Getreideernte

Bericht einer Bauersfrau

(um 1905)

Für die Getreideernte sagte man bei uns in Platt "Bau". Der Roggen war meist um Jakobi reif. Es richtete sich auch ganz nach dem Wetter. Nach alter Bauern­regel wird immer gesagt: Wenn der Lindenbaum zu Johanni seine Blüten offen hat, dann ist auch zu Jakobi der Roggen reif. Man kann wirklich damit rech­nen. Die Ländereien lagen früher alle zerstreut im Esch, und wenn nur ein Bauer anfing zu mähen, dann folgten die anderen schon von selbst. Ein beson­deres Brauchtum war nicht vorhanden.

Vorbereitung: Sensen

Die Sensen wurden meistens aufbewahrt oben in der Scheune im Steckband (Balkenpfosten). Bei uns waren für die Roggenernte nur die kurzen Sicheln da. Bei jedem Bauern waren wohl vier bis fünf Sicheln vorhanden. Heute sind sie überflüssig, und kein Jungbauer kann heute mehr mit der Sichel umgehen. Vor dem Roggenschneiden mussten die Sicheln geschärft werden, man nannte es "haan", im hochdeutschen den­geln. Es geschah mit dem "Haaspitt" und "Haahammer. Das "Haaspitt" wurde fest in die Erde geschlagen. Nun wurde das Blatt der Sichel darauf gehalten und mit der Spitze des Haahammers die Schnittkante so lange geklopft, bis sie scharf war. Die Männer setzten sich dabei in den Schatten einer Eiche oder einer Linde. Es war sogar schön an­zuhören, wenn überall gehaat wurde.

Erntewagen

Zum Heu- und Roggeneinfahren wurde der Ackerwagen umgestaltet, er wurde lang gemacht. Das geschah auf folgende Weise. Das mittlere Stück des Wagens ("Langholt"), welches Vorderteil ("Vörstell") und Hinterteil ("Echter-stell") verbindet, konnte man auseinander nehmen. Es waren mehrere Löcher darin gebohrt. Nun konnte man beide Stücke aufeinanderlegen und in der ge­wünschten Länge halten. Ein eiserner Stock ("Pinn") kam durch jedes Loch. Nun war der Wagen lang. Nun wurden die Seitenbretter ("Flechten") entfernt und durch Leitern ("Lettern") ersetzt. Man nannte ihn jetzt den "Letterwagen".

Kleidung

Die Schnitter, hier Mäher genannt, trugen eine leichte Kleidung: Manchester- oder Leinenhose, dazu einen blauen Kittel ("Bußrump"). Auf dem Kopf einen großen Strohhut. Die Binderinnen  ("Binders")   trugen ein leichtes Kleid von Druckkattun und eine blaue Vorbindeschürze aus Leinen, denn bei dieser Arbeit war ein großer Verschleiß an Kleidung. Ferner hatten sie extra halbe Leinenärmel zum Überziehen ("Bindmauen"). Auf dem Kopfe trugen die Bin­derinnen den sogenannten weißen Schlapphut. Ein Hut, der fast nur in unse­rer Gegend vorkam. Er war aus weißem Kattun mit Pünktchen oder Blümchen bedruckt und sah genauso aus wie eine Schwesternhaube früher. Wenn man den Hut aufsetzte, so wurde er unter dem Kinn mit Leinenband zugebunden. Das hintere Teil wurde im Nacken mit einer Schleife zusammengehalten, so dass Schulter und der halbe Rücken davon be­deckt waren. Der Hut saß wohl fest am Kopf, war vorne aber ganz weitläufig. Man sah aus wie eine Schwester.

Essen und Trinken

Es gab zur Erntezeit gutes, kräftiges Essen. Besondere Vorbereitungen wur­den in unserer Gegend nicht gemacht. Den Korb, worin das Essen gebracht wurde, nannte man den "Brüggenkorf". Er wurde aus wilden Weiden gefloch­ten, und das machten meistens die Jungens beim Kühehüten.

