Die Menschentragödie

Ein Beitrag aus der Freien Waldorfschule Freiburg-Wiehre

Im Rahmen der Faust-Epoche in der 12. Klasse hatten die Schüler*innen die Aufgabe, anhand eines frei gewählten Themas ihren Gedanken zu den im Drama aufgeworfenen Fragen nachzuspüren. Der folgende Essay von Mareike Ullrich tut dies aus einer ganz eigenen Perspektive…


Gestern hat mein Mensch mir melancholisch die Ohren gekrault und geseufzt: „Weißt du, Kleopatra, ich habe jetzt fast mein halbes Leben lang studiert, nur um zu erkennen, dass ich eigentlich gar nichts weiß.“ Ich habe schnurrend den Schwanz um die Pfoten gelegt. Wie üblich lag er völlig falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Mein Mensch weiß nicht, dass er alles weiß. Manchmal höre ich ihn zum Beispiel jammern, dass er das Leben nicht versteht. Dabei tut er den lieben langen Tag nichts anderes. Nun, ich gebe zu, er ist nicht besonders gut darin, immerhin lässt er sich jeden Morgen von einem aggressiven Piepsen aus dem Nachtlager jagen, macht sich freiwillig nass, taumelt danach schlaftrunken in die Kälte hinaus und kehrt oftmals erst abends und nach Stress stinkend nach Hause zurück. Aber wenn er gar keine Ahnung vom Leben hätte, wäre er tot. Vielleicht meint er ja auch nur, dass er nicht weiß, warum er lebt. Aber auch darauf ist die Antwort offensichtlich: Er lebt, weil er es will, ansonsten würde er schließlich damit aufhören.

Mein Mensch jedoch glaubt, dass er lebt, weil ein anderes Wesen es so will. Eines, das ungleich größer und klüger ist als er selbst. Da er aber nicht weiß, was sich dieses Wesen von seiner Existenz verspricht, versteht er den Sinn seines Lebens nicht und weiß mit ihm nichts anzufangen. Das äußert sich oft darin, dass er stundenlang reglos auf meinem Lieblingssessel sitzt, mich nur abwesend streichelt, wenn ich auf seinem Schoß throne, dann ohne Vorwarnung aufspringt und sogar vergisst, mir das Mahl zu servieren. 

Ich würde mich ja als das Wesen, für das er leben will, zur Verfügung stellen – bei mir wusste er immerhin bereits, was ich von ihm erwarte: einen schmackhaften, abwechslungsreichen Speiseplan, Ruhe, regelmäßige Massagen und das ein oder andere Fadenspiel. Aber damit will mein Mensch sich wieder nicht zufrieden geben. Generell sind die Menschen eine seltsame Spezies. Aus den Reden meines eigenen Menschen weiß ich, dass er und seine Artgenossen sich für die einzig auf Erden lebende Gattung halten, die sich selbst in ihrer Herrlichkeit erkennen kann, die aus dem Dämmerschlaf der Instinkte erwacht ist. Die Welt zu verstehen und zu regieren, halten sie für ihre größte und einzigartige Aufgabe. Ironisch, wenn man bedenkt, dass die Menschen uns Katzen dienen, nicht wahr? Dass sie sich von schrillenden Kästchen und tickenden Scheiben herumjagen lassen und glauben, einem höheren Wesen unterworfen zu sein… Aber wenn der Glaube an ihre Überlegenheit sie glücklich macht, was ist schon dagegen einzuwenden? Tatsächlich aber macht er sie nicht glücklich. Denn die Menschen glauben, dass sie mit ihrer Herrscherrolle auch große Verantwortung und großes Leid auf sich geladen haben. Denn bisher hatten sie zwar höher und tiefer blicken können als jedes Wesen zuvor – aber die große Wahrheit, der Sinn hinter der Welt und dem Leben sei ihnen bisher verborgen geblieben. Und dieses Wissen um das Scheitern an der ureigenen Aufgabe, das Gefühl, täglich näher an die Schwelle der Erkenntnis zu rücken und sie doch nie zu überschreiten – das brachte einen Schmerz mit sich, den außer dem Menschen noch kein anderes Geschöpf erfahren musste.

