Chemie trifft Eurythmie

Ein Beitrag von Elisa Laera, Eurythmielehrerin und Dr. Daniel Schaarschmidt-Kiener, Chemielehrer (FWS Konstanz)

Das Salz des Lebens - Ein Chemieexperiment in Bewegung

Wie aus einer Chemie-Epoche in der 10.Klasse ein Eurythmie-Projekt wurde

Salz
Wir brauchen einander.
Wir sind das Salz der Erde,
Salz, kostbarer als Gold, notwendiger,
einsilbig, weiß im Streufaß gefaßt,
verloren im Atlantik,
im Brot, in der Träne, im Schweiß
vor der Geburt oder sonstwie, sonstwo
brauchen wir uns, Salz der Erde, Salz.

RAINER BRAMBACH

 

Das Chemieprojekt der 10. Klasse fokussierte im Wesentlichen anorganische Salzreaktionen. Wir haben Salze dem Wässrigen und dem Feurigen ausgesetzt, haben Salze über Pyrolyse gespalten und dann im Rahmen der Neutralisationen wenn die beiden Polaritäten Säure und Base aufeinandertreffen wieder das Salz gebildet. Menschenkundlich betrachtet stehen diese Themen in Resonanz zu den zentralen Fragen dieser Altersstufe.
 

„Das sieht aus wie eine Eurythmieform!“, rief ein Schüler der 10. Klasse aus und zeigte auf ein Tafelbild am Ende der Epoche. Der Prozess der Salzbildung – eine Eurythmieform?! So fing alles an, denn auf die Chemieepoche folgte eine Eurythmie-Epoche und der Impuls wurde aufgegriffen.

Einen chemischen Prozess in Bewegung umsetzen …

Eine der interessantesten und nützlichsten Möglichkeiten, wie die Eurythmie den Schülern der Oberstufe dienen kann, besteht darin, die in anderen Fächern erlernten Inhalte in eine schöpferische Bewegung zu überführen. Inspiriert von diesem Ansatz arbeiten wir daran, eine fruchtbare Zusammenarbeit zu etablieren. Diese erweist sich für die Schüler nicht nur als ein Prozess, der das Verständnis von Begriffen festigt, sondern räumt auch mit der irrigen Vorstellung auf, es bestünde eine Kluft zwischen Wissenschaft und Kunst – und eröffnet den Schülern so die Möglichkeit, den Dialog zwischen beiden Bereichen intensiver zu erleben.

Zu Beginn erforschten wir die Qualitäten der vier „Ur-Elemente“ (Erde, Feuer, Luft, Wasser), indem wir sie charakterisierten und ihre jeweilige „Geste“ aufspürten. Dabei stellten wir fest, dass sie – wie schon die alten Griechen lehrten – in allem, was wir kennen, „verborgen“ sind. So erkannten wir, dass es nicht nur um das Wasser geht, das wir trinken (H2O und Mineralien), oder die Luft, die wir atmen (hauptsächlich die Gasverbindungen N2 und O2), sondern auch um das „Wässrige“ in einer musikalischen Komposition – die Melodie – oder das „Luftige“ im Wesen eines Menschen, der dazu neigt, schnell und häufig von einer Sache zur nächsten zu wechseln. Alles lässt sich durch die Brille dieser „Ur-Elemente“ betrachten – nicht mit der Absicht, die Komplexität der Welt zu vereinfachen, sondern mit dem Wunsch, einen wesentlichen Aspekt ihres Wesens im Zusammenspiel dieser vier „Kräfte“ zu erfassen.

Und wie bewegen sich diese „Kräfte“ im Raum? Mit welcher Dynamik? Welche Farbe tragen sie in sich, die dem physischen Auge verborgen bleibt? Die Erde zeigte sich dicht, dunkel, kalt und geformt (etwa wie die Konsonanten B oder D), während das Feuer sich ausdehnte, schnell bewegte und eine rote Qualität in den Raum brachte (wie die Konsonanten F oder K). Das Wasser floss, wandelte sich und umspielte grüne Wiesen (L, W), während die Luft grenzenlos und hell umherwirbelte und dahinschwebte (H, CH). Wir bemerkten, dass jedes dieser Elemente Qualitäten in sich trägt, die es teilweise auch mit einem anderen Element teilt.

Die Klasse wurde in Gruppen aufgeteilt, und jede Gruppe erhielt die Aufgabe, eine Choreografie zu Musik für jedes der vier „Ur-Elemente“ zu entwickeln. Wie sich der Raum jedes Mal veränderte, wenn ein neues Element dazu eingeladen wurde, den Raum einzunehmen!

Im letzten Schritt beschäftigten wir uns mit dem Entstehungsprozess von Salz und wandten dies konkret auf Kochsalz (NaCl) an. In dessen Struktur erkannten wir das Wirken der vier „Ur-Elemente“ wieder, und die Schülerinnen und Schüler wurden gebeten, eine Choreografie zu entwickeln, die den gesamten chemischen Prozess darstellt. Am letzten Tag des Blocks luden wir die 7. Klasse sowie Herrn Schaarschmidt – der parallel zu unserem Block im Raum direkt unter uns mit der Kraft des Feuers gearbeitet hatte – zu einer Präsentation unserer Ergebnisse ein. Ein explosives Fest junger Kreativität!

Und ein Musterbeispiel für die Kraft von fächerübergreifendem Unterricht!

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