Ein Wichtel im Klassenzimmer
Ein Beitrag von Carolin Balthasar (Freie Waldorfschule Halle)
Seit einigen Tagen herrscht in unserer dritten Klasse eine besondere Stimmung: Ganz leise, fast unbemerkt, ist ein kleiner Wichtel eingezogen. Sein neues Zuhause entstand aus allerlei Naturmaterialien, die die Kinder mit großer Freude aus Wald und Garten mitbrachten. Aus Moos, Ästen, Rindenstücken, Steinen und kleinen Schätzen der Natur gestalteten einige eifrige Baumeister der Klasse ein warmes, einladendes Heim für den kleinen Wichtel. So fügt sich das Häuschen harmonisch in die kommende Hausbauepoche ein und trägt die Handschrift der Kinder, die mit viel Liebe zum Detail gearbeitet haben.
Doch der Wichtel ist viel mehr als eine charmante Dekoration: Er ist zu einem stillen Begleiter des Klassengeschehens geworden. Die Kinder wissen, dass Wichtel ein feines Gehör und ein sensibles Gemüt haben. So motiviert ihr kleiner Besucher sie jeden Tag aufs Neue, den Raum ordentlich zu halten, sorgsam miteinander umzugehen und achtsam zu lernen – denn laute Geräusche oder Unruhe könnten dem Wichtel Kopfschmerzen bereiten. Diese spielerische Selbstregulation gelingt den Kindern mit großer Freude und bemerkenswerter Ernsthaftigkeit.
Besonders spannend sind die täglichen Wichtelbriefe: In fein geschwungener Schrift hinterlässt der Wichtel kleine Botschaften, Hinweise, Rätsel oder Aufgaben. Die Kinder wiederum reagieren mit großer Begeisterung – täglich entstehen von ganz allein zahlreiche Briefe an den Wichtel, liebevoll gestaltet und voller Gedanken, Fragen und kleiner Geschichten. Dabei bitten sie die Lehrerin eifrig um Rechtschreibkorrektur, um ihre Botschaften möglichst fehlerfrei und schön formuliert an den Wichtel schicken zu können. So wird das Schreiben auf natürliche Weise geübt, getragen von echter Motivation und innerer Beteiligung.
Auch beim Rechnen bringt der Wichtel frischen Schwung in den Unterricht: Kleine Rechenaufgaben, die er hin und wieder hinterlässt, werden mit Spannung erwartet und mit großem Ehrgeiz gelöst. Lernen geschieht hier spielerisch und lebendig – fast nebenbei, aber mit viel innerem Engagement.
Die leuchtenden Augen der Kinder beim Öffnen eines neuen Wichtelbriefes, ihr Eifer beim Basteln weiterer Einrichtungsstücke und ihre stetige Sorge um das Wohlergehen des Wichtels zeigen, wie sehr sie dieser Impuls berührt. In seiner Wirkung knüpft der Wichtel ideal an die Grundanliegen der Waldorfpädagogik an und unterstützt die Lernfreude auf natürliche Weise. Das gemeinsame Tun, die Freude am Gestalten und die innere Haltung der Achtsamkeit wachsen hier ganz organisch zusammen.
So bereichert der kleine Wichtel nicht nur das Klassenzimmer, sondern auch das Lernen, das Miteinander und den Schulalltag – ein leises, aber wirkungsvolles Geschenk.
