. In ihm wird die hellste überbewusste Fähigkeit auf einer ihr nicht entsprechenden Ebene, d.h. verkehrt, verdorben gebraucht: missbraucht. […]

Da das Reden im Leben geschieht, als die allgemeinste Tätigkeit, ist die allgemeinste hygienische Maßnahme im Leben, im Alltag zu praktizieren: die richtige Rede. Man kann sie nicht allein ausüben. Sie kann innerhalb der »Zeitoase« ausgeübt werden oder außerhalb diese, wenn einem das möglich ist. Man muss für jeden Tag oder für den Tag, an dem man die Übung vornehmen will, im Voraus die Möglichkeit, den Zeitpunkt bestimmen, einen Zeitpunkt, in dem man eine Unterredung, ein Gespräch mit einem Menschen haben wird.

Die Übung besteht aus mehreren Phasen, die einzeln oder auch zusammen ausgeübt werden können. Am Anfang ist es viel­leicht angebracht, gelegentlich jeweils nur eine Phase zu üben; später baut man sie zu einer vollständigen Übung zusammen.

Die erste Phase der Übung ist das richtige Zuhören, man könnte sie auch das richtige Schweigen nennen. Man versucht, den anderen Menschen, d.h. den Sprechenden in ihm, nicht seine äußere Erschei­nung, wahrzunehmen. Die Hinwendung der Aufmerksamkeit soll möglichst vollständig sein. Zuerst ist man gedanklich aufmerksam, d.h. man versucht, nicht die eigenen Gedanken zu denken, die während der Rede des anderen in einem auftauchen, als Antwort, als Kritik, als begleitende Bemerkung oder als Beifall, sondern man ist bestrebt, seine, des Sprechenden Gedanken mitzudenken, sorg­fältig erwägend von Zeit zu Zeit, ob man ihn durch seine Worte wirklich versteht, ob sich nicht Widersprüche durch unsere Missinterpretation zeigen. Als nächstes kann man auch versuchen, mit tieferen Seelenschichten aufmerksam zu sein, mit dem Fühlen den Sprechenden zu erfassen. Dabei muss jede - auch die spontane -Sympathie und Antipathie zum Schweigen gebracht werden, es handelt sich nicht um Gefühle, die der Sprechende in mir auslöst, sondern um rein erkennendes Fühlen, das ihm gilt - so wie ich bei einem Kunstphänomen oder einer Landschaft deren spezielle Ge­fühlsfärbung erfahren kann.

In dem inneren Entgegenschweigen soll Bejahung oder Ablehnung, Kritik oder Freude am Inhalt des Gesagten stillgelegt werden. Es sollte keine Beurteilung - z.B. was die Qualität des Gesagten betrifft - in uns aufkommen. Die Beurteilung und die Bildung einer Antwort erfolgt nachher umso schneller und zutreffender, je mehr wir im Zuhören wach sind, d.h. dem Sprechenden ganz zugewandt und nicht durch unsere eigenen Gedanken und sofortige Kritik abgelenkt.

Es ist zu sehen, dass die kleine, harmlos erscheinende Maßnahme des richtigen Zuhörens oder Schweigens gar nicht einfach ist und eine Reihe von inneren Gebärden fordert und voraussetzt. Beson­ders, wenn auch in Betracht gezogen wird, dass das charakterisierte Sich-Hinwenden weder eine Pose sein noch zu einer Verkrampfung führen soll. Vielleicht ist es zunächst unvermeidlich, dass es als Pose beginnt, nach und nach arbeitet man aber an der »Verwirklichung« der Gebärde, wobei das Posenhafte abgebaut und durch wirkliches Interesse ersetzt wird: Posenhaft bleibt es, solange man nicht weiß, was zu tun ist. Auch die Verkrampfung tritt bei jeder Übung am Anfang fast immer auf, auch als spürbarer körperlicher Krampf. Das Abbauen des Krampfes ist eine Übung für sich. Verkrampftes Üben ist kein Üben, wie man auch keine künstlerische Tätigkeit verkrampft ausüben kann. Das Abbauen ist nie ausreichend, wenn es bei der Lockerung der körperlichen Verkrampfung bleibt. Wird die seelische Verkrampfung nicht gelöst, so stellen sich die körperli­chen Formen bald wieder ein. Der seelische Krampf kann am besten dadurch gelöst werden, dass man sich völlig »krampflos« natürliche Vorgänge vorstellt und versucht, sich in diese einzule­ben, mit ihnen identisch zu werden. Solche Bilder können sein: Wie ein Blatt sich im Winde bewegt, es fliegt nicht mit, es bleibt am Ast, aber gibt leicht, ohne Widerstand nach; wie ein Schwan mühe­los, leicht im Wasser schwebt; wie eine Wolke am Himmel segelt; wie ein Blatt unter dem Gewicht des Schnees sich immer mehr neigt, bis der Schnee dann glatt und rucklos von ihm abgleitet. Das Beste ist, wenn man sich selber Beispiele sucht.

