Chemie trifft Gartenbau

Ein Beitrag von Susanne Kiener und Daniel Schaarschmidt-Kiener (Freie Waldorfschule Konstanz)

Fermentation, Gärung, Destillation

Chemie trifft Gartenbau – Projekt der 9. Klasse

Am Ende der 9. Klasse steht für unsere NeuntklässlerInnen ein zentrales, hoch spannendes Projekt an: das Landwirtschaftspraktikum. Zur Vorbereitung auf diese Krönung des Gartenbauunterrichtes kommen unsere SchülerInnen am Beginn der 9. Klasse nochmals in den Schulgarten. Im Herbststand das Ernten und Veredeln wie immer im Fokus. Mit Blick auf die Chemie-Epoche im Dezember haben wir Produkte aus unseren Gärten verarbeitet und chemischen Prozessen unterworfen. Wir haben Sauerkraut fermentiert, Wasserkefir hergestellt, ätherische Öle aus unseren getrockneten Pflanzen gewonnen oder Quitten vergoren. All diese kulturhistorisch bedeutsamen Prozesse wurden dann in der Chemie-Epoche phänomenologisch aufgearbeitet und damit war das Fundament für einen gelebten fächerübergreifenden Unterricht geschaffen.

Im Chemieprojekt der 9. Klasse wurde der Weg der von der Pflanze gebildeten Substanzen verfolgt, wenn diese durch den Abbauprozess des tierischen Organismus hindurch gehen. Dabei sind besonders zwei Abbauwege ganz deutlich zu unterscheiden: einerseits der Weg der Atmung, des vollständigen, aktiven Abbaus der aufgenommenen Substanzen zur Gewinnung von Lebensenergie für die tierischen Lebewesen und für den Menschen. Gleichzeitig können hier auch immer Reservestoffe und Speicherstoffe gebildet werden. Wenn diese Stoffe veratmet werden, entstehen immer Kohlenstoffdioxid und Wasser, die Vorgänge entsprechen der Umkehrung der Photosynthese und vollziehen sich, wenn genügend Sauerstoff vorhanden ist. Diesen Sauerstoff nehmen Mensch und Tiere durch die Atemluft auf.

Ist aber zu wenig Sauerstoff vorhanden, dann beginnt der Abbauweg der Gärung. Dieser Abbauweg ist durch die Bildung einer Vielzahl neuer Stoffe gekennzeichnet. Diese können mehr oder weniger stark abgebaut sein. Die weniger abgebauten Stoffe sind eher lebensnah (zum Beispiel Milchsäure), die stärker abgebauten fallen mehr und mehr aus dem Leben (zum Beispiel Ethanol und Ether). Auf dem Weg vom gesunden, nahrhaften Vollkornbrot, über das Genussmittel Zucker und den berauschenden Alkohol bis hin zum betäubenden Ether nimmt die Suchtgefahr für uns Menschen immer mehr zu.

Und genau mit dieser Thematik kann man NeuntklässlerInnen an den zentralen Lebensfragen ihrer Entwicklung abholen, aufwecken und befeuern. Denn sie befinden sich aktuell in einer Lebensphase der Gegensätze mitten oder am Ende der bekannten „Umbauphase“ auf dem Weg zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Unsere Aufgabe als Begleiter muss es sein, die Schulung der praktischen, monokausalen Urteilskraft an konkreten Arbeitssituationen zu unterstützen. Auch widersprüchliche polare Verhaltensweisen und das Schwanken zwischen Sympathie und Antipathie, zwischen dem Gefühl der Schwere (Müdigkeit) und Leichtigkeit (extreme Wachheit) prägen unseren Alltag in der 9. Klasse. Klare Fakten und das Aufzeigen von Phänomenen können in dieser natürlichen Orientierungslosigkeit Wunder bewirken. Aber die Jugendlichen sind – wenn man sie packt – begeisterungsfähig. Wir zeigen klare Verfahrensweisen und Arbeitstechniken auf und handlungsorientierter Unterricht ist wesentlich: viel tun und erfahren, weniger diskutieren. Wir müssen es als erwachsene Begleiter aushalten, ausprobieren und Fehler machen zu lassen und sollten nie moralisch werden. Das ist eine der schwersten Übungsfelder im Umgang mit unseren „Pubertieren“. Wir müssen einen Schutzraum für Fehler und Irrwege schaffen und ein soziales Klima in der Klasse schaffen.

Der ganze Lehrplan in der 9. Klasse orientiert sich an den beschriebenen Phänomenen. Polaritäten werden in allen Fächern am Unterrichtsstoff aufgezeigt und erlebbar gemacht.

An dieser Stelle will ich mich wieder bei Frau Dr. Michaela Schäfer von der Waldorfschule Wahlwies bedanken. Ohne ihre unglaubliche Unterstützung, den konstruktiven Austausch und die Möglichkeit, die Labor-Schatzkammer dort mitnutzen zu dürfen, wäre hier bei uns an der Schule eine Chemieepoche dieser Art noch nicht möglich.


Bildungskriterien für das 9. Schuljahr

  • Strukturierung im Denken; Intellekt entwickeln; einfaches logisches, kausales Schließen; vom Gefühls- (8. Schuljahr) zum Verstandesurteil.

  • Auseinandersetzung mit überschaubaren, vorstrukturierten, leicht fassbaren Inhalten; vom Entdecken (7., 8. Schuljahr) zum Erfinden: analytisches Vorgehen im Begreifen eines Gesamtzusammenhanges .

  • Weltinteresse entwickeln; über Faktenwissen Kenntnisse Sammeln, der Mensch als Kulturschaffender.

  • Ideen und Ideale kennen lernen, die zu „handfesten“ Ergebnissen führen: Ideale mit Willenscharakter als seelische Stürze, Biografien mit Vorbildcharakter.

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