Das Schneiden

Man fing schon rechtzeitig am Tage an, sobald der Tau weg war. So gegen acht Uhr war alles in vollem Gange. Als erster mähte der Bauer selbst, dann kam der Heuerling oder der Knecht, die Söhne je nach Alter, auch fremde Mäher. Es waren im Durchschnitt vier bis sechs Mäher da. Für zwei Mäher war ein Binder da. Und auf folgende Weise wurde gemäht: Wir hatten hier ja die kurze Sichel. In der rechten Hand hatte der Mäher die Sichel und in der linken Hand den Strickhaken. Das war eine schmale Latte, 3 cm breit,  1 cm dick und ungefähr so 1,40 m lang. Auf dieser Latte war auch ein Streifen Schmirgel. Während des Mähens wurde ab und zu die Sichel daran gewetzt. Unten an der Latte war ein kräftiger, gebogener, spitzer Haken. Nun schlug der Mäher mit der Sichel ins Korn und mit dem Strickhaken hielt er die Hal­me zusammen    und rollte sie mit jedem Schlag etwas ein. Hatte nun der Mäher so ungefähr fünf bis sechs Schlag gemacht, so war die Garbe wohl dick genug. Nun schob er die Sichel unter der Garbe her, hielt mit dem Strickhaken oben noch etwas fest und legte die Garbe hinter sich nieder, genau in der Reihe. Jeder Mäher hatte seine eigene Reihe und alles geschah flott und geschickt.

Das Binden

Eine nicht leichte Arbeit war auch das Binden. Jeder Binder musste zwei Mähern nachbinden und so schnell, dass man den Mäher bis auf zwei bis drei Garben vor sich hatte, wer das nicht fertig brachte, musste sich schämen. Und nun, wie wurde gebunden?

Bei uns in der Gegend wurde kurz gebunden, die sogenannten Puppen, später kam das Langbinden, weil es auch leichter war. Folgendermaßen wurden die Puppen gebunden. Man schob den linken Arm unter die Garbe und hob sie auf und hielt sie vor sich.  Gleichzeitig wurde dann mit dem rechten Arm der Kopf der Garbe geknickt. Dann wurde seitlich mit der linken Hand ein Seil hervorgeholt, geteilt, eins in der linken und eins in der rechten Hand. Nun wurden diese Teile übereinandergelegt, und jetzt wurde das Seil stramm um den Kopf gezogen und wieder die beiden Teile übereinandergelegt. Nun wurde das Seil zu einem geschickten Knoten gedreht, dass er nicht wieder losging. Jetzt musste die Garbe auch gleich hingestellt werden. Man legte die linke Hand auf den Kopf der Garbe (man hatte die Garbe ja vor sich), und mit der rechten Hand packte man seitlich ins Stroh und breitete die Garbe aus, dass sie fest auf der Erde stand. Man musste hierbei wohl über viel Fingergeläufig­keit verfügen.

Das Langbinden geschah wie folgt. Man stand vor der Garbe. Man nahm zum Seil eine kleine Hand voll Halme herunter und hielt diese in der rechten Hand. Nun hob man die Garbe auf und schob wiederum den linken Arm drunterher und fasste mit beiden Händen das Seil an und zog es stramm um die Mitte der Garbe. Jetzt wurde wieder ein Knoten gemacht, vielmehr gedreht, und dieser Knoten wurde dann unter das Seil geschoben. Nun musste auch der Kopf noch gebunden werden. Man nahm einfach mehrere Halme vom Kopf (aber nicht ausziehen!), teilte sie, legte sie quer übereinander, zog beide Teile fest um den Kopf, und vorne wurde das eine Teil unter dem anderen durchgezogen. So war die Garbe fertig und wurde liegengelassen.

Das Aufstellen der Garben

Nach Tagesablauf wurden die Garben aufgestellt. Die Mäher stellten sie auf und die Binder reichten sie an. Die Garben wurden zu viert aufgestellt. Oben wurden die Küpfe mit einem Seil zusammengebunden. Man achtete sehr darauf, dass die Garben-Reihen schnurgerade über das Land kamen. Gerste und Buch­weizen wurde in kleine Haufen gestellt. Wenn die letzte Gar­be gemäht war, dann hatte man "Stoppelhahn", wie man es hier nannte. Alle waren froh darüber, dass man soweit war. Der Bauer spendierte dann auch wohl einen Klaren, so dass man fröhlich den Stoppelhahn feiern konnte.

