Essen und Trinken (Der Tageslauf im Haushalt)

1908-1920

Die Mutter stand im Winter meistens gegen sechs Uhr auf, im Sommer um fünf Uhr. Sie weckte dann die anderen Großen, wie Magd, Knecht und die größeren Kinder. Dann ging es gleich in den Stall zum Melken. Zu damaliger Zeit, als ich noch ein Kind war, standen die Kühe auch im Sommer nachts im Stall. Die Mutter hatte schon unterdessen das Herdfeuer angelegt, den Mor­genkaffee gekocht und die Schweine gefüttert. Wenn diese Arbeit fertig war, gab es das erste Frühstück ("Mor "nköppken"), Bohnenkaffee mit einer Schnit­te Bauernstuten. Der Stuten wurde immer daumendick geschnitten. Danach wurde die Arbeit auf der Tenne weitergemacht von den Männern.  Im Sommer wurde gleich das Vieh auf die Weide getrieben. Die Magd oder die Tochter musste die Milch überdrehen ("üöwerdreihen"). Die Milch kam nämlich in die Zentrifuge, und die wurde mit der Hand gedreht. Das war nicht so ganz leicht. Wir kannten damals noch keine Molkerei. Die Hausfrau machte später die Kinder fertig zur Schule. Wenn das Vieh fertig gefüttert war und die Magd oder Tochter das Milchgeschirr sauber gemacht hatte, so folgte kurz nach neun Uhr das zweite Frühstück. Im Winter gab es zur Zeit des Schlachtens Wurstebrot mit ausgelassenen Speckschriemen. Wurstebrot wurde aus Blut und Roggenschrot gemacht, mit Salz und Kamin ' abgeschmeckt, und es wurde so steif verarbeitet, dass man es in Ballen so von Kinderkopfgröße formen konnte. Nun wurden diese Ballen in einem großen Kessel eine Stunde gar gekocht, heraus­genommen und an einem kühlen luftigen Ort aufbewahrt. Morgens wurden nun ein bis zwei Ballen feingeschnitten, in einen Topf gegeben mit Wasser, etwas Salz, Fett und den frischen Schriemen von dem ausgelassenen Fett. Alles wur­de zu einem dicken Brei gekocht ("Woustbrotssoppen"). Es wurde auf Teller gegeben, mit der Gabel gegessen. Öfters bekam auch jeder ein Stück gebra­tenen Speck dazu ("Hassen-Speck"). Wer morgens einen Teller Wurstebrot aß, war für einen halben Tag satt. Man sagt heute noch wohl zu jemandem, der keinen Appetit zeigt:  "Du haß van Morgen wull all 2 Lüourstbrot hat". Noch bei vielen Bauern hier wird so in dieser Art das Wurstebrot von Jung und Alt gern gegessen. Wenn das Wurstebrot alle war, wurde dicke Milchsup­pe gekocht ("Papp"). Entweder wurde Roggengrütze angerührt oder Weizenmehl. Dazu wurde Schwarzbrot mit Butter gegessen. Es kannte auch sein, dass die Hausfrau in der Pfanne Speck ausließ, wiederum für jeden seinen Teil. Dann wurde die Pfanne mitten auf den Tisch gestellt, und alle konnten dann Brot und Stuten mit der Gabel hereintauchen ("stippen") und essen.

