Kurzgeschichten zu Bildern
Ein Beitrag von Christiane Franke (Waldorfschule Karl Schubert • Graz)
In der Kunstgeschichte Epoche der 11. Klasse werden neben der Vermittlung der Stilepochen und ihren Merkmalen auch verschiedene Methoden der Bildbetrachtung behandelt. Neben der formalen Bildanalyse schrieben die SchülerInnen auch ihre eigenen, ganz persönlichen Interpretationen – Kurze Geschichten oder Gedanken zu ausgewählten Kunstwerken.
Christiane Franke
Schiffe im Hafen von Greifswald
Caspar David Friedrich
Am Bug sitzend flüstere ich, wie ich es schon jeden Abend zuvor gemacht habe, dem Boot zu: „Du fängst mich doch, wenn Ich falle, stimmts?“ - Stille -Als ich aufstehe, meine Hände fest an der Reling, mit dem Oberkörper auf die andere Seite gelehnt und in das ruhige und friedliche Meer blicke - Stille.
Aber da - irgendetwas großes schwimmt in der Tiefe, ich lehne mich zu weit über die Reling und falle - nicht ganz, aber für einen Augenblick fühlte es sich so an. Es fühlte sich an, als würde ich nach unten gezogen und von den Wogen verschluckt werden. Als bekäme ich keine Luft, würde immer weiter nach unten gezogen und aus wäre es mit mir.
Da ist wieder die Angst. Schnell drehe ich mich um und lasse mich zu Boden sinken. Ich starre vor mich hin, auf dem Mast sitzt eine Möwe, die Sonne geht auf und die ersten Seeleute beginnen mit ihrer Arbeit. Ich atme tief durch, stehe auf und fange an das Deck zu schrubben. „Die Zukunft auf dem Meer ist noch ungewisser als am Land“, denke ich und nehme mir vor, einfach nicht mehr darüber nach zu denken – und doch weiß ich insgeheim schon, dass ich heute Nacht, wenn die zermürbende Angst vor Wehrlosigkeit, Reue und dem trostlosen Ende an mir nagt, wieder am Bug sitzen und fragen werde: „Du fängst mich doch, wenn ich falle, stimmt‘s?“
Johanna
Der Morgen war ruhig, friedlich. Einige Fischer waren gerade von ihrer Ausfahrt zurück. Am Horizont stieg langsam die Sonne in den Himmel auf und tauchte die morgendliche Szenerie in ein orange-rotes Licht. Es herrschte wenig Schiffsverkehr, hier und da hörte man das Schreien einiger Möwen auf ihrer frühen Futtersuche.
Die alten Fischer saßen auf eine Mauer am Steg und brummten vor sich hin, erzählten sich über dies und das. Bei ihnen saßen auch ein paar der jungen Lehrlinge, die jedes Wort, welches die Alten von sich gaben, gespannt verfolgten. Einer der Fischer sagte: „Schon seltsam. Seit so vielen Jahren sitze ich fast jeden Tag hier, ruhe mich aus, genieße die ersten Sonnenstrahlen. Jeden Tag! Viele würden es wahrscheinlich nicht verstehen warum ich es so liebe. ‚Ist doch immer Dasselbe‘ würden sie sagen. Doch sie begreifen nicht, dass, obwohl es immer derselbe Ablauf ist, es immer dieselben Dinge sind, die passieren, jeder Morgen hier einzigartig ist.“
Die Jungen schauten sich verwundert an. Auch sie fanden es schön dort zu sitzen. Doch wenn mal nichts erzählt wurde, wurde ihnen sehr schnell langweilig. Sie konnte nicht verstehen, wie die Alten dies jeden Morgen, manchmal ohne ein einziges Wort zu sprechen, taten. Darum fragten sie den Fischer. Dieser sagte: „Ihr müsst einfach mal genau hinsehen, jeden Morgen gibt es so viel zu beobachten. Schaut mal her. Zwar geht die Sonne jeden Tag auf, doch jeden Tag beleuchtet sie etwas anderes oder spiegelt sich anders in den Wellen. Dort drüben zum Beispiel. Dort hat sich durch den Regen gestern eine kleine Wasserlacke gebildet. Und seht wie die ersten Sonnenstrahlen dort mit dem Wasser reagieren. Oder wie die Wellen jeden Tag einen anderen Tanz mit dem Licht tanzen.
Dort drüben bildet gerade ein Vogelpaar ein Nest. Jeden Tag kann man etwas mehr Fortschritt erkennen als zuvor. Irgendwann sieht man dann die kleinen Kücken im Nest sitzen, so lang, bis sie schließlich auch ausfliegen. Das sind nur wenige der vielen Sachen die sich jeden Tag verändern. Und jeden Tag, seit so langer Zeit, zusehen zu dürfen beim Wandel der Natur, ist ein unglaubliches Privileg. Also lernt, euch auch einfach mal zu setzen und still und leise die wunderbare Welt um euch herum zu beobachten.“
Tara
Kreidefelsen auf Rügen
Casper David Friedrich
Juliette: Es war ein kalter Frühlingsabend, doch das hinderte uns nicht, unseren abendlichen Spaziergang durch die Felder, den Wald bis hin zu den Kreidefelsen zu machen. Die abendliche Luft streifte mich kühl. Ich hätte meine Weste drüberziehen sollen, doch da wir bereits vierzig Minuten unterwegs waren, beschloss ich Charles nicht noch einmal zurückschicken, um sie zu holen. Wie viele Jahre er uns nun schon diente? Langsamen Schrittes gingen wir weiter. Die ersten Knospen und Blumen sprossen bereits, die Vögel zwitscherten ihre abendlichen Melodien. Ich sollte mich erfüllt und frisch fühlen, doch die Kälte und Distanz, die James mir seit einigen Wochen zeigte, übertrug sich auf mich.
Charles: Wir erreichten den Aussichtspunkt wie immer, pünktlich um 19:00 Uhr. James, der den ganzen Tag kein Wort mit Juliette ausgetauscht hatte, ging wie immer ohne Furcht ganz nahe an den Abgrund der Schlucht. Nachdenklich wanderten seine Augen über der in sich im Wasser spiegelten Abendröte. Das Wasser wirkte friedlich, nur zwei Segelboote waren noch auf dem Weg zum Hafen. Juliette war gerade dabei, sich an einen Baum zu lehnen, um ihre müden Füße zu entlasten, als ihr goldener Ring vom Finger rutschte. Geschmeidig und in fast gerader Linie durchdrang das Schmuckstück die Luft nach unten. Schnell beugte ich mich über den Abgrund. Ein helles kurzes Geräusch erklang, doch ich verlor den Ring aus den Augen. Es waren schließlich 20 Meter, die der Ring in wenigen Sekunden zurücklegt hatte, und meine Augen waren auch nicht mehr die besten.
Ich sah Juliette an. Ihr Gesicht war erstarrt. Ich konnte nicht sagen, was genau sich in ihr regte.
Mein Blick schweifte nach rechts. Unsere Blicke trafen sich für einen kurzen Augenblick, dann verlor sich sein Blick erneut auf der Wasseroberfläche. Stille. Kein Anzeichen von jeglichem Ausdruck war in seinem Gesicht zu erkennen. In mir breitete sich eine unbeschreibliche Wut ihm gegenüber aus. Juliettes Blick traf mich erneut, einige Sekunden sahen wir uns in die Augen. Und in diesen Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, wurde es uns endgültig bewusst - der Ring hatte für James an Bedeutung verloren.
Luna
