Geburtstage feiern im Waldorfkindergarten Krefeld Fichtenhain
Ein Beitrag von Christiane Schneider
Der Geburtstag eines Kindes ist im Waldorfkindergarten ein besonderer Moment im Jahreslauf. Mit Liedern, Ritualen und einer kleinen Himmelsreise wird das Geburtstagskind in die Mitte der Gemeinschaft gestellt. In Bildern wird erzählt, wie das Kind von den Sternen auf die Erde kommt. Meine folgende Beschreibung zeigt, wie wir dieses Fest in unserem Kindergarten gestalten.
Der Geburtstag eines Kindes ist im Waldorfkindergarten weit mehr als ein schönes Fest im Jahreslauf. Er ist zugleich eine Würdigung des individuellen Lebensweges des Kindes. In der anthroposophischen Menschenkunde hat der Geburtstag eine besondere Bedeutung: Er markiert den Übergang in ein neues Lebensjahr und erinnert an die Ankunft des Kindes auf der Erde. In diesem Sinne feiern wir im Kindergarten nicht nur den Tag, an dem ein Kind geboren wurde, sondern symbolisch auch den Moment der Erdenankunft. In Bildern wird erzählt, dass das Kind aus der geistigen Welt kommt, von einer Himmelswiese, von den Sternen und auf die Erde hinabsteigt. Es legt gewissermaßen sein Himmelskleid ab und erhält ein Erdenkleid. Diese Vorstellung prägt unsere innere Haltung beim Feiern des Geburtstages. Wenn wir als Erziehende den Geburtstag in diesem Sinne verstehen, verändert sich auch die Art, wie wir ihn gestalten. Die Feier wird zu einem liebevollen Ritual, das dem Kind einen warmen Nachklang seiner Herkunft aus der geistigen Welt schenken kann, einer Welt, von der es in den ersten Lebensjahren noch nicht weit entfernt ist.
Der Geburtstag wird von vielen Liedern begleitet. Wie auch sonst im Kindergartenalltag begleiten wir Tätigkeiten gern mit Gesang. Lieder schaffen Stimmung, geben Orientierung und tragen die Kinder durch den Ablauf. Der Geburtstagstisch wird mit großer Sorgfalt vorbereitet. Es ist uns wichtig, dass alles stimmig wirkt und ein schönes Gesamtbild entsteht, für uns und für die Kinder. Zuerst legen wir ein gelbes Tuch auf den Tisch. Es steht für das Licht und für die Sonne. Darüber legen wir ein Regenbogentuch, das kreisförmig gerafft wird. Der Regenbogen kann als Bild für das Himmelstor verstanden werden, für den Übergang zwischen Himmel und Erde. Die Tücher sind sorgfältig gebügelt und so gelegt, dass sie schön fallen. Sie bilden die Grundlage für alles Weitere auf dem Tisch. Darauf entsteht dann der Geburtstagstisch: mit dem Kerzenkreis mit so vielen Kerzen, wie das Kind Jahre alt wird, dem Lebenslicht in der Mitte, einem Blumenstrauß für das Geburtstagskind, der selbst gemalten Geburtstagskarte, dem Geburtstagsgeschenk der Gruppe, dem Geburtstagsumhang, der selbst gestalteten Geburtstagskrone, einer Glöckchenkette, Streichhölzern und Kerzenlöscher. Auf dem Öltröpfchentablett liegt heute noch eine kleine goldene Märchenkugel und unter der Muschel mit dem Öl liegt sonnengelbe Märchenwolle.
Kommt das Geburtstagskind morgens in den Kindergarten, wird es bereits im Flur mit einem kleinen Lied begrüßt:
Wisst ihr, was die Katze miaut und der Hund, was bellt er?
Und was zwitschert denn der Spatz so laut?
Herzlichen Glückwunsch, herzlichen Glückwunsch,
das Geburtstagskind ist ein Jahr älter.
Während der Freispielzeit entdecken die Kinder den vorbereiteten Geburtstagstisch und überlegen gemeinsam, wer heute Geburtstag hat und wie alt das Kind geworden ist. Nach dem Händewaschen treffen wir uns zunächst im Sitzkreis im Nebenraum. Das Geburtstagskind darf an diesem Tag das Goldtröpfchen verteilen. Dazu singen wir:
Goldtröpfchen, Goldtröpfchen, komm auf meine Hand
und mach sie weich und samt.
Mein Goldtröpfchen, setz sich nieder, macht die Hände so weich,
dann sind sie ganz glatt und sie duften so fein.
Während sich die Kinder das Öl in die Hände reiben, sprechen wir:
Scheine liebe Sonne, schein‘ auf dies und schein auf das.
Ri Ra Rutsch, wir fahren mit der Kutsch‘, die Kutsch‘ hat heut ein Loch,
wir fahren immer noch. Ri Ra Rutsch, wir fahren mit der Geburtstagskutsch‘.
Nun nehme ich die kleine goldene Märchenkugel in meine Hand und lasse sie in meiner Handfläche rollen. Dabei spreche ich:
Märchenkugel, gold und fein, wer darf heut die Sonne sein?
… wer darf heut der Mond sein/ das erste Sternenkindlein …
Das Geburtstagskind bestimmt nun, wer die Sonne sein darf, wer der Mond sein darf und wer die fünf Sternenkinder sind. Diese Kinder bekommen ihre Kronen. Die fünf Sterne bilden gemeinsam den Sternenwagen, indem sie sich an den Händen halten. Mit dem Lied ziehen Sonne, Mond und die Sternenkinder los:
Ziehe, ziehe Sternenwagen,
heut wirst du ein Kindlein tragen.
Sternenwagen halte an,
dass das Geburtstagskind kommen kann.
Im Nebenraum steigt das Geburtstagskind symbolisch in den Sternenwagen ein. Wir singen weiter:
Steig nun ein und sei ganz leise,
auf der großen Himmelsreise.
Durch das Land, wo Engel sind,
wirst gefahren Sternenkind.
Sternenwagen halte an,
dass das Geburtstagskind kommen kann.
Von der großen Himmelsbahn
kommt es auf der Erde an.
Der Sternenwagen bringt das Geburtstagskind zurück in den Gruppenraum. Dort nimmt es seinen Platz ein, rechts und links sitzen Sonne und Mond. Ich begrüße es mit den Worten: „Herzlich willkommen auf der Erde, du Sternenkind.“ Wenn alle Kinder ruhig im Halbkreis sitzen, entzünde ich zuerst das Lebenslicht und dann die Geburtstagskerzen. Dazu singen wir:
Sonne, Mond und Sterne
aus der Himmelsferne,
grüßen das Geburtstagskind,
das sich in unserem Kreis‘ befindet.
Wer ist’s? Wer ist’s?
Das Geburtstagskind ist’s.
Anschließend läuten Sonne und Mond die Glöckchenkette vor dem Geburtstagskind.
Dazu singen wir:
Kling, klang, Gloria, Glocken sollen läuten.
Kling, klang, Gloria, was soll das bedeuten?
Das bedeutet rein und klar,
dass ein Kind geboren war.
Sternenkind trat aus dem Tor,
sich den Erdenweg erkor.
Es kam zu uns allen.
Läute Glocke, läute sehr,
das Geburtstagskind kam zu uns daher.
Bim, bam baum. Bim, bam, baum.
Es folgen zwei kleine Handgestenspiele:
Am Fenster heute Morgen,
da piepst es ohne Sorgen,
die Spatzen und die Meisen,
ja, was soll das denn heißen;
die Spatzen und die Meisen,
ja, was soll das denn heißen?
Sie haben’s mir geflüstert, ich weiß es ganz genau,
das Geburtstagskind hat Geburtstag, darum der Radau,
das Geburtstagskind hat Geburtstag, darum der Radau.
Heute soll Geburtstag sein, einen langen Tag,
Lirum, larum Löffelstiel, wer sich freuen mag.
Fang dir einen Sonnenstrahl, steck ihn an den Hut,
dass, wenn es mal regnet, er dich wärmen tut.
Ich frage das Geburtstagskind, wie alt es geworden ist und ob es uns etwas von seinem Geburtstag erzählen möchte. Manche Kinder berichten gern und ausführlich, andere möchten lieber still bleiben. Beides darf sein. Dann wünschen wir dem Geburtstagskind Glück und Segen und singen zweimal:
Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen,
Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei.
Danach darf das Geburtstagskind seine Kerzen löschen, während das Lebenslicht weiter brennt. Der Stuhlkreis wird aufgelöst und wir gehen singend zum Tisch:
Rinke, ranke Rosenschein,
lieber Morgen komm herein,
alle unsere Fensterlein
sollen heut geöffnet sein,
öffne unsere Herzen.
Auf dem Tisch liegt ein gelb-goldenes Tuch als Schmuck. Wir beginnen das Frühstück mit dem Lied „Kräht der Hahn früh am Morgen“ und singen alle sechs Strophen. Danach frühstücken wir gemeinsam und genießen anschließend das, was das Geburtstagskind mitgebracht hat. Nach der Draußenzeit gehen wir etwas früher wieder in den Gruppenraum zurück, denn vor dem Mittagessen feiern wir noch einmal gemeinsam weiter Geburtstag: Die Kerzen werden erneut entzündet, mit dem gleichen Lied wie am Morgen.
Dann singen wir gemeinsam:
Und weil du heut Geburtstag hast, da haben wir gedacht,
wir singen dir ein schönes Lied, weil dir das Freude macht.
Sogar ein bunter Blumenstrauß schmückt heute deinen Tisch,
und wenn du ihn ins Wasser stellst, dann bleibt er lange frisch.
Danach erzähle ich auswendig die Geburtstagsgeschichte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder noch einmal ganz anders lauschen, wenn die Geschichte frei erzählt wird und nicht aus einem Buch vorgelesen wird. Nach der Geschichte singen wir:
Geburtstagskind, Geburtstagskind, wir sind jetzt alle da.
Wir wünschen dir, wir wünschen dir ein frohes neues Jahr.
Die Gaben, die wir haben, die sollen es dir sagen:
Wir haben dich so lieb. Wir haben dich so lieb.
Nun werden die Geschenke überreicht. Nacheinander dürfen einzelne Kinder zum Geburtstagstisch gehen und dem Geburtstagskind ein Geschenk bringen: zuerst das Geschenk der Gruppe, dann die Geburtstagskerze und schließlich die selbstgemalte und beschriebene Karte. Das Geburtstagskind packt jedes Geschenk aus und zeigt es allen Kindern im Kreis. Der Geburtstagstisch bleibt den ganzen Tag stehen, bis das Geburtstagskind abgeholt wird. Dann darf es sein Geschenk, die Kerze, die Karte, die Krone und den Blumenstrauß mit nach Hause nehmen.
So endet ein Geburtstag bei uns im Waldorfkindergarten, als liebevoll gestaltetes Fest im Kreis der Gemeinschaft und als kleines Bild für den Weg eines Kindes von den Sternen auf die Erde.
