Ich schaue in die Welt oder: Wenn Bienen ein Smartphone hätten

Ein Beitrag von Dirk T. van Dinter (Rudolf Steiner Schule Hamburg Bergstedt)

„Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet, in der die Sterne funkeln …“ — Rudolf Steiner, Morgenspruch der Klassen 5–12. Seit einem Jahr sind meine Frau und ich Imker. Vieles an den Bienen fasziniert uns. Vielleicht vor allem, dass man bei ihnen immer wieder merkt, wie wenig man eigentlich weiß. Man kann stundenlang vor einem Bienenstock stehen und schauen. Da kommen Bienen zurück, manche mit dicken Pollenhöschen an den Hinterbeinen. Andere fliegen hinaus, manche bleiben einen Moment vor dem Flugloch stehen, als würden sie sich orientieren. Es summt, brummt und duftet. Im Inneren des Stocks ist ein ganzes Volk damit beschäftigt, zu wärmen, zu füttern, zu bauen, zu putzen, zu pflegen und Nahrung zu sammeln. Und plötzlich merkt man: Hier geschieht etwas. Etwas, das viel größer ist als die einzelne Biene. Eine Biene weiß nicht alles. Sie muss es auch gar nicht.
Sie ist Teil eines Ganzen. Besonders beeindruckend finde ich den Bienentanz. Eine Biene kommt von draußen zurück und beginnt zu tanzen. Die anderen Bienen versammeln sich um sie. Sie schauen genau hin, folgen ihren Bewegungen und können daraus erfahren, wo draußen eine gute Nahrungsquelle zu finden ist.

Manchmal habe ich schmunzelnd gedacht, das hat etwas von Eurythmie. Gab es das eigentlich schon: Den Bienentanz als Eurythmie-Aufführung? Was für eine Vorstellung: Eine Biene hat etwas entdeckt und erzählt es – nicht mit Worten, sondern mit ihrem ganzen Körper. Sie tanzt. Sie dreht sich. Sie beschreibt eine Acht. Die anderen schauen. Und aus diesem Tanz entsteht gemeinsames Handeln und Orientierung. Vielleicht ist es gerade dieses Schauen, das uns Menschen manchmal verloren geht.

Wenn man Kinder beobachtet, kann man erleben, wie ursprünglich dieses Schauen ist. Ein kleines Kind kann minutenlang einen Käfer betrachten. Es kann einen Stein umdrehen und sich fragen, was darunter lebt. Es kann eine Pfütze untersuchen, einen Stock in die Hand nehmen oder eine Schnecke verfolgen, als wäre das die wichtigste Sache der Welt. Kinder schauen nicht nur. Sie tauchen ein. Aus einem Stock wird ein Schwert, aus einer Decke eine Höhle und aus zwei Stühlen ein Raumschiff. Ein leerer Nachmittag kann plötzlich voller Möglichkeiten sein. Vielleicht ist das eine der großen Fähigkeiten der Kindheit: aus der Welt etwas Eigenes entstehen zu lassen. Und dann kommt irgendwann das Smartphone. Es ist natürlich nicht plötzlich „da“, sondern schleicht sich ganz selbstverständlich in unseren Alltag. Ein Foto hier, eine Nachricht dort. Eine Frage, die man schnell googelt. Ein Video, das man noch kurz anschaut. Und plötzlich verändert sich etwas. Schleichend. Ein Käfer? Erst einmal den Namen googlen, statt zu beobachten. Eine Höhle bauen? Da gibt es doch sicher eine Anleitung zu. Ein Raumschiff? Warum selbst malen, wenn es doch Vordrucke gibt? Und inzwischen sogar eine künstliche Intelligenz, die nicht nur Antworten gibt, sondern Geschichten schreibt, Ideen entwickelt und für uns formuliert und übersetzt. Das ist faszinierend. Sicher. Und leider mehr als das, sonst würde sich daraus kein Suchtpotenzial entwickeln.

