St. Martin (aus der Sicht des Bettlers)

Wie wird die Geschichte von St. Martin wohl aus der Perspektive des Bettlers geschildert werden können? Man könnte auch die Perspektive des Pferdes wählen. Dadurch ergibt sich auch für ältere Kinder eine interessante Aufgabenstellung.

 

Hier ein Text von der Schriftstellerin Ingrid Neufeld

Was war das für ein eisiger Winter damals im Jahr 334! Schon im September pfiffen eisige Herbstwinde durch die Bäume. Der viel zu kalte Herbst ließ uns schon ahnen, dass der Winter hart werden würde.

Wer konnte, machte es sich zu Hause gemütlich, schürte seinen Ofen und dichtete alle Lücken gut ab, damit der Wind draußen gehalten wurde.
Im letzten Jahr noch gehörte ich auch noch zu denen, die eine, wenn auch bescheidene Hütte besaßen. Leider passierte dann im Frühjahr dieser Unfall. Als Holzfäller arbeitete ich im Wald, als mir ein Baum direkt auf das Bein fiel. Ich war so stark verletzt, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Wer braucht schon einen humpelnden Holzfäller? Sie jagten mich weg und ich wusste gar nicht, wie ich meine junge Frau durchbringen sollte. Doch dann geschah das nächste Unglück: meine Frau starb bei der Geburt unseres ersten Kindes. Und das Baby gleich dazu.

Seither stand ich buchstäblich alleine da. Ohne Frau. Ohne Zuhause. Ganz alleine.
Dann kam der Winter. Zuerst der Dauerregen. Dann kam der Schnee und mit ihm der Frost. Jeder Atemzug gefror. Meine Hände waren steif. Meinen Rücken spürte ich schon gar nicht mehr.

Zum Anziehen hatte ich nur noch das, was ich auf dem Leib trug. Mehrere Schichten hatte ich übereinander angezogen, trotzdem fror ich erbärmlich. Es wäre nicht ganz so schlimm gewesen, hätte ich meine beiden Decken noch gehabt. Doch leider wurden mir die gestohlen. So konnte ich mich nicht mehr in der Nacht einwickeln und mich ein wenig vor der Kälte schützen.

Darum ging ich an jenem Tag direkt vor das Stadttor. In der Hoffnung, einen mildtätigen Menschen zu finden, der mir vielleicht eine Decke geben könnte. Ich hatte sonst wenig Hoffnung, die Nacht zu überleben. Die Angst zu erfrieren war groß.

Es war schon abends und die Stadttore bereits geschlossen. Darum bestand nur noch wenig Aussicht, jemanden zu finden, der mir helfen konnte.

Da wurde das schwere Stadttor aufgestoßen und ein Reiter kaum herausgesprengt. Ich erkannte einen römischen Soldaten und wich erschrocken zurück. Bei den Soldaten wusste man nie. Die meisten waren noch halbe Kinder und sahen in ihrem Soldatendasein eine gute Gelegenheit mit jedem Streit anzufangen.

Ich wollte gerade in Deckung gehen, als er direkt vor mir anhielt. „Wohin gehst du?", wollte er wissen.

Mir schlotterten die Knie und ich wusste nicht mehr zu sagen, ob vor Angst, oder vor Kälte.
„Hast du einen Platz zum Schlafen?", bohrte er nach.
Mit klappernden Zähnen verneinte ich.
Von oben bis unten blickte er mich prüfend an.

„Hast du wenigstens eine Decke?", fragte er dann.
„Die wurde mir gestohlen!", entfuhr es mir. Gleichzeitig hätte ich mir auf die Zunge beißen können. Wer weiß wie er so eine Behauptung aufnahm?
Doch der Soldat schaute mich nur an. Ich glaubte Mitleid in seinem jungenhaften Gesicht zu sehen.

„Du brauchst was, in das du dich einwickeln kannst. Sonst überlebst du die Nacht nicht!", stellte er fest.

Bevor ich darauf antworten konnte, sprang er vom Pferd, riss seinen eigenen Mantel von den Schultern und zerteilte diesen mit seinem Schwert!
Oh ja! Wenn ich es doch sage: er zerteilte seinen eigenen Mantel mit seinem Schwert!
Unfassbar, aber wahr!

Er zerstörte Militäreigentum! Ich glaubte es kaum, denn der traute sich was! Ich wusste, dass die Römer sehr pingelig waren, wenn es um Militärsachen ging. Und so ein Mantel gehörte nicht dem Soldaten, der gehörte dem Militär.

Aber damit nicht genug: er gab mir die andere Hälfte und schenkte sie mir!
Er zerstörte nicht nur Militäreigentum - er verschenkte es auch!
Wie im Traum wickelte ich mich mit der Mantelhälfte ein. Sie rettete mir wirklich das Leben - Deshalb kann ich noch heute diese Geschichte erzählen.

Und was wurde aus Martin? Dem erschien in dieser Nacht Jesus im Traum. Danach wusste er, dass er den Militärdienst aufgeben und ein Leben für Gott leben sollte. Das tat er dann auch. Er wurde nämlich Bischof und kümmerte sich sein ganzes Leben um die Armen.

 

Ingrid Neufeld 

www.textdrechslerei.de

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