Das Ankleiden am Morgen

Frauen und Mädchen sowie Männer wuschen sich alle in der Waschkammer, die gleich an der Küche lag und zur Küche hin ganz offen war. Hier war auch die Pumpe.  Neben der Pumpe hingen zwei bis drei Handtücher, dunkel. Ein Handtuch war extra zum Händeabtrocknen tagsüber. Es war von einem weichen Jutesack.  Zum Sonntag wurden die Handtücher gewechselt. Hier in der Wasch­kammer nahm jeder einen Eimer Wasser und wusch sich. Ein Stück Kernseife war auch da. Toilettenseife gab es dazumal nicht. Die Kinder wurden meist von der Hausfrau angezogen und fertiggemacht. Am Samstagabend wurde jedem Kind der Kopf tüchtig abgeseift mit brauner Schmierseife und dann ein reines Hemd angezogen. Als Morgenkleidung hatte man beim Arbeiten am Vieh be­sondere Kleidung.  Man nannte es Stallzeug. Frauen und Mädchen trugen eine grobe Sackschürze ("Schluff"). Nachtjacken und Nachtmützen wurden nur im Bett angezogen. Ganz alte Frauen hatten morgens die Nachtmütze noch auf. Bis zum zweiten Frühstück mussten aber alle sauber und fertig sein. Frauen und Mädchen trugen alte Kattunkleider (Dunkelblaudruck), dazu eine dunkle Trägerschürze mit einer dunkelblauen Vorbindschürze aus Leinen. Die Män­ner trugen im Haus Kittel ("Kiel") diese waren früher blau, später gestreift. Als Fußbekleidung kannte man nur Holzschuhe, ein Paar für den Stall,("Mistklumpen" oder "Stallklumpen"), und ein Paar für tagsüber. Diese wurden auch jeden Samstag nebst dem Küchentisch blank gescheuert. Nur die Männer, die hinter dem Pflug gehen mussten, hatten dafür ein paar Schuhe (Landschuhe).

Vor dem zweiten Frühstück ("Tienühr")

So um neun Uhr wurde der Topf fürs Mittagessen fertiggemacht. Es gab Speck darin, Rippen, Schinkenknochen oder vom Halben Kopf, dazu eine getrocknete Mettwurst, solange der Vorrat reichte. Im Winter war das Kochen einfach. Man hatte das Sauerkraut im Fass. Ein paarmal in der Woche wurde auch Grün­kohl ("Mous") gekocht. Auch gab es öfters Bohnensuppe von kleinen schwarzen Bohnen ("Pferdebohnen",  wurden auch selbst angebaut), oder graue Erbsen­suppe.  Im Sommer musste man das Gemüse aus dem Garten holen. Es gab immer nur Eintopf, und alles wurde auf dem Herdfeuer gekocht. War nun dieses Ein­topfessen fertig, so wurde der Kochtopf zur Seite gestellt, und man wartete nach wohl eine halbe Stunde mit dem Aufgeben. Das Essen musste sich, wie gesagt wurde, erst "maßten". Dann schmeckte es am besten. Ich mache das auch heute nach so. Es gab nur eiserne Gusstöpfe mit Henkeln daran. Der Wasserkessel war aus Kupfer.

Nach dem zweiten Frühstück wurde das Haus in Ordnung gebracht. Die Küche wurde gefegt mit einem Besen aus Birkenreisern, die der Vater selbst machte. Der Boden von Küche und Deele sowie auch der Kammern war aus Kalkgrütze gestampft. Man konnte den Boden nicht wischen, nur den Dreck abstechen. Wenn die Küche sauber war, wurde weißer Sand gestreut. Dann wurden die Betten gemacht. Es gab noch keine Matratzen, nur Stroh als Unterlage (mit viel Flöhen), aber dicke Federbetten. Die Bauern hatten alle Gänse, und somit waren sie immer mit Federn versorgt. Staubwischen kannte man nicht, nur Spinnengewebe wegmachen ("Spinnen jagen") und ab und zu Fensterputzen.

Das zweite Frühstück

Man sagte in platt "Tien Uhr". Den Personen, die nun draußen arbeiten mussten, wurde das Frühstück gebracht, vor allem, wenn schwer gearbeitet wur­de, besonders in der Ernte, sowie beim Grasmähen. Alles musste ja noch mit der Hand gemacht werden. Es wurde meistens Buchweizenpfannekuchen mit viel Bratspeck gebracht. Dazu gab es gekochte Milch. Sie kam in ein Gefäß aus Emaille, zirka 30 cm hoch und auch so weit, dann mit einem Deckel und Henkel. Man nannte es Düppe. Ab und zu gab es auch wohl Schinkenbutter­brote, manchmal auch nur Stuten mit Brot. Es richtete sich ganz nach der Ar­beit. Der Kaffee wurde in einer Blechbüchse gebracht, man nannte sie "Koffiebüßken". Die Tassen waren nur so Kümpkes ohne Öhrchen. Butterbrote, Pfannekuchen, Tassen wurden in einem viereckigen Korb mitgenommen ("Drinkenkorf"). Man konnte sie beim Korbmacher kaufen, denn in solchen Körben wurde auch die Butter zum Händler oder Markt gebracht ("Butterkorf"). Man kannte auch früher keine Spiegeleier, wenn ein Ei gebraucht wurde, dann nur gekocht. Man kannte doch auch weder Kuchen noch Pudding. An be­sonderen Festtagen gab es dicken Reis.

Tischordnung

Die ganze Familie aß an einem Tisch. Es wurde kein Tischtuch aufgelegt. Das kannte man nirgends. Der Bauer saß am oberen Ende des Tisches. Rechts ne­ben ihm die Hausfrau. Dann die Oma, die Magd. (Heute hat man fast gar kein Dienstpersonal mehr.) Es folgten dann die Töchter, alle dem Alter nach. An der linken Seite des Bauern der Knecht oder sonstige Arbeitsleute und dann die Jungens alle dem Alter nach.

Vorbereitung der Speisen

Erbsen und Bohnen wurden im Winter alle gedroschen. Im Sommer musste die Hausfrau das nötige Gemüse aus dem Garten holen. Sie stand meistens damit alleine da.  Im Spätherbst wurde das Sauerkraut ("Suermoos") eingemacht in große Holzfässer mit 400 bis 500 l Maß. Die Fässer ("Fäte") waren in der Mitte bauchig, ursprünglich waren es Weinfässer. Den Kaps baute man sel­ber an. Für ein solches Fass musste man allerhand haben. Dazu half die ganze Familie.  Der Kaps wurde geschabt und lagenweise in das Fass gegeben mit Salz, Pfefferkörnern und Wacholderbeeren. Dann wurde er immer wieder von den Männern mit neuen Holzschuhen festgetreten. War das Fass eine Hand­breit vom Rand voll, so kam ein rundes Brett darauf. Dann kam ein schwerer Stein darauf ("Kieseling").  Hernach kam ungefähr bis zum Rand Wasser hin­zu.  In vier bis fünf Wochen war das Sauerkraut gebrauchsfertig.

Aufs Butterbrat gab es immer gute Butter; Margarine kannte man noch nicht. Im Winter zur Schlachtezeit gab es Schmalz aufs Brot. Honig war eine ganze Seltenheit. Nur wer Bienen hatte, bekam ihn zu sehen, aber kaum zu essen, denn der Honig wurde verkauft.

Das Essen

Der Bauer gab das Zeichen zum Beten, wenn Kinder da waren, mussten die Kinder vorbeten. Nach dem Essen wurde auch der "Engel des Herrn" gebetet. Die Hausfrau teilte Speck und Fleisch aus. Der Topf kam in der Mitte des Tisches auf. einem runden Brettchen zu stehen. Jeder konnte sich dann was aufgeben auf den Teller. Wurstebrot, Bratkartoffeln und Rühreier wurden ge­meinsam aus der Pfanne gegessen. Zum Speck wurde auch wohl ein Stück Brat gegessen. Auch zu dem Papp wurde gerne Brot gegessen. Salat gab es sehr wenig, weil der Garten meist zu kurz kam. Der Salat wurde mit einer warmen Specksoße aus Speckwürfeln, Mehl und Milch, etwas Zucker daran angemacht. Freitags gab es ganz einfache Kost zu Mittag. Entweder eine Bohnensuppe oder einen Topf mit Salzkartoffeln. Die konnte man in Fett vermischt mit dicker Milch oder Buttermilch stippen. Ein "Pännken met Soeß" stand dann auf dem Tisch.