Ich denke, dass wir dabei etwas übersehen. Denn was wäre, wenn unsere Bienen ein Handy hätten? Eine Biene fliegt hinaus und entdeckt eine unbekannte Blüte. Früher hätte sie sie untersucht, den Duft wahrgenommen, den Nektar probiert, sich orientiert und wäre schließlich zurück zum Stock geflogen. Als Späher-Biene kannte sie ihren Job. Heute könnte sie ihr Handy zücken. „KI, was ist das für eine Blume?“ „Wie weit ist die nächste davon entfernt?“ „Wie viel Nektar enthält sie?“ „Ist es sinnvoll, dorthin zu fliegen?“

Die Biene bekäme wahrscheinlich hervorragende Antworten. Aber sie würde dabei etwas Entscheidendes nicht mehr tun: selbst schauen. Und vielleicht würde sie noch etwas viel Schlimmeres verlieren - den Tanz. Denn wenn die KI der Biene immer sagt, wo die beste Blüte zu finden ist, muss sie nicht mehr selbst erzählen. Die anderen Bienen müssen nicht mehr auf ihre Bewegungen achten. Niemand muss mehr lernen, den Tanz zu verstehen. Die Bienen bräuchten nicht mehr aufeinander zu achten. Jeder ist mit sich beschäftigt. Das Wissen wäre noch da. Aber die Beziehung wäre verschwunden. Das Faszinierende am Bienenvolk ist ja gerade nicht, dass jede Biene alles weiß. Es ist, dass die Bienen miteinander verbunden sind. Eine findet etwas, kehrt zurück und teilt ihre Erfahrung. Die anderen nehmen sie auf. Aus vielen einzelnen Wahrnehmungen entsteht etwas Gemeinsames. Die Jungbienen lernen von den alten Arbeiterinnen.

Wie sagte Rudolf Steiner: „Es gibt zwei Zauberworte, welche angeben, wie das Kind in ein Verhältnis zu seiner Umgebung tritt. Diese sind: Nachahmung und Vorbild.“ Ein Kind lernt nicht nur aus Informationen. Es lernt, indem es schaut, nachahmt, ausprobiert, scheitert, wieder versucht. Es lernt von anderen Kindern, von Erwachsenen, von der Natur. Es lernt mit den Händen und mit dem Körper. Es lernt durch Geschichten und durch eigenes Erleben. Und manchmal lernt es gerade dann am meisten, wenn ihm niemand sofort die Antwort gibt. Ich glaube, deshalb hat mich dieser alte Morgenspruch schon immer berührt: Ich schaue in die Welt. Nicht: Ich weiß alles über die Welt. Nicht: Ich lasse mir die Welt erklären. Ich schaue. Die Sonne. Die Sterne. Die Steine. Die Pflanzen. Die Tiere. Und irgendwann auch den Menschen. Vielleicht beginnt Bildung genau dort: bei diesem offenen Blick.

Ich denke dabei wieder an unsere Bienen. Wenn ich an der Beute stehe – so heißt der Bienenstock –, habe ich nicht das Bedürfnis, alles sofort zu verstehen. Im Gegenteil: Je länger ich schaue, desto größer wird die Welt. Eine Biene fliegt heraus. Eine andere kommt zurück. Eine tanzt. Die anderen schauen. Es wuselt scheinbar durcheinander, doch hat alles eine ganz eigene Ordnung. Wenn ich zu hektisch eingreife, haben die Bienen sehr stichhaltige Argumente, mich in die Ruhe zurück zu bringen. Und irgendwo zwischen Sonne, Blüten, Bienen und Menschen geschieht etwas, das sich nicht auf einem Bildschirm abbilden lässt. Man muss einfach da sein. Und schauen. Nicht aufs Handy. Ich schaue in die Welt. Bei einem Kind, das etwas sieht und noch nicht weiß, was es ist. Bei einer Frage, die noch keine Antwort hat und auch nicht sofort braucht. Bei einer Blume, deren Namen man nicht kennt. Mir geht es nicht darum, die digitale Welt zum Feind zu erklären. Unsere Kinder werden mit Computern und künstlicher Intelligenz leben. Sie werden diese Werkzeuge benutzen, und vermutlich werden sie darin viel geübter sein als wir. Aber ich wünsche ihnen, dass sie vorher etwas anderes gelernt haben. Zu schauen. Zu staunen. Zu warten. Zu fragen. Zu suchen. Und manchmal einfach loszufliegen, ohne vorher jemanden zu fragen, wohin. 

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