Traumreise Bienenflug

Ein Beitrag von Geesa Kern (Freie Waldorfschule Köln Chorweiler)

Zur Vorbereitung auf eine Honig-Verkostung habe ich eine Traumreise für die Kinder geschrieben. Die Kinder durften die Arme auf den Bänkchen verschränken und ihre Köpfe darauflegen. Beim ersten Gong schlossen sie die Augen und beim nächsten Gong öffneten sie sie wieder. Die Kinder sind beseelt daraus erwacht. Man kann sie ganz nach Belieben abwandeln.

(GONG)
Schließe deine Augen.

Stell dir vor, du bist eine kleine Biene. Du trittst von hellem Licht geblendet heraus aus dem Flugloch und stehst am Rande des Flugbretts. Der Himmel ist kristallklar und ein Hauch von warmer Sommerluft streicht dir über den Pelz und hebt leicht deine Flügelchen an. Es duftet nach frischen Sommerblumen. In der Nacht hat es geregnet und silberne Tröpfchen hängen an den farbigen Kelchen. In der Ferne hörst du ein paar andere emsige Bienen, die reich beladen von Blüte zu Blüte surren.

Du spürst das harte Flugbrett unter deinen Beinchen und stößt dich davon ab. Der Wind fährt dir unter die Flügel und wie von selbst beginnen sie zu schwirren. Das Surren deiner eigenen Flügel ertönt und stimmt in das Summen der anderen Bienen ein. Immer höher und höher tragen dich deine Flügelchen. Ein Gefühl von Glück und Freude breitet sich in dir aus! Diese herrliche Luft!
Je höher du steigst, desto kühler wird die Luft. Ein kleiner Schauer durchfährt dich. Nun kannst du ganz weit schauen.

Unter dir liegt die Wiese mit deinem Bienenstock inmitten von Blumen in den herrlichsten Farben. Sie leuchten in der Sonne und versprühen ihre Kraft. Rechts von dir liegt der dunkle, kühle Tannenwald. Er verströmt den Duft von heilsamem Harz und feuchter Erde. Seine Ruhe und Kühle lädt dich zum Entspannen an einem heißen Sommernachmittag ein.

Doch noch ist es früh am Tag und vor dir erstreckt sich ein gelbes Meer aus Raps. Du kannst kaum hineinschauen, so gelb und dicht ist das Meer. Der Duft ist reif und schwer und süß und weich. Du fühlst dich angezogen und fliegst dort hin.
Über dem Meer aus gleißendem Gelb wird der Duft immer stärker, so dass er dir fast die Sinne vernebelt. Die Luft scheint dichter und schwerer zu werden und deine Flügel haben Mühe dich zu tragen. Du setzt dich auf eine Blüte und saugst den süßen Nektar ein. Zäh und süß rinnt dir der Nektar durch den Körper. Er gibt dir neue Kraft und du erhebst dich und fliegst hoch in den blauen Sommerhimmel.
Der Himmel nimmt zur Mittagsstunde eine weißliche Farbe an und über der Wiese flimmert die Luft. Ein zarter Duftfaden fesselt dich erneut und lenkt deinen Blick in die Ferne. Dort steht ein Baum. Der Baum steht auf einem schlanken Stamm und wiegt seine federige Krone im Wind. Der Baum ist so zart, dass das helle Sonnenlicht durch seine Blätter hindurchscheint. Die Blätter zittern und an seinen feinen Ästen hängen wie Trauben zarte weiße Blüten. Sie duften leicht und verlockend. Du saugst ihren Duft in dich ein und er ist ganz da und plötzlich wieder fort. Du kletterst in eine seiner zarten Blüten und kostest den Nektar. Klar, Flüssig und süß rinnt der herrliche Nektar durch deinen Körper. Belebt und unbeschwert hebst du ab und fliegst davon.

Jetzt ist es Zeit für eine Rast im Tannenwald. Auf dem Weg dorthin blendet dich etwas. Du schaust hinunter und siehst ein Menschenhaus mit einem Garten. In diesem Garten steht ein gläsernes Häuschen, in dem sich die Sonne spiegelt. Im Dach des Häuschens steht eine Luke offen, aus der ein feiner fremdartiger Duft herausweht. Fremdartig und doch verlockend. Du fliegst zu dem Kasten und schlüpfst durch die Luke. Innen ist es furchtbar heiß und du bekommst großen Durst. Da steht ein Bäumchen mit kleinen kräftigen, grünen Blättern. An seinen Ästen baumeln ballonförmige, kräftige kleine Blüten und Früchte, die aussehen wie Erdbeeren. Die Blüten verströmen einen aromatischen bitteren Duft. Dein Durst ist groß und so fliegst du zu einer Blüte hin und steckst dein Köpfchen ganz hinein. Innen ist es ganz still und das Rosa der Blüte umhüllt dich sanft. Doch der Duft des Nektars ist fremd. Du trinkst einen Schluck und es schüttelt dich. Dein Mund zieht sich zusammen.... brrr schnell fort von hier. Die Energie, die plötzlich in dir erwacht, ist stark und kräftigend. Dein Körper strafft sich und du fliegst hinaus durch die Luke in die Lüfte. Jetzt ist es wahrlich Zeit zum Wald zu fliegen.

Am Wald angekommen lässt du dich auf den schattigen Ästen einer Tanne nieder. Du passt dabei auf, nicht in ein klebriges Harztröpfchen zu treten. Neben dir auf dem Ast ragt ein zartes dunkelviolettes Zäpfchen in die Höhe. Und neben ihm noch eines und noch eines. Die Zäpfchen locken dich mit harzig süßem Duft. Du bahnst dir deinen Weg durch die stacheligen Tannennadeln und setzt dich auf ein violettes Zäpflein. Es haftet ein wenig an deinen Füßen. Du lässt deinen Saugrüssel tief in das Zäpfchen fahren und merkst wie der kostbare Nektar zu dir aufsteigt. Dunkel kühl und harzig. Du atmest ruhig ein und aus und merkst wie dein Körper entspannt. Du genießt deine Pause. Langsam wird es Zeit von deinem Ausflug heimzukehren, bevor die Nacht den Wald umhüllt.

Du öffnest deine Augen.
(GONG)

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