Die große Wahrheit ist, dass die Menschen die einzigen Wesen sind, die den Bezug zu sich selbst und der Welt verloren haben. Das ist mir bewusst geworden, als ich meinen Menschen einmal sagen hörte, er wisse nicht, was er fühle. Ich konnte nicht verhindern, dass sich mir bei diesen Worten alle Haare sträubten. Ich war von meinem Menschen bereits gewohnt, dass er seltsame Dinge sagt, aber mit diesem Satz wurde mir bewusst, dass all seine Wunderlichkeiten von einem völlig verkehrten, genauer gesagt, auf den Kopf gestellten Weltbild stammen: Jedes blauäugige Kätzchen begreift, dass man erst dann etwas kennt, wenn man es fühlt – mein Mensch aber glaubt, nur dann zu wissen, was er fühlt, wenn er es kennt.

Vielleicht liegt der Ursprung dieses verqueren Weltbilds in der menschlichen Sprache. Sie besteht aus komplizierten, abstrakten Lautabfolgen, die die Menschen „Worte“ nennen. Daran allein ist erst einmal nichts auszusetzen (außer dass ich fünf Jahre meines Lebens gebraucht habe, sie zu lernen), immerhin ist es möglich, sich mit ihnen relativ umfassend und recht präzise zu verständigen. Doch die Menschen haben diese Laute so sehr verinnerlicht, dass sie alles, was sie wahrnehmen oder denken, in diese Worte fassen wollen. Erst wenn sie denken, dass ihnen das gelungen ist, wenn sie sich ihre eigenen Wahrnehmungen oder Gefühle erklären können, glauben sie, sie zu verstehen. Das ist, als würde ich behaupten, ich wüsste nicht, was Hunger sei, da ich ihn in Miautönen nicht ausreichend ausdrucken kann. 

Es ist offensichtlich nicht möglich, die Welt in Worte zu fassen, dafür ist sie zu vielseitig, zu wunderbar. Man kann sie nicht erklären, nur erleben, fühlen, genießen. Und es ist auch nicht nötig, sie in Worte zu fassen, da ja jeder, der einem zuhören könnte, die Welt selbst erleben kann. Doch mein Mensch hört trotzdem nicht auf, nach einer Erklärung für die Welt zu suchen – und wenn er nicht die richtigen Worte findet, sucht er die Schuld stets in der eigenen Begrenztheit, anstatt in der der Sprache. Er macht die Grenzen seiner Sprache zu den Grenzen seiner Welt. Er versucht nicht mehr, die richtigen Worte für die Welt zu finden, sondern sucht nach der richtigen Welt für seine Worte. Er passt sie den Worten an, bis sie selbst wie ein Wort für ihn geworden ist, ein großes, übermächtiges Wort, ausgesprochen von einem höheren Wesen zu einem höheren Zweck.

„Am Anfang war das Wort.“ Das habe ich meinen Menschen einmal sagen hören, und es fasst seinen Irrtum recht gut zusammen: Am Anfang war nicht das Wort, denn das Wort ist nur ein Mittel, sich mit anderen zu verständigen. Wenn vor dem Wort nicht ein Gefühl kommt, ist das Wort nichts. Die menschliche Sprache sollte wohl einen möglichst umfassenden, missverständnisarmen Austausch von Gefühlen und Erfahrungen gewährleisten. Sie hat dabei meinen Menschen aber so begeistert, dass er begann, auch mit sich selber zu sprechen (manchmal tut er stundenlang nichts anderes) – und das führte dazu, dass er das einzig mir bekannte Wesen ist, das das Kunststück beherrscht, sich selbst falsch zu verstehen.

Dumm ist mein Mensch nicht. Schließlich ist er klug genug, um trotz seiner beispiellosen Taubheit, Anosmie, Blindheit und Plumpheit immer genug Nahrung herzuschaffen, unser Heim zu verteidigen und selbst Licht und Wasser zu unterwerfen. Doch sein Denken geht in die falsche Richtung: Statt seine Intelligenz zu nutzen, um uns ein glückliches Leben aufzubauen, verschwendet er sie bei dem vergeblichen Versuch, sich zu erklären, was er sowieso schon weiß. Er versteht mit seinem überdimensionalen Gehirn einfach nichts anzufangen. Man könnte sagen: Er ist zu dumm für seine Intelligenz. Vielleicht ist der größte Makel meines Menschen aber auch einfach, dass er nicht schnurren kann. Denn erst im Schnurren können wir uns von allen Irrtümern, allem Stress befreien und uns voll und ganz auf das Wesentliche der Welt konzentrieren: die Schönheit des Lebens. Die Erregung der Jagd, die kulinarische Köstlichkeit, das Wohlgefühl des Verdauens…

Aber das brauche ich Ihnen ja nicht zu erklären… 

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