Anteile auf 2 Jahre

Ein Beitrag von Marcus Kraneburg (damals Lehrer an der Freien Waldorfschule Halle)

Die Freie Waldorfschule Halle befindet sich in einem alten Rittergut, zu welchem eine beeindruckende Scheune gehört, in der alle größeren Veranstaltungen stattfinden. Die Deckenkonstruktion im Inneren vermittelt ein Gefühl, als befände man sich in der Arche Noah.

In den Anfangsjahren gab es am einen Ende der Scheune - noch auf Lehmboden - eine provisorische Bühne. Für den Vorhang wurden Tücher verwendet, die man an einem gespannten Metallseil über die Bühne zog.

 

Das erste Bild zeigt die Scheune nach ihrem Umbau.
Leider wurden die Bilder damals mit einer sehr einfachen Kamera aufgenommen.

 

Das Achtklassspiel (2001) war in Planung und meine Klasse hatte sich entschlossen, den „Glöckner von Notre-Dame" zu spielen. Es sollte eine große Kathedrale entstehen, von der sich Quasimodo mit einer Seilsicherung todesmutig herunterstürzen konnte, um Esmeralda vor den Augen der Zuschauer zu retten. Die bisherige Bühne (siehe Bild) hatte dafür aber nicht die entsprechende Tiefe. Sie war zu klein und man konnte auf ihr auch eigentlich nicht sinnvoll auf- und abtreten.

So wurde die Idee geboren, den Lehmboden und die provisorische Bühne durch einen Estrichboden und eine große Bühne zu ersetzen. Die Scheune hat eine Grundfläche von 480 m² und den Kostenaufwand für diese Aktion errechneten wir auf damals etwa 60.000 DM. Die Schule war nach vielen anderen Gebäudesanierungen nicht in der Lage, diese Investition zu tätigen und so entstand eine andere Idee.

 

Ich besprach mich mit meiner Klasse:

Wenn wir die 60.000 DM in 500 Anteile teilen und einen jeden Anteil auf zwei Jahre strecken, so würde dieser Anteil im Monat 5 DM betragen. Der Vorstand erklärte sich bereit, die Investitionssumme vorzustrecken, wenn der Rücklauf im Lauf von zwei Jahren gesichert wäre.

Warum theoretisches Wissen in der Schule vermitteln, wenn das praktische Leben viel bessere Möglichkeiten bietet? Nun ging ein Klassenwirbel los. Es war Ende Oktober 2001 und am 27. April 2002 sollte die Aufführung stattfinden. Ein Brief wurde entworfen, indem wir darum warben, einen oder mehrere Anteile zu zeichnen. Er wurde häufig kopiert und jede(r) Schüler(in) unterschrieb jeden Brief. So zog man aus in die Verwandtschaft und in die Bekanntschaft.

Ich erinnere mich, dass am nächsten Morgen schon 9 Anteile gezeichnet waren. Täglich wurden Zahl und Summe der mitgebrachten Einzugsermächtigungen an der Pinnwand angeschlagen. Die Zahl stieg beständig. Einige Schüler der 8. Klasse besuchten die verschiedensten abendlichen Veranstaltungen, um für die Sache zu werben: Elternabende, eine Sitzung im Vorstand des Waldorfkindergartens, eine Sitzung des Schulvorstandes, eine Lehrerkonferenz .... Wir traten an zweidrittel aller deutschen Waldorfschulen mit der Frage nach Übernahme eines oder mehrerer Anteile und bekamen die ein oder andere positive Antwort. 

Es gab sogar eine Waldorfschule, die gleich 10 Anteile übernommen hat. Und so gab es eine Menge freudiger Überraschungen, aber natürlich auch ehrlicher Absagen.

Mitte Dezember fiel die Entscheidung im Vorstand, mit dem Umbau direkt nach den Weihnachtsferien zu beginnen. Nun traten wir an Bauer Schubert heran, der durch seinen Maschinenpark schon manches Mal der Schule wesentlich geholfen hatte. Ein ganzes Wochenende saßen Herr Schubert und Albrecht auf den Maschinen. Die oberste Schicht wurde gleichmäßig abgetragen und gleichzeitig kostenlos abtransportiert.

Dann wurden viele Kubikmeter Sand ebenfalls durch Schuberts eingefahren. Dies wurde in mühsamster Kleinarbeit ausnivelliert und gleichmäßig abgezogen. Das haben wir so gut gemacht, dass der Bauleiter scherzhaft sagte, er würde dann mit uns eine Tiefbaufirma aufmachen wollen. Das Ganze wurde von Herrn Ritzau, unserem Hausmeister abgerüttelt.

Die erste Folie zur Feuchtigkeitssperre wurde ausgelegt und verklebt.

Nun kam die erste Schicht Magerbeton. Wieder transportierte Bauer Schubert die Materialien, stellte Mischer und auch eine Arbeitskraft. Einige stärkere Jungs meiner Klasse wurden nun während der Schulzeit bereitgestellt, um den fertig gemischten Beton mit Schubkarren in die Scheune einzufahren. Das war nun wahrhafte Knochenarbeit, und wir vollendeten in vollen drei Tagen die Magerbetonschicht auf 480 m². Der Beton war so schwer und das Abziehen so anstrengend, dass am Abend jede Bewegung schmerzte. Die Winterferien waren erreicht, und wir konnten uns ein wenig erholen. Jedoch nicht alle.

In ständiger Zusammenarbeit wurden von Frau Kriese-Ochs, der Geschäftsführerin, Materialpreise eingeholt, wurde verhandelt, organisiert und so bestellt, dass unser knapper Terminplan eingehalten werden konnte. Die Lieferung der Trittschall- und Wärmedämmung kam pünktlich zum Ende der Ferien.

Zuerst wurde eine weitere Folie verlegt, dann die Platten der Trittschalldämmung passgenau zugeschnitten und eingesetzt. Der Schülervater Herr Hönig brachte hier Stunde um Stunde zu und am Ende brachte er gar einen Teil seiner Firma mit, um mit Hilfe vieler Hände morgens während der Schulzeit diesen Arbeitschritt zu vollenden.

Eine letzte Folie wurde ausgebreitet, und nun konnte der eigentliche Estrich kommen. Bis zu diesem Zeitpunkt war jede Arbeitsstunde ein Geschenk der vielen Helfer gewesen. Dies führte dazu, dass wir bis jetzt wesentlich weniger Geld ausgegeben hatten, als geplant. Den Auftrag zur Aufbringung der Estrichschicht hatten wir jedoch an eine Firma vergeben, dieser Arbeitsschritt wurde also von Profis ausgeführt.

Sie arbeiteten auch drei Tage lang daran. Dieser Schritt verschlang jedoch, trotz günstigstem Angebot, mehr als 1/3 der Gesamtkosten. Für diejenigen, die den Magerbeton eingebracht hatten, war es unglaublich beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit, Exaktheit und welchem Augenmaß die Profis arbeiteten. Während der Pausen waren die Schüler der Schule kaum dem Arbeitsprozess fernzuhalten, so anziehend war er. Der erste Riesenschritt war vollbracht. Nach zwei Tagen konnte man die Fläche betreten. Die Scheune hatte nun einen Estrichboden!!

Es gab jedoch keine Zeit zum Verschnaufen. In der Zwischenzeit war das Holz für den Bühnebau geliefert worden. Dieser sollte aus beweglichen Elementen hergestellt werden. An sechs aufeinander folgenden Tagen arbeiteten nun die Schülereltern mit Achtklassschülern von 18.00 bis 21.00 Uhr an den Bühnenelementen. Sehr stabil wurden sie gefertigt.

Das war schon ein fleißiges Völkchen, welches Abend für Abend Podest für Podest errichtete (insgesamt 35 Teile).

In den Osterferien wurden die letzten fertig. Der zweite Abschnitt war vollendet, jetzt kam der dritte und letzte: der Vorhang.

Schülervater Herr Stoye, der beruflich im Theaterbereich tätig war, schenkte der Schule einen Vorhang mit Stahlträgern, was den weinroten Vordervorhang elegant auf und zu schwenken ließ. Diesen montierte er auf unserer neuen Bühne, verlängerte die Stahlkonstruktion mit einem Schlosser auf 3,8 m. Inzwischen war der schwerentflammbare blaue Samtvorhang in 50 m-Bahnen geliefert worden. Nun machten sich die Mütter der 8. Klasse fleißig ans Nähen. Als dann der gesamte tiefblaue Hintergrundvorhang säulenartig in dieser Scheune hing, war das schon ein fantastischer Anblick.

Termingerecht ging an drei Tagen der Vorhang auf: Der Glöckner von Notre-Dame. In der öffentlichen Aufführung am 27. April 2002 war die Scheune bis auf den letzten Platz voll besetzt. Es war eine wundervolle Atmosphäre und genauso herausragend haben die Schüler gespielt.

PS. Insgesamt wurden etwa 370 Anteile gezeichnet. Trotzdem konnten die Kosten, da wir fast alle Arbeitsschritte selbst ausführten und damit die Ausgaben senkten, annähernd vollständig gedeckt werden.

Kommentar
26.06.2018 | Emma | Patin
Bei Bildungseinrichtungen ist es immer generell so, dass das Geld nur in Maßen vorhanden ist. Ich finde es trotzdem wunderbar, was sich aus der Sanierung ergeben hat, ist wirklich löblich. Die große Bühne sieht sehr professionell aus. Sicher hatten alle Beteiligten bei der Aktion viel Freude.
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