Ein Erlebnis: die ersten Dampfmaschinen

Aus dem Roman „Der Schneider von Ulm" von May Eyth

Die folgende kurze Schilderung einer Wattschen Dampfmaschine illustriert sehr schön, welch beeindruckendes Ungetüm sie am Anfang ihrer Entwicklung war. Hier schienen Kräfte am Werk, die zunächst einen übermenschlich-gewaltigen Eindruck hinterließen. 

 

Eine Wattsche Dampfmaschine in Betrieb

"Auf dem Weg nach dem Maschinenhaus hörten sie die dumpfen, geheimnisvollen Schläge des Ungetüms mit jedem Schritt deutlicher. Vor dem Haus schien der Boden zu zittern, Ketten klirrten, Stangen rasselten; hinter dem Haus hörte man Wasser rauschen, als ob ein mächtiger Bach über Felsen stürzte...

Als sie in den hohen, matt erhellten Raum eintraten, war es zunächst schwierig, irgend etwas zu unterscheiden. Ein finsteres, formloses Ding wie die Trommel einer riesigen Säule stand auf einem Untersatz aus rohbehauenen Quadern. Dies war der neue Zylinder, aus dem eine blinkende runde Stange emporschoß, um sodann wieder in seinem Innern zu versinken. Die Stange hing an einer schweren Kette, welche hoch oben, fast am Dach des Gebäudes, von einem Arm aus wuchtigen Holzbalken in die Höhe gezogen wurde, der sich langsam und feierlich auf und ab bewegte, aber bei jedem Niedergang mit dröhnendem Lärm auf eine Unterlage aufschlug, die im Mauer­werk angebracht war. ... Die Stange auf der anderen Seite des Pfeilers saugte an einer klei­nen Pumpe, die in einer Grube verdeckt stand und in heftigen Stößen dampfendes Wasser in eine Rinne warf, das gurgelnd durch ein Loch in der Mauer davonlief.

Das also war die Feuermaschine. Neben ihr, in einen unförmlichen Backsteinmantel eingemauert, stand der Dampfkessel, vor dessen feuersprühender Esse ein schweiß­triefender, kohlschwarzer Mann hantierte. Wenn er die Feuertüre öffnete, um frische Kohlen auf die sausende Glut zu werfen, glühten der ganze Raum, die Hebel und Knaggen, die blinkende Kolbenstange und die schwarzen Ketten in flammrotem Licht, das wildbewegte, fast greifbare Schatten in die Ecken und Winkel des finsteren Gebäudes warf. Das Unheimlichste waren die Töne des Ungetüms: das knarrte und ächzte, knallte und krachte, zischte und sauste, seufzte und stöhnte, bald da bald dort, als ob in jedem Winkel ein andrer Kobold säße. Alles aber übertönte der donner­ähnliche Schlag in der Höhe, wenn der Schwingbaum auf seine Unterlage traf. Dem Schlag folgte eine fünf Sekunden lange feierliche Stille. Dann war es, als ob jemand auf dem Boden auf ein Blech klopft; langsam, widerwillig setzte der Schwingbaum sich wieder in Bewegung, unten im Schacht räusperten sich die Pumpen, und das grause Spiel, das Ächzen und Stöhnen, das Sausen und Zischen, das Knallen und Schlagen begann aufs neue."

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