Der Arbeitstag

Man fing an mit dem ersten Frühstück, dann das zweite Frühstück, dann Mit­tag, dann Vesper und später Abendessen. Beim ersten Frühstück wurde noch nicht viel gegessen. Um neun Uhr war das zweite Frühstück. Es gab meistens Buchweizenpfannekuchen mit ausgebratenem Speck. Man nannte ihn Hassen­speck. Man trank Milch oder Kaffee dazu. Das Frühstück wurde von der Haus­frau gebracht. Die Schüssel Pfannekuchen wurde auf die Erde gestellt, und alle gesellten sich im Kreis herum. Jeder hatte seine eigene Tasse. Man ge­brauchte kein Tischtuch.  Vorher wurde noch gebetet, und dann ging es mit großem Appetit daran. Das Kaffeeinschütten besorgte meistens einer von den Bindern. Als Gefäß gebrauchte man Blechkannen in der Größe von drei bis fünf Litern, man nannte sie "Koffiebüßken". Der Bauer oder der erste Mäher hatte die Uhr bei sich und gab zum Aufhören Bescheid. Um zwölf Uhr war Mittagszeit. Wenn wir zu Hause ankamen, war der Tisch schon gedeckt. Die Hausfrau kochte immer Eintopf. Braten kannte man zu damaliger Zeit noch nicht. Es gab reichlich Speck, Halber Kopf und Mettwurst, und wenn sie auch schon älter war. Bis zwei Uhr war Mittagspause. Die Männer sahen ihre Sicheln nach, und wenn nötig wurde noch etwas gehaat. Um vier Uhr gab es dann Schinkenbutterbrote und Kaffee, wiederum von der Hausfrau gebracht. Gegen sieben Uhr wurde aufgehört. Man musste ja auch noch die Garben aufsetzen. Als Abendbrot gab es Pfannekuchen und Milchsuppe.  Für die Hausfrau war es auch kein leichter Tag, denn sie besorgte auch abends  noch das Melken. Da­bei halfen schon die Schulkinder.

Das Einfahren

Der Knecht oder der älteste Sohn des Hauses fuhr den Kornwagen und musste auch die Darben aufladen, mit einer zweizinkigen Forke an einem langen Stiel, eigens für diese Arbeit bestimmt. Das Packen der Darben war meistens Frauen­arbeit.  Zunächst wurde inwendig der Wagenleitern gepackt, so dass jedesmal die Garben mit dem Kopfende auf die vorhergehenden Garben zu liegen kamen, üben auf den Leitern kamen die Garben links und rechts zu liegen, aber immer mit dem Kopf nach innen, dann wurde quer darüber eine Garbe gelegt, einmal mit dem Kopfende nach links und das andere Mal nach rechts, so gab es festen Halt. Das war die erste Lage ("Looge") auf dem Lüagen. Auf gleiche Weise folgten die anderen Lagen. Ab und zu fragte die da oben: Steht es noch gut drauf? Und der da unten musste dann die nötigen Anweisungen geben. Man hat­te ja nicht gerne, dass so ein Fuder umkippte. Wenn das Fuder voll war, dann wurde ein Baum darüber gespannt ("Sootbom"). Er war ziemlich lang, länger als der Wagen, und war meistens aus Tannenholz, weil das leichter war. Der Baum hatte vorne einen runden Kopf. Das Holz war hier ein paar Finger breit ausgehoben, nach hinten verlief er dünn. Über den Kopf wurde nun die schwere Kette geschlungen, die unten an den Leitern festgemacht wurde ("Haltkette"). Nun wurde der Baum fest angezogen, hinten kam ein dickes Seil darüber ("Wagensel"), wurde ein paarmal stramm um den Baum gezogen und an der Wagenleiter befestigt. Wer gepackt hatte, konnte sich an diesem Seil herunterlas­sen. Nun wurde das Fuder nach Hause gefahren. Es ging bei den größeren Bauern meistens "mit stehendem Wagen", das heißt, wenn auf dem Feld ein Fuder voll geladen wird, so muss unterdessen zu Hause ein Fuder abgeladen werden. Kehrten sie heim vom Felde, so musste draußen schon der leere Wagen bereit stehen, versehen mit Baum, Kette und Wagenseil. Der volle Wagen wurde nun auf die Tenne gefahren, direkt unter die Bodenluke. Der Baum wur­de losgemacht und abgeworfen, und das Abladen ging los. Einer war auf dem Wagen und reichte die Garben durch die Luke. Er musste lagenweise vorgehen. An der Luke wurde sie angenommen und weitergeworfen zum Nebenmann. Wir hatten kurze zweizinkige Forken. Der Bauer musste packen, fasste aber die Garben mit der Hand an. Je höher man im Balken heraufkam, desto beschwer­licher war es. Hier halfen die Kinder auch schon mit. Viel Getreide wurde auch draußen gepackt. Es waren runde Stapel. Man nannte sie "Firn". Es war zunächst ein leichteres Packen, und man konnte in frischer Luft arbeiten. Man gebrauchte nicht so viele Leute. Und wie wurde nun dieser Firn gepackt? Man suchte sich eine trockene Stelle aus, setzte einen Baum in die Erde, 15-20 cm im Durchmesser und zirka 4-5 cm lang. Unten auf der Erde im Umkreis wurde Holz übereinandergelegt, so dass das Getreide nicht mit der Erde in Be­rührung kam. Nun wurde das Getreide rund um den Baum gelegt und dann im Kreis weiter nach außen hin, meistens war es unten wohl ein Durchmesser von 4-5 Metern. Die Garben wurden lagenweise gepackt, am Baum angefangen, und so, dass die Garben mit dem Kopfende nach innen kamen. Nun wurde akkurat weiter gearbeitet, so dass der Firn nach oben hin in einer Spitze verlief. Die Sache musste wirklich gekonnt sein. Hier im Brook kannte es fast jeder Bauer. Das hat sich von früher wohl eingebürgert aus Holland. So ganz vereinzelt sieht man es noch heute, oben wurde der Firn dann abgedeckt mit Stroh.

Wenn das Feld leer wurde, so musste es abgeharkt werden. Man nannte es, "Fouerschleppen". Es geschah mit einer großen Harke, der "Fouerschleppe". Sie war aus Holz. Die eigentliche Harke hatte eine Breite von zirka 1 1/2 m und war mit einer Reihe eiserner Zinken versehen. Der Stiel war ziemlich lang und von der Mitte ab zur Harke hin gespalten, so dass an beiden Enden der Harke je ein Teil durch ein gebohrtes Loch kam. In der Mitte, wo die Spaltung anfing, eine Hand breit niedriger kam ein Querstück aus Holz. Das konnte man während des Harkens mit der Hand umfassen und mit der anderen Hand den Stiel. So wurde nun gezogen. War die Harke voll von Stroh, so wur­de sie ausgehoben. So entstanden Reihen über das Land, die nachher mit der Grepe zu Haufen gemacht wurden, und alsdann mit dem Wagen heimgeholt wurden.

Das Erntefest

Als Kind kann ich mich nicht an ein Erntefest erinnern. In den 20er und 30er Jahren wurde es hier eingeführt, auch kirchlicherseits. Im Oktober, wenn alles unter Dach und Fach ist, dann wird bei einem Bauern auf der Tenne das Erntefest gefeiert. Die Bauern wechseln sich jedes Jahr darin ab. Jung und Alt kommen zum Tanz. Am Balken unter der Luke hängt der Erntekranz mit allerhand Feldfrüchten versehen. Die Frauen werden extra bewirtet mit Kaffee und Kuchen. Jede Nachbarschaft ("Hook") feiert für sich.

In der Kirche ist am Erntedanktag oben an der Decke ein Erntekranz ange­bracht. Auf einem kleinen Tisch liegen allerhand Feld- und Gartenfrüchte, die werden vom Pfarrer gesegnet und später zum Krankenhaus gebracht. So gibt es nach sauren Wochen wieder frohe Feste.

Neuerungen

Ich weiß mich noch gut zu erinnern, als mein Vater die erste Mähmaschine kaufte. Es muss wohl so um 1905 gewesen sein. Es war schon eine Erleichte­rung für die Menschen.

Um 1918 wurde die Mähmaschine auch zum Roggenmähen gebraucht. An der Maschine wurde ein Kornableger mit einem Sitz eingebaut. Es saßen nun zwei Männer auf der Maschine. Der eine führte die Pferde  und die Messer bzw. das Ein- und Ausstellen der Maschine, der  andere bediente nur den Handab­leger. Er hatte dabei einen großen Stiel in der Hand, womit er die Ähren zu­rückhielt. Wenn er nun meinte, die Garbe sei  groß genug,    so trat er mit dem Fuß auf einen Hebel, und die Garbe rollte auf die Erde. Zu Beginn des Mähens wurde erst noch ein Streifen mit der Sichel gemäht. Man nannte es "Losmähen".

Jedem Binder wurde eine gewisse Strecke zum Binden zugeteilt. Da wurde meistens mit einem Seil gebunden. Um 1935 herum kamen die Selbstbinder auf. Da konnten Frauen und Mädchen mal aufatmen.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar