Prager Fenstersturz (1618)

Matthias von Habsburg wird Kaiser

Matthias von Habsburg, der Führer der Familien-Opposition, hatte endlich das Ziel seiner Wünsche erreicht. Nach dem Tode seines närrischen und menschenscheuen Bruders Rudolf II., errang er die höchste Würde, ist zum Kaiser gewählt und gekrönt worden. Aber auch Matthias ist alt und hinfällig, ein verbrauchter, müder Mann. Vor der Zeit greisenhaft geworden, ist es sein größtes Vergnügen, im schwarzen, spanischen Habit, mit Halskrause und steifem, gefaltetem Zylinder in der Kutsche am Wiener Wallgraben spazieren zu fahren und den Gassenjungen Zuckerwerk auszuteilen.

In der Politik ist er Spielball der am Hofe ringenden Parteien. Im Jahre 1617 ernennt Matthias den katholischen Erzherzog Ferdinand von Steiermark zum König von Böhmen. Damit sollte seine Wahl zum Römischen Kaiser vorbereitet werden.
Als Ferdinand die Gewalt in Böhmen fest in Händen hat, schickt er einen Schwärm von katholischen Ordensleuten in das rebellische Land; kaiserliche Räte sitzen auf der Prager Burg und führen die Weisungen durch, die aus Wien kommen.

 

Böhmen - ein Pulverfass nationaler und religiöser Gegensätze

Böhmen, diese Provinz, die seit Jan Hus nur widerwillig die deutsche und katholische Herrschaft geduldet hat, ist ein einziges Pulverfass, ein gefährlicher Mischkessel nationaler und religiöser Gegensätze. Obwohl ein kaiserliches Privileg, der „Majestätsbrief" von 1609, den Böhmen Religionsfreiheit garantierte, gab es immer wieder Übergriffe und Zwangsmaßnahmen. So ließ der Erzbischof von Prag Ende 1617 die eben erst erbaute evangelische Kirche von Klostergrabe niederreißen.
Gegen diese Missstände protestierten Vertreter des böhmischen Adels Anfang 1618 zunächst bei den Statthaltern, und als sie dort auf taube Ohren stießen, bei Kaiser Matthias persönlich. Sie ersuchten ihn, die Religionsfreiheit wiederherzustellen und kündigten an, eine Ständeversammlung einzuberufen, welche die Forderungen der Evangelischen durchsetzen sollte.

Die böhmischen Protestschreiben an den Kaiser erfahren eine drohende und ungnädige Antwort. Solch ungewohnte Äußerung kaiserlicher Energie wollen aber die unruhigen Köpfe in Prag nicht gelten lassen; sie beschuldigen die verhassten Räte im Prager Schloss, das Schreiben aus Wien gefälscht zu haben. Unter Berufung auf den „Majestätsbrief" Kaiser Rudolfs schreibt Graf Thurn einen Landtag der protestantischen Stände aus, der zu Prag über den Schutz der böhmischen Freiheit beratschlagen soll.

Prag wogt in wilder Erregung. Auf dem rechten Moldauufer summt es von den Hunderten von Stimmen der adeligen Herren, die Thurns Ruf Folge geleistet haben. Reitknechte mit den aufgestickten Wappenbildern, den Farben der ältesten böhmischen Geschlechter, warten bei den Pferdebarren, wo die Rosse angepflockt sind.

Eine von sechs Schimmelhengsten gezogene Kutsche mit scharlachroten Seidenpolstern, silbernen Beschlägen und Lederzeug aus Lackriemen bricht sich Bahn zum Flussübergang. Purpurn flammen die Federbüsche auf den Häuptern der Rosse, himbeerfarbene Lakaien stehen auf der Hinterachse, grün und gelb gekleidete Vorreiter traben voraus. In dem herrschaftlichen Gefährt sitzt, lässig hingelehnt, mit spanischer Mantille und Brüsseler Spitzenkragen, weitkrempigem Federhut und Stulpenhandschuhen der Burggraf von Carlstein, Statthalter des verhassten Ferdinand, einer der meist verfluchten Männer Böhmens. Rufe werden laut, Fäuste werden gereckt, die Reiter des Schutzgeleits wenden sich gegen die Masse, die vordersten weichen zurück. Ein Wutschrei kommt aus der Menge! Die nervösen, rassigen Gäule ziehen mit einem Ruck an, preschen im Galopp davon. Die Kutsche rasselt auf die Brücke, biegt in die steile Bergstraße ein und nimmt den Weg zur Burg.

