Der Bau eines eigenen Bogens und die Vorbereitung auf das Michaelifest
Ein Beitrag aus der Waldorfschule Karl Schubert • Graz
Der Anfang des Werkjahres ist für jede 5.Klasse immer eine arbeitsreiche und aufregende Zeit. Schließlich wissen die Schülerinnen und Schüler aus der Erfahrung ihrer bisherigen Michaelifeste sehr gut, welche Aufgabe sie Ende September erwartet.
Für alle, die es nicht wissen, hier eine kurze Erklärung:
Michaelifest
Der Drache, der der Legende nach von Michael dem Erzengel aus dem Himmel geschlagen wird, versinnbildlicht unsere eigenen inneren Ängste und Schattenseiten mit denen wir tagtäglich umgehen müssen.
Dies wird uns durch das Michaelifest zu Beginn der dunklen Jahreszeit besonders bildhaft in Erinnerung gerufen. Wir dürfen hier an der Schule anhand verschiedener Proben und Aufgaben unseren Mut unter Beweis stellen.
Als besonders bildhaften Höhepunkt darf die 5.Klasse zum Abschluss den Drachen, der jedes Jahr dankenswerterweise von der Werkoberstufe in vielen Stunden Arbeit gebaut wird, mit brennenden Pfeilen erlegen und so stellvertretend für die ganze Schule den symbolischen Akt der Befreiung vollziehen.
Übungsprozess
Damit das alles am großen Tag möglichst reibungslos ablaufen kann ist einiges an Vorbereitung nötig. In der ersten Werkstunde des Schuljahres geht die 5.Klasse daher gleich ins Freie und wir machen uns mit dem Bogenschießen an sich vertraut. Manche Kinder bringen oft schon einiges an Erfahrung mit, für viele ist es aber das erste Mal, das sie einen Bogen in der Hand halten.
Dieser Übungsprozess wird, je näher Michaeli rückt, immer mehr verdichtet und erweitert. Nach dem reinen Üben des Schussablaufs wird ein Ziel aufgestellt, es wird zu mehrt in Formation geschossen, das Einhalten der Formation wird geübt sowie das Schießen auf Kommando und schließlich auch das Abschießen brennender Pfeile.
Was sich hier wie militärischer Drill anhört soll dazu dienen, den 5.Klässlerinnen und 5.Klässlern einen sicheren Rahmen zu bieten. Denn jedes Jahr in der Vorbereitung zeigt sich, dass die Überwindung, die zu dieser Aufgabe gehört, größer ist, als es von außen scheinen mag.
Bogenbau
Das Bauen der Bögen selbst spiegelt diesen Prozess wider. Es erfordert Kraft aber auch viel Geduld und ist mit einem gewissen Risiko behaftet.
Wir bauen Bögen aus Haselästen – im Gegensatz zu den ersten Kinderbögen (Schnur auf Stecken – fertig) versuchen wir jedoch, dessen Schwachstellen (ungleichmäßige Kraftverteilung, relativ schnelles Ermüden des Materials) durch Bearbeitung der sogenannten „Wurfarme“ zu beseitigen. Dieser Prozess erfordert ein feines Austarieren zwischen Kraft und Ausdauer (nicht zu viel auf einmal wegnehmen – immer wieder testen) welches den Kindern je nach Temperament mehr oder weniger gut entgegenkommt.
Das Risiko liegt darin, dass der Bogen, wenn einmal zu viel weggenommen wurde, zu Bruch gehen kann und die viele Arbeit – scheinbar! - umsonst war. Unvergleichbar jedoch ist das Gefühl, mit dem man beim Abschießen des ersten Pfeils mit dem eigenen Bogen, für seine Ausdauer belohnt wird. Wer mit dem Bogen fertig ist, hilft in der verbleibenden Werkzeit beim Anfertigen der Feuerpfeile – über 40 Stück werden pro Jahr benötigt.
Festtag
Dann ist der große Tag da und alle Unsicherheiten, die in der Vorbereitung noch so spürbar waren, spielen plötzlich keine Rolle mehr. Jedes Michaelifest schreibt in Bezug auf einzelne Kinder – die im Laufe des Prozesses besonders über sich hinauswachsen – seine eigenen Geschichten. Dies war auch heuer der Fall.
Noch nie habe ich jedoch so deutlich wie dieses Jahr erlebt, dass am Michaelitag plötzlich jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler seine Befindlichkeiten und Ängste beiseite gestellt, und eine vereinte 5.Klasse ihre Aufgabe bravourös erledigt hat.
