Pferde, Pferde... Reiten als Schulsport

Ein Beitrag von Gabriele Krebs (Reitpädagogin, Freie Waldorfschule Soest)

Das Fach „Reiten" gibt es an unserer Schule seit einigen Jahren für die Schülerinnen und Schüler der jeweils dritten Klasse: Jeden Donnerstag steht für drei Schulstunden „Reiten" auf dem Stundenplan!! Die Kinder fahren gemeinsam mit einem Bus zur Reitschule Werthmann-Glaremin in Lühringsen. Dort warten 17 Ponys in unterschiedlichen Größen.

Zunächst mit viel Hilfe, dann immer selbständiger, werden die Ponys eingefangen, geputzt und gesattelt, bevor es zum Reiten in die Reithalle, auf den Außenplatz mit Geländehindernissen oder zum Ausritt geht. Nach dem Reiten werden die Ponys abgesattelt und die Trensen gesäubert. Sobald die Kinder nicht mehr geführt werden müssen, sondern alleine reiten können, wird die Klasse in zwei Gruppen geteilt. Die Gruppen wechseln sich nun ab beim Reiten und Erledigen der Stallarbeit. Danach geht es wieder mit dem Bus zurück zur Schule, wo dann im Klassenraum noch etwas Zeit bleibt für den theoretischen Teil des Faches. Soweit der Ablauf in aller Kürze. Nun kann man vielleicht fragen: Wozu das Ganze?

 

Bewegung

Zu Beginn stand das Reiten als Bewegungsfach ganz im Vordergrund und das scheint in unserer, auch für die Kinder, bewegungsarmen Zeit durchaus eine Berechtigung zu haben. Das Besondere beim Reiten ist, dass man auf dem Pferderücken einem dreidimensionalen Bewegungsablauf ausgesetzt ist, der von einem anderen Lebewesen kommt und den der eigene Körper aufgreifen und ebenfalls in Bewegung umsetzen muss, wenn man nicht herunterfallen möchte. Dabei machen die Kinder ganz neue Bewegungserfahrungen, die mit keiner anderen Bewegung aus dem Alltag vergleichbar sind.

Das Gehirn beginnt, neue Zellverknüpfungen zu erstellen und den Vorrat an Bewegungsmustern, auf die das Kind dann zurückgreifen kann, zu vergrößern. Je mehr Zellen durch diese Bewegungserfahrungen miteinander verknüpft sind, umso reicher sind auch die Möglichkeiten für intellektuelles Lernen.

Bei der Entwicklung der kindlichen Bewegung lassen sich drei klare Grundsätze erkennen: Vom Rumpf zu den Extremitäten, über die Grobform zur Feinform und über Bewegung zu Haltung. Diese Grundsätze gelten auch bei der Entwicklung des Sitzes des Reiters. Daher versuchen wir nicht, die Kinder auf dem Pony in eine bestimmte Form zu „pressen", sondern regen Bewegung vielfältig an, so dass sich im Laufe der Zeit der Rumpf stabilisiert (über Bewegung zu Haltung) und allmählich auch die Bewegungen der Arme und Beine koordiniert werden können (vom Rumpf zu den Extremitäten) und ganz zart die Grobform eines Reitersitzes ausgestaltet werden kann. Da die Kinder alle Ponys mit einer Ausnahme zur Schonung der Pferderücken mit Sattel reiten, können sie die Pferdebewegung nicht unmittelbar spüren. Daