Der Malort
Ein Beitrag von Julia von der Heide (Rudolf Steiner Schule Hamburg-Bergstedt)
„Der Malort ist ein fremdes Land, ein Traumland.“ Wir haben seit 12 Jahren einen Arno Stern Malort in unserer Rudolf Steiner Schule Hamburg-Bergstedt. Er ist ein wunderbares und besonderes Geschenk von der Schule an die Schülerinnen und Schüler.
Parallel zum Hauptunterricht
In der praktischen Umsetzung ist der Malort an drei Tagen die Woche, parallel zum Hauptunterricht geöffnet. Die Kinder kommen klassenübergreifend aus jeder teilnehmenden Klasse (von Klasse 2 bis 6) je 2 Kinder. Es sind 12-14 Kinder pro Gruppe. Alle Kinder kommen einmal in ihrem Schulleben in den Malort. Die Reihenfolge bestimmen die Klassenlehrkräfte mit mir gemeinsam. Manchmal kommt auch ein Kind auf Wunsch/ Empfehlung des Salutokreises (unser Förderkreis). Hier wird unter verschiedenen Aspekten geschaut, ob und welchen Schulkindern es gerade besonders gut tun würde, in den Malort gehen zu dürfen. Auf die Zeugnisspruchtage wird Rücksicht genommen.
Der Malort beginnt um 8 und geht bis 8:45 Uhr. Ich ziehe vor 8 Uhr von Klassenraum zu Klassenraum und sammle die angemeldeten SuS ein. Einige laufen mir schon wissend, freudig entgegen oder erinnern sich, wenn sie mich sehen und machen sich schon mal auf den Weg.
Die Kinder ziehen vor dem Malort-Raum die Kittel an. Wenn alle fertig sind, gehen wir rein. Drinnen nimmt sich jedes Kind ein Blatt Papier (50cm x 70cm) und sucht sich einen Platz an der Wand. Ich komme bei jedem Kind vorbei und bringe das Papier auf der richtigen Höhe mit 2 Reißnägeln am oberen Bildrand an der Wand an. Die Kinder befestigen das Blatt am unteren Rand an der Wand. Gemalt wird im stehen. Der Farbpalettentisch mit den 18 hochwertigen Gouache-Farben steht in der Mitte des Raumes, pro Farbe liegen drei Pinsel und ein Wasserbecher bereit. Zu Beginn einer neuen Gruppe erkläre ich die Pinsel- und Farbbenutzung. Wenn das gelingt, wird nicht mal gekleckert. So kann das Malspiel beginnen.
Das Malspiel
Die Kinder bewegen und begegnen sich im Raum und malen für sich, auf ihren Bildern. Wir reden im Malort nicht über die Bilder, nur über die technischen Notwendigkeiten. Das ist die wichtigste und schwierigste Regel.
Manchmal wird eine zusätzliche Farbe verlangt und von mir angemischt. Staunend beobachten die Kinder den Vorgang. Wir nehmen wahr und Anteil an dem, was die anderen in der Gruppe malen und folgen der eigenen Spur auf dem Papier. Dieser eigenen Spur zu folgen, hat etwas tief Zufriedenstellendes. Es erfüllt ein Urbedürfnis: das Urbedürfnis sich auszudrücken. Zudem kann durch das freie Malen etwas zum Ausdruck gebracht werden, was sich danach innerlich leichter verdauen lässt. Auch können mediale Inhalte verarbeitet werden.
Formulation
Arno Stern nennt die Malspur und ihre Entwicklung „Formulation“. Diese ist so alt, wie es Menschen gibt. Urformen aus der Formulation wurden schon vor vielen 1000 Jahren gemalt und wiederholen sich noch heute. Hier spielt die Epigenetik mit rein. So kommt es, dass Menschen Schiffe malen, die noch nie Schiffe gesehen haben. Das ist sehr spannend. Arno Stern ist weit gereist und hat Kinder an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt malen lassen, die keine Schule besucht haben. Um so zu sehen, wie bzw. was sie malen, wenn sie noch frei von äußeren Einflüssen sind. Es tauchten überall die gleichen Bilddinge auf, wie zum Beispiel die Strahlenform, die oft als Sonne interpretiert wird. Jeder Mensch, der anfängt zu malen, beginnt zur Geburt der Formulation mit Punkten und Kringeln. Je älter und erfahrener der/die Malende im Malspiel wird, um so komplexer werden die Formen und der Bildaufbau. Später kommt ein hoher Realismusanspruch in der Darstellung hinzu und die größeren Kinder sind nicht mehr ganz so frei und unbedarft in ihren Bilderwelten unterwegs. Der Pinsel schwingt nicht sofort über das Blatt. Die Kinder aus der 5./6. Klasse überlegen länger, kommen mit ihren eigenen Vorstellungen und oft schon dem kritischen Bewerten ins Gehege. Eine andere Entwicklung wird hier spürbar. Darum hört der Malort an unserer Schule hier auf. Im Epochenunterricht geht es für die SuS in die so passende schwarz/weiß Zeichnung über.
Wundervolle Welten
Manchmal müssen Blätter zu dem ursprünglichen Bild hinzugefügt werden, da die „Landschaft“ wächst und das Blatt nicht ausreicht. So kann es kommen, dass das Bild am Ende vieler Malortstunden über die gesamte Wand reicht. Im Malort entstehen so wundervolle Welten. Es wird ganz gesundend lebendig gespielt. Es ist jedes Mal eine Freude in die ausgeglichenen Gesichter zu blicken, wenn die Kinder den Raum im Anschluss wieder verlassen.
Regeln
Arno Stern hat das Konzept des Malortes beinahe 70 Jahre lang entwickelt. Aus diesem Konzept heraus sind klare Regeln entstanden, die dafür Sorgen, dass die maximale Freiheit entstehen kann.
Wenn ein Bild fertig ist, kann ein neues Bild gemalt werden, solange bis die Zeit um ist. Manchmal ist ein Kind auch schon nach 20min. fertig und geht dann bereits zurück in den Klassenraum. Auch kann beim nächsten Mal in der Woche drauf an einem Bild weiter gearbeitet werden. Manche Kinder malen über Wochen an einem Bild auf demselben Blatt. Ich bewundere steht’s die Ausdauer und die Wandelbarkeit.
Im Malort ist das Licht immer gleich. Nichts von außen lenkt uns ab. Manchmal hören wir den Regen in den Abwasserrohren rauschen. Am Ende gehen die Kinder die Kittel aufhängen, ihre Hände waschen und selbstständig wieder in ihre Klassen. Die Bilder bleiben zurück und trocknen an der Wand. Ich bereite die Farben in dem eben noch so lebendigen Raum, umgeben von all den Bilder nach und genieße den Nachklang. Im Anschluss kommen die Bilder in die Mappe der Gruppe.
Wenn eine Schülerin /ein Schüler in den Malort kommt, dann ist das verbindlich für ein halbes Jahr. Danach wechseln die Gruppen, die Mappen werden geleert und die Bilder kommen ins Archiv.
Die Bilder aus dem Malort dienen ausschließlich dem Malspiel und werden nicht ausgestellt oder mit nach Hause genommen, auch ganz am Ende des Halbjahres nicht. Entscheidend ist der Prozess des Malens, nicht das Ergebnis. Das gibt den Kindern Sicherheit und Ruhe in der hier ganz freien Tätigkeit des Malens. Die Bilder werden auch nicht besprochen, gemeinsam betrachtet oder kommentiert. Sogar auf Lob oder anerkennende Bemerkungen des Gefallens werden verzichtet. So kann die Seele mit den Farben und den feinen inneren Bewegungen erst in Berührung kommen.
Der Malort ist eine wunderbare Ergänzung zur gesundenden angeleiteten Nass-in-Nass Malerei in unserer Waldorfpädagogik, die ich als Kunsttherapeutin/Kunstpädagogin eben so sehr schätze. Es macht ganz viel Freude die Kinder zu begleiten.
Ich habe ihn vor knapp 2 Jahren übernommen und hierfür die Arno Stern Malortausbildung absolviert. Unser Raum wurde damals von André und Arno Stern vor Ort besucht und zertifiziert.