Noch ein altes Bauerngericht möchte ich kurz erwähnen, was ich erst hier kennengelernt habe, als ich heiratete. Es heißt "Pottstruk". Es wurde folgendermaßen zubereitet: Ein Topf mit Buttermilch wird zum Kochen gebracht. Dann schüttete man soviel Buchweizenmehl oder Weizenmehl hinein, bis das Ganze unter gutem Umrühren zu einem steifen Brei wurde, dass die Gabel darin stehen konnte. Nun wurde dieser Brei auf die Pfannekuchenschüssel gegeben und hier fein verteilt und aufgearbeitet, so acht bis zehn Zentimeter hoch. In der Mitte von dem Brei wurde ein faustgroßes Loch gemacht. Nun wurde die­ses Loch mit kochender Milch und Speckfett gefüllt. Dann kam die Schüssel auf den Tisch. Jeder Bissen wurde mit der Gabel in das Fettloch gestippt. Es schmeckte auch gut ein Stück Bratspeck dazu. Man musste immer schön rundherum stechen, dass nicht der Damm von dem Loch brach. Fett und Milch konnten immer wieder nachgefüllt werden. Ich kenne hier einen alten Mann, der noch ab und zu "Pottstruk" verlangt. Ich habe es auch immer gerne ge­gessen.

Das Spülen

Die Teller und Tassen wurden in der Waschkammer in einem Holzbottich in heißem Wasser vor- und kalt nachgespült. Das "Spölfättken" war ein "holten Fatt", ähnlich dem Butterfass, mit einem eisernen Band und einem Griff. Wenn die Teller und Tassen gut abgelaufen waren, dann kamen sie einzeln hinter ein Regal. Auch Gabeln und Löffel konnte man in ein bestimmtes Regal stecken.

Unterstunde

Bis Zwei Uhr war im Sommer immer Ruhepause. Man nannte es "den Ünnersten". Dann gab es eine Tasse Bohnenkaffee mit Zucker,  "tue Ührken" nannte man es. Dann ging jeder wieder an seine Arbeit.

Vesper

Um vier Uhr wurde Vesper gehalten. Wenn alle auf dem Felde waren, so wurden Butterbrote und Kaffee von der Hausfrau hingebracht. Es war Bohnen­kaffee mit Zichorien vermischt. Die Butterbrote waren belegt mit Schinken oder Speck.

Abendessen

Zwischen sieben und acht Uhr wurde das Abendessen eingenommen. Es gab so abwechselnd Pfannekuchen mit Milch oder Kartoffelpfannekuchen, hauptsäch­lich backte man aber Buchweizenpfannekuchen. Dazu gab es immer ein Stück­chen Speck.  Buchweizenpfannekuchen backen ("Pannekock") war nicht jedermanns Sache.  Hier war vor mehreren Jahren ein Arzt, unser Hausarzt. Wie er mir selber erzählte, hat er seine Frau extra zu einer Bauernfrau ge­schickt, um das richtige Backen von Buchueizenpfannekuchen zu lernen. Früher wurde auch auf dem Herdfeuer Pfannekuchen gebacken.

Der Buchweizen wurde hier auch früher selbst angebaut. Seitdem der Kunstdün­ger da ist, hat das aufgehört. Im Sommer wurde auch viel dicke Milch und But­termilch getrunken. Nicht immer gab es Schinkenbutterbrot. Hauptsächlich nur, wenn schwere Arbeit geleistet wurde. Schwarzbrot fehlte nie im Hause. Es konnte auch wohl Salzkartoffeln mit Speck geben. Zu hohen Feiertagen wurde ein "Halber Kopf" gekocht. Nach dem Erkalten in Scheiben geschnitten und Einge­legt in Zwiebel und Essig.

Besuch

wenn plötzlich Besuch kam, so wurde in der Küche aufgetischt. Wir kannten früher keine bessere Stube. Es gab guten Bohnenkaffee mit Kandiszucker, Stuten mit Schinken und Butter. Die Männer stopften sich später wohl eine gute Pfeife Tabak. Schnaps wurde nicht angeboten. So reichlich war es früher nicht.

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