Malen mit der Kamera

Ein Beitrag von Monika Lüers (Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße)


Warum brauchen wir Kunst heute? Hier nur ein paar Schlagworte, die mir durch den Kopf gehen: Mensch sein, Draht zur Zeit erstellen, gestern-heute-morgen, Wege zu anderen Sichtweisen öffnen, abwärts-aufwärts, Erlebnis, Abenteuer, Austausch, Begegnung, Sinnlichkeit, Reise zu neuen Möglichkeiten, Verbindungen schaffen, neue Anblicke/Ausblicke, atmen, selbst sein, den Pinsel fangen ... aber man muss nicht alles können.

Mein Ansatz für den Kunstunterricht ist es u.a., bei den Schülern Neugierde zu entwickeln, Raum und Mut zum Experimentieren zu geben, so dass sie von ihren Ergebnissen selbst überrascht werden.

 


In diesem Sinne denke ich mir meistens in den Ferien neue Projekte und Themen aus, die mich durch das Schuljahr begleiten und die ich zusammen mit den Schülern erarbeiten und weiterentwickeln möchte. Das Projekt „Malen mit der Kamera“ fiel mir ein, als ich überlegte, wie ich in meinem Kunstunterricht die neuen Medien, insbesondere das Smartphone gestalterisch einsetzen könnte, ohne dass man ein Profifotograf sein muss. In meiner weiteren Recherche stieß ich auf viele Bücher, Künstler und Internetseiten, die sich mit experimenteller Fotografie und Mixed-Media auseinandersetzen. Besonders das Buch „Foto-Kreativ“ von Steve und Carla Sonheim möchte hier erwähnen, weil es mich zu vielen Gedanken und Ideen inspiriert hat.
 


Fotografieren ist eine neue Art, sehen zu lernen. „Deine ersten 10.000 Fotos sind deine schlechtesten“ (Henri Cartier-Bresson). Fotografisch sehen lernen kann man trainieren. Das Training besteht darin, dass man mit kleinen Spaziergängen die Umgebung mit Neugierde erkundet, immer mit einem Blick auf der Suche nach guten Motiven. Mit der Zeit entwickelt man einen anderen, achtsameren Blick für Dinge. Auf einmal sieht man viel mehr, z.B.: schöne Strukturen und Farben, Schmetterlinge, lustige Holzformen, witzige Schattenfiguren. Alltägliche Dinge, wie z.B. Gießkannen, Arbeitshandschuhe und Bürsten werden auf einmal zu Hauptmotiven und bekommen eine stimmungsvolle, poetische Aussage. So kann man seinen Blick für das Besondere und Einzigartige schulen.

Einer der ersten Übungen heißt „Finger am Abzug“: Es sollen 30 Aufnahmen in 30 Minuten gemacht werden.

  • Gehe spazieren und knipse im Abstand von einer Minute, was deine Aufmerksamkeit erregt.
  • Lasse dich nicht von Überlegungen ablenken. Gehe eher so vor, wie bei einer Arbeit mit einem Skizzenbuch.
  • Vergiss alle Regeln und knipse drauf los. Fotografiere Dinge und Situationen, die du normalerweise nicht fotografieren würdest. Lasse dich ruhig vom ersten Impuls leiten.
  • Nimm dir Zeit zum Betrachten deiner Aufnahmen: Was magst du an dem Bild und was nicht? Was fällt besonders auf und was überrascht?

Die Schüler/innen haben diese Aufgabe erst noch etwas unsicher in der Motivwahl, aber dann immer spontaner und mutiger aufgegriffen. So sind Aufnahmen vom Schulgelände, vom Gartenhaus und von Innenräumen entstanden, die eigenartige und auch ästhetische Sichtweisen des Schulalltags zeigen.

Eine weitere Aufgabe war, dass die Schüler/innen einen „albernen“ Gegenstand zu einem eigenwilligen Fotoshooting mitbringen und diesen an ungewöhnlichen Orten fotografieren sollten. Herausgekommen sind wagemutige und auch liebevoll erzählte Geschichten, die in kleinen, selbstgestalteten Büchern zusammengestellt wurden.

Eine weitere Möglichkeit mit dem Fotoapparat „zu malen“ war, Dinge und Gegenstände zu einem Stillleben zu arrangieren, so dass ein aussagekräftiger Bildausschnitt entsteht. Es musste auf den Hintergrund und die Lichtverhältnisse geachtet werden und auch die Zusammenstellung der Farben war sehr wichtig. Sogar ein Schmetterling kam dahergeflogen und vervollständigte die Bildkomposition dann zu einer eindrucksvollen, poetisch geglückten Aussage. Hier haben Schülerinnen mit viel Geduld und großem Engagement ihre Fotokünste in ein „französisches Kochbuch“ einfließen lassen.
 


Ein weiteres Thema war es z.B., Nahaufnahmen von verschiedenen Oberflächen, Texturen und Strukturen anzufertigen. Einen Bildausschnitt durch ein Lochpapier zu fotografieren, zeigte einen besonderen Fokus auf die Dinge und deren Umwelt. Die Suche nach Schattenbildern war auch eine lustige Möglichkeit, Selbstporträts zu erstellen. Selfies, Porträts von Anderen oder auch Porträtausschnitte waren bei den Schülern besonders beliebt. Es gab einige Schüler/innen, die einen ganz besonderen Blick für gelungene, stimmungsvolle Bildnisse des Menschen mit der Kamera einfangen konnten. Um absichtlich unscharfe Bilder zu fotografieren, brauchte man schon einige technische Kenntnisse, wie z.B. den Umgang mit Schärfentiefe. Zum Thema „Reflexion und Spiegelungen“ entstanden neue Perspektiven und auch kleine Welten, die in Spiegelbildern, Chrom oder Wassertropfen entdeckt wurden.

Zum Ende hin wurden dann die vielen Bilder gesichtet und nur die „Highlights“ wurden ausgewählt. Fotos wurden nach Themen geordnet und präsentiert, als Collage, auch als sog. „Joiner“ im Stile von David Hockney gestaltet. Die Fotos wurden übermalt, als Motive weiterverwendet, mit Worten unterstrichen oder es wurde mit vergrößerten Kopiervorlage weitergestaltet. Wichtig war auch hier, ohne großen technischen „Firlefanz“ und ohne Bildbearbeitungsprogramme auf direkte Weise mit den Fotos und Bildmotiven in eine haptische (schneiden, kleben usw.) und künstlerische Gestaltung einzutauchen.
 

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