Vom Paradies zur eigenen Welt
Ein Beitrag von Evelyn Dorner (Freie Waldorfschule Wendelstein)
Auf einem kleinen Brett stecken vier Äste in Lehmklumpen. Man erzählt von einer Beduinenfamilie, die ihr Lager aufschlägt. Dann, langsam, fast feierlich legt sich ein Tuch über die Äste. Es fällt an allen Seiten zu Boden. Absolute Stille, bis ein Kind leise sagt: „Jetzt sind sie weg.“ Ein anderes Kind flüstert: „Wenn du drinnen sitzt, ist jetzt eigentlich alles draußen weg.“ Und dann bringt es jemand auf den Punkt: „Die können jetzt drinnen in aller Ruhe machen, was sie wollen, egal was draußen ist.“
Innenraum
Genau darum geht es in der Hausbau-Epoche am Ende der dritten Klasse. Nicht in erster Linie ums Hämmern und Mauern – obwohl das natürlich auch dazugehört und Spaß macht. Es geht um einen inneren Entwicklungsschritt, den die Kinder in ihrem neunten oder zehnten Lebensjahr vollziehen: Sie ziehen ins eigene Haus ein. Sie kommen bei sich selbst an.
Vom Paradies zur eigenen Welt
Das Schuljahr der Drittklässler beginnt oft mit der Schöpfungsgeschichte: Adam und Eva im Paradies, beschützt, geborgen – und dann der Aufbruch in die Welt, wo es gilt zu lernen, zu arbeiten, selbst zu gestalten. Dieses Urbild begleitet die Kinder durchs Jahr. Denn genau das erleben sie in ihrer eigenen Entwicklung.
Bis zum neunten Lebensjahr sind Kinder ganz in der Umgebung zu Hause. Wer kennt das nicht: Mitten im Unterricht fährt draußen ein Traktor vorbei – und schon sind alle am Fenster, ganz „aus dem Häuschen“, wie man so schön sagt. Ein Insekt im Klassenzimmer? Unterricht unmöglich. Die Kin- der sind ganz bei der Sache da draußen, mit allen Sinnen, mit aller Bewegung.
Doch nach dem neunten Lebensjahr ändert sich etwas Grundlegendes. Der Körper ist im Wesentlichen fertig gestaltet – alle Zähne sind da, alles ist angelegt. Die Kräfte, die bis dahin den Körper aufgebaut haben, stehen jetzt für etwas anderes zur Verfügung: für die innere Welt. Aus äußerer Bewegung wird innere Bewegung. Die Kinder beginnen nachzudenken, mitzufühlen, eigene Gedanken zu entwickeln. Sie können jetzt von innen heraus gestalten. Das Haus ist gebaut – und die Seele zieht ein.
Jedes Kind baut sein eigenes Haus
In der Hausbau-Epoche erleben die Kinder diesen Entwicklungsschritt ganz konkret. Sie erforschen zunächst, wie Menschen weltweit wohnen: in Iglus, Lehmhütten, Jurten, Runddörfern. Sie lernen, wie ein modernes Haus entsteht – von der Planung durch Bauherren und Architekten über die verschiedenen Gewerke bis zum Richtfest und zur Vollendung.
Dann wird es praktisch: Jedes Kind baut sein eigenes kleines Modellhaus. Bevorzugt werden Naturmaterialien wie Holz, Ton, Pflanzen, Leder, Tücher. Jedes Haus ist völlig verschieden. Aber alle haben eines gemeinsam: Sie schaffen einen freien Innenraum. Einen Raum, der dem Kind gehört, in dem es sein kann, was es ist. In dem es in aller Ruhe gestalten kann, egal was draußen passiert.
Wenn die kleinen Häuser, Hütten, Zelte und Baumhäuser dann ausgestellt werden, kann man staunen: über die Vielfalt, die Kreativität, die handwerkliche Geschicklichkeit. Und über die Individualität jedes einzelnen Kindes, das hier sichtbar wird.
Natürlich üben die Kinder in dieser Epoche auch ganz viel anderes: das Schönschreiben all der schwierigen Fachausdrücke ins Epochenheft, das Lesen derselben, das Rechnen und Abschätzen und vor allem das Malen und Zeichnen.