 

Dazwischenreden

Bei dieser Übung ist es besonders wirksam, wenn man den oft gespürten Impuls, beim Zuhören gleich dazwischenzureden, den anderen zu unterbrechen, eliminiert, aber wohl bemerkt, dass der Impuls da ist. Nach und nach wird auch der Impuls ausbleiben. Aus solchem »Verzicht« wächst die Kraft für das autonome Ich-Wesen.

Mit der Zeit wächst das Entgegenschweigen aus einer negativen, verzichtenden Gebärde zu einer positiven, dem anderen helfenden Seelenhaltung. Unsere innere Stille wirkt nicht nur Störungen und Hinderungen entgegen, sondern bildet ein freundliches Heim für das Reden des anderen, eine Vorwegnahme, eine Vorahnung des Verstandenwerdens für ihn: er wird leichter und besser sprechen. Dieses Entgegenkommen bedeutet ebenso wenig ein Bejahen des gesprochenen Inhaltes noch ein Ablehnen: Das Verstehen ist bar jeglicher Beurteilung und hilft auch eventuell dem Sprechenden, sich selbst richtig zu verstehen.

Man wird bemerken, dass diese Übung, wie auch die weiteren, gegen die Gewohnheiten, die Impulse des Unterbewussten, arbei­tet. Alles, was bewusst, bedacht vom autonomen Ich-Wesen aus getan wird, steht im Gegenstrom der unterbewusst impulsierten Gewohnheiten. Das ist eine der Ursachen, weshalb man die Übun­gen im Allgemeinen nicht auf den ganzen Tag ausbreiten soll und kann. Man beschränke sie auf eine geplante Zeitspanne von 10-30 Minuten. Sie werden umso stärker auf den ganzen Tagesablauf einwirken, je weniger wir außerhalb der befristeten Übungszeit uns darum kümmern. Außer der Übungszeit lebe man spontan und unbekümmert. Das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass man auf nichts achte, was sich auf das Reden bezieht. Zum Beispiel sollte man dem »unrichtigen Reden« anderer nicht zuhören, wenn es nicht sein muss, also nicht absichtlich hinlauschen, wenn es einen nichts angeht. Das ungute Reden ist stets mit unguten Gefühlen verwoben, eben das zieht einen an und bewirkt in dem Zuhörenden unhygienische Seelengestaltungen. […]

Hat man das richtige Hören eine Weile geübt und damit einigerma­ßen erlernt, so kann man die Übung der richtigen Rede mit einem weiteren »Unterlassen« fortsetzen: man achte darauf, dass man nichts Überflüssiges rede, nicht um des Redens willen spreche, nicht schwatze. Natürlich ist es dabei schwierig festzustellen, was überflüssig ist. Man kann das Gespräch auch nachträglich darauf­hin untersuchen. Oft sind wir versucht, etwas in Sprache zu brin­gen, worauf wir verzichten könnten. Verwirklicht man den Ver­zicht, so wird man bemerken, dass aus ihm Kräfte fließen, die eine bessere Erkenntnis des Verschwiegenen ermöglichen. Aus dem Verzicht auf das Geschwätz kommen die im Unterbewußten gefan­genen Kräfte dem sprechenden Ich-Wesen zugute. Man achte be­sonders auf die Impulse, Böses, Ungutes von einem Dritten, nicht Anwesenden zu reden, seine Schwächen zu »besprechen«, was man in seiner Anwesenheit nicht tun würde. Es ist ratsam, sich zu fragen: würde ich das ihm selber sagen? Und man unterlasse alles, das man vor dem Betreffenden nicht sagen würde. Und man unter­lasse auch, das in seiner Abwesenheit zu sagen, was man in seiner Anwesenheit sagen könnte.

Natürlich bedeuten solche Vorschläge keine starren Regeln. Es gibt Fälle, wo man den Sprechenden unterbrechen muss - man tue es sanft, ohne Emotion und ohne Emotionen zu entfachen. Es gibt Fälle, in denen man über Abwesende sprechen muss: man tue es nach Möglichkeit so, als ob sie anwesend wären.

Sind die mehr passiven Seiten - das Zuhören und der Verzicht auf überflüssiges Reden - erübt, so kann der Übende sich zum positiven Reden wenden: dieser Teil der Übung ist leicht formulier­bar. Man rede nur, wenn man etwas zu sagen hat. Vielleicht werden Sie die Empfindung haben: dann besteht auch dieser Teil der Übung meistens aus Schweigen. […]

Das ganze Leben des Menschen könnte eine richtige Rede sein: ein fernes, fast unerreichbar scheinendes Ziel. Wer aber dem Uner­reichbaren nicht zustrebt, wird auch das Erreichbare nicht erlangen. […]

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