 

Oben im Schloss

Während schon das Toben der Aufrührer den Berg heraufschwillt und im Tierpark die Musketenschüsse krachen, gähnen die weiten Gebäude des Schlosses vor Leere und Stille. Im Sitzungssaal beraten Oberstburggraf von Sternberg, Statthalter von Lobkowitz und Rat Slawata die Lage. Am Schreibpult neben dem Butzenscheibenfenster kauert bleich und ängstlich der Schreiber Fabricius. Furchterfüllt horcht er auf das Murren und Brausen, das selbst durch die geschlossenen Fenster dringt.

Herr von Lobkowitz rät, die Rebellen anzuhören und ihre Bittschrift mit einem ablehnenden Kommentar nach Wien weiterzuleiten.

 

Der Fenstersturz

Die protestantischen Adeligen finden die gehassten Räte um den Oberstburggrafen geschart. Anklagen werden in erbleichende Gesichter geschleudert, der Saal quillt von den Nachdrängenden über, Waffen klirren; heiß und brennend wird die vom Atem vieler Menschen geschwängerte Atmosphäre.

Die Rädelsführer, Graf Thurn an der Spitze, um ihn die Herren Michalowicz, Budowec, Colonna von Fels und Schlick beschimpfen die Kaiserlichen in wütenden Ausbrüchen des Zornes.

Da rafft sich der totenbleiche Rat Jaroslav von Martinitz auf, fasst Graf Thurn am Samtwams und gellt mit überschlagender Stimme: „Rebell! Verräter an deinem Kaiser!"

„Der Rebell wird richten in diesem Land!", entgegnet grimmig Graf Thurn. „So ist's alter böhmischer Brauch! öffnet die Fenster!"

Die Menge begreift; eine Gasse bildet sich. Martinitz fühlt sich emporgerissen. Von zehn Fäusten gefasst, stürzt er durch das Fenster in die Tiefe. Als sie den Ratsherrn Slawata packen, kreischt er entsetzt: „Maria, hilf mir!"

Die Wahnwitzigen stürzen auch ihn über die Brüstung. Und da in diesem Augenblick ein Schreckensruf den Schreiber Fabricius verrät, ergreifen sie auch den Diener der Verhassten und schicken ihn hinter den anderen drein.

Graf Schlick beugt sich aus dem Alkoven. „Donner!", brüllt er den Umstehenden zu, „dem Slawata hat seine Maria wirklich geholfen: er lebt, er regt sich - ist auf den Misthaufen gefallen. Auch die anderen sind wieder auf den Beinen ..." Hundert Köpfe schauen aus den hohen Fensteröffnungen des Schlosses, fluchend ziehen die Henker ihre Pistolen, und knatternd blitzen die Schüsse. Im Graben entfliehen in Todesängsten die geretteten Räte.

 

Auslöser des Dreißigjährigen Krieges

Die böhmische Rebellion ist wie der erste Donnerschlag, der ein lange lastendes Gewitter auslöst; schlagartig scheiden sich die Fronten, und die große, seit hundert Jahren über dem Abendlande drohende Auseinandersetzung tritt in ihr letztes Stadium.

Der Krieg, die „ultima ratio regum" - die letzte Weisheit der Könige - erhebt sein fahles Haupt.

 

Legende

Alle drei überlebten, weil sie - so die Legende - auf einen Misthaufen fielen, der sich unter dem Fenster angesammelt hatte. Der Misthaufen dürfte eine Erfindung späterer Zeiten sein und wird in den Erinnerungen der Beteiligten nicht erwähnt.
Ursache des glimpflichen Ausganges des Gewaltakts dürfte die damalige Mode und das kühle Wetter gewesen sein. Alle Beteiligten trugen weite schwere Mäntel, die den Fall stark dämpften. Hinzu kommt, dass die Fenster, aus denen die drei geworfen wurden, sehr klein waren und sie somit nicht mit Schwung nach draußen befördert werden konnten. Außerdem haben sich alle drei gewehrt und Martinitz hielt sich noch am Sims fest, als er bereits draußen hing. Zudem ist die Wand unterhalb des Fensters nicht gerade, sondern nach außen angeschrägt, sodass die drei wohl eher hinunterrutschten als fielen. Weiterhin ist unwahrscheinlich, dass sich im Burggraben der Prager Burg ausgerechnet unter den Fenstern der Ratskanzlei ein Misthaufen befunden haben soll.
Der Fenstersturz markierte den Beginn des Aufstands der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger und gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648).

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