Lyrik – Klang - Bewegung
Ein Beitrag von Florian Rothacker, Fachlehrer Deutsch; Eva Maria Hammon, Fachlehrerin Eurythmie
Eine kombinierte Epoche Deutsch & Eurythmie an der Rudolf-Steiner-Schule St. Gallen
Die Lyrik-Epoche im 10. Schuljahr ist einer der «Klassiker» des Lehrplanes. Sich mit der «verdichteten» Sprache auseinanderzusetzen, die Entwicklung der Lyrik durch die Jahrhunderte und Stilepochen hindurch kennen zu lernen und zu verstehen, Gedichte zu analysieren und zu deuten – und auch selber kreativ Gedichte zu schreiben: Das sind die Inhalte, die «normalerweise» in diese Epoche gehören.
Den beiden Fachlehrpersonen in Deutsch und Eurythmie, Florian Rothacker und Eva Maria Hammon, war es ein Anliegen, die Lyrik neben diesen herkömmlichen Herangehensweisen auch von einer anderen Seite erfahrbar zu machen: nämlich das Spiel mit Klängen und Wort-Bildern. So planten die beiden Lehrkräfte eine gemeinsame Epoche mit Sprache, Klang und Bewegung.
Die Grund-Idee war, dass die Schülerinnen und Schüler zunächst einmal ganz einfache, schlichte lyrische Versuche machten – ob Haikus oder andere kleinere drei- bis sechszeilige Gedichte, es ging darum, erst einmal eine Sammlung an selbst geschriebenen kürzeren Gedichten zu erstellen, die möglichst klare, stimmungsmässig fassbare Bilder in sich tragen.
In einem zweiten Schritt brachten die Schüler:innen nun verschiedene Gegenstände mit, mit denen man interessante Klänge erzeugen kann: Gläser, eine Noppenfolie, Bürsten, Zeitungspapier, Reis in einer Metallschale, einen Eierschneider, Topfdeckel… der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Mit diesen Klänge-erzeugenden Gegenständen wurde nun an zwei Tagen geübt, Klangbilder herzustellen.
Danach teilten sich die Schüler:innen in fünf Gruppen auf für den dritten Schritt. Dieser bestand darin, dass jede Gruppe sich aus den selbst geschriebenen Gedichten eines aussuchte, um es in ein Klangbild zu «giessen». Es ging also darum, mit den verschiedenen Gegenständen eine Klang-Collage zu entwickeln, die sowohl zeitlich wie räumlich die Stimmung des Gedicht-Textes wiedergibt, ohne aber ein Wort aus dem Gedicht darin zu sprechen! Diese Aufgabe war einerseits eine grosse Herausforderung, weckte aber die Kreativität der Jugendlichen auf ungemein belebende Weise. Bald waren alle vertieft in die Kreation ihrer Klang-Collagen und es entstanden unglaubliche Bilder – rein durch die erzeugten Klänge.
Da es leider hier in schriftlicher Form nicht möglich ist, einen Eindruck dieser Klang-Collagen zu erzeugen, seien hier wenigstens drei der Gedichte wiedergegeben, zu denen eindrückliche Klangbilder kreiert wurden:
Winter
An einem späten Winterabend
Still liegt der Schnee auf den Straßen.
Neu rieselt es leise,
Auf die Gleiche stille Weise,
Und Frieden in Häusern und Gassen.
Victor Kesseli
Des Himmels düstre Last
Der Wolken schwere Last ruhet über
Des gold’nen Kornes Feldern wieder
Ein kühler Wind Bedrohung bringt
Verdeckt von Wolken ruht die Sonne
Es scheint als tät’ der düstre Schleier
Zu sinken immer tiefer ab.
Der Donner mahnt aus nahen Fernen
Bald tobt des Himmels Wut herab.
Der Regen schlägt vom Himmel nieder
Und Donnerblitze zucken über
Der weiten Lande Felder, Ähren
Im Schein des gold’nen Lichtes liegen.
Carina Mitterlechner
Wünschen
Laternen steigen gen Himmel schnell
Und leuchtende Wünsche erstrahlen hell
Weit in die Höhe entschwinden.
Gedanken und Hoffnungen schweben dort droben,
bis alle die Funken zum Himmel entstoben,
Die Blicke im Äther sich finden.
Gianna Hasler
Die von einer Gruppe erstellte Klang-Collage zu dem Gedicht «Wünschen» wurde schliesslich in einem vierten Schritt ausgewählt, um darauf dann mit einer grösseren Gruppe von Schüler:innen eine Eurythmische Choreographie zu entwickeln, die diese klangliche Stimmung wiedergibt. Natürlich war der Anspruch, dass das Gedicht durch die Bewegung, die sich an dem «komponierten» Klangbild orientierte, wieder in Erscheinung tritt respektive hindurchschimmert.
Diese Eurythmie-Choreographie kam dann bei der ersten Quartalsfeier des Schuljahres zur Aufführung – und erzeugte eine unglaubliche Wirkung! Die Schülerinnen und Schüler bewegten dieses Klang-Bild in höchstem Masse ausdrucksstark und mit grosser Ernsthaftigkeit, die auf das faszinierte Publikum übersprang. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, denn abgesehen von den Tönen der Klang-Collage war es mucksmäuschen-still im Saal.
Diese besondere Epoche wird allen, die dabei waren, in Erinnerung bleiben als ein ganz besonderes, künstlerisch hochwertiges, gemeinsames Erlebnis, das vielleicht den einen oder die andere an die tieferen Schichten und die Schönheit der Lyrik herangeführt hat.
