Die Linie als Spur der Bewegung

Ein Beitrag von Anja Berger (Freie Waldorfschule Magdeburg)

Hat etwas Form, hat es auch Halt und eine gewisse Bestimmtheit. In einer Zeit, in der vieles nur oberflächlich bleibt, können Formen ein Anker sein, um sich nicht zu verlieren.

Formen als wiederkehrendes Gestaltungselement finden wir überall in der Natur. Wer sich ein Schneckenhaus ansieht, die Anordnung der Kerne in einer Sonnenblume, den Weg, den das Wasser beschreibt, wenn man im Becken den Stöpsel zieht, erkennt die Gemeinsamkeiten. Schaut man von der Erde auf die Venus, beschreibt der Planet im Verlauf von 16 Jahren am Himmel eine Form, die an das Kerngehäuse des Apfels erinnert, wenn man ihn nicht längs, sondern quer aufschneidet. Es ist ein Fünfstern.

Was hat das nun aber damit zu tun, dass die Kinder in unserer Schule wochenlang Geraden und Gebogene, Spiralen, Kreise und Linien üben? Weshalb beginnen wir gerade in der ersten Schulstunde damit, eine Gerade zu zeichnen?

In den ersten Lebensjahren beginnt das Kind mit Linienzeichnungen auszudrücken, was es erlebt. Oft ist hierbei nur der eigentliche Vorgang des Zeichnens interessant. Ist das "Bild" fertig, wird es abgelegt und vergessen. Hier dient die Linie noch nicht vorrangig dazu Gegenstände darzustellen.

„Wenn also im Bild eine Linie von dem Ziel, ein Ding zu bezeichnen, befreit wird und selbst als ein Ding fungiert, wird ihr innerer Klang durch keine Nebenrolle abgeschwächt und sie bekommt ihre volle innere Kraft." (Kandinsky, "Dem Geistigen in der Kunst", 1914)

Es geht um die Linie an sich, um die sichtbare Spur einer Bewegung. Diese Bewegung soll, bevor sie zu Papier gebracht wird, mit dem ganzen Körper erlebt werden. In der ersten Klasse arbeiten wir deshalb beim Formenzeichnen auch viel mit der Bewegung.

Wir gestalten die einzelnen Formen aus der kontrollierten Bewegung und dem Schwung der Zeichenhand. Die Linien sollen nicht gestrichelt werden, sondern entstehen aus dem Fluss der sich immer neu wiederholenden Bewegung. Farbintensität und die Breite der Linie ergeben sich im besten Fall aus dem gleichmäßigen Nachfahren der Formen.

Jede Form ist nicht einfach bloß ein Strich oder eine Linie, sondern eine Geste, die im Zeichnen erfasst wird und die, bewusst oder unbewusst, wirkt. Forrnenzeichnen strukturiert und richtet. Es gibt keinen zufälligen Strich. Die Bewegung muss geführt werden und verlangt Konzentration. Das Gelingen einer Form gibt dem Kind auch gleich, ohne die Notwendigkeit von langen Erklärungen, Rückmeldung über seine Fähigkeiten.

Wer es einmal versucht hat, wird feststellen, dass es gar nicht so leicht ist, einen Kreis flüssig und ohne zwischendurch abzusetzen, blattfüllend auf ein A3 Blatt zu zeichnen. Um das zu schaffen, benötigt man eine sichere Hand, Raumorientierung und gutes Formgefühl. Das sind Fähigkeiten, die später nicht nur beim Lernen der Buchstaben helfen, sondern auch die Orientierung im Zahlenraum erleichtern. Spiegelungen an einer Achse, an einem Kreuz, die Dreier- oder Fünfersymmetrie, die später in der zweiten und dritten Klasse dazukommen, wecken die Aufmerksamkeit. Gestärkt wird die Vorstellungskraft sowie der Impuls, beim Denken alle Seiten eines Problems einzuschließen. Das innere Empfinden einer Symmetrie ist für die physische Gesundheit des Menschen wichtig.

Formenzeichnen verhilft den Kindern zu einer inneren Orientierung. Man merkt es einer Klasse an, dass das Formenzeichnen sie zur ruhigen Arbeitsweise zurückführt und sie zugleich innerlich strafft. Die Kinder selbst dürfen auch Formen erfinden, doch gibt man ihnen immer wieder solche, an denen sie neue Erlebnisse erfahren können. Das übende Element stärkt ihre Willenskräfte, zugleich gilt es aber auch, immer wieder die Formen in der Bewegung zu erfühlen, sie innerlich mitzumachen.

Und ein Teilnehmen mit Kopf, Herz und Hand ist doch das Beste, was man im Unterricht erreichen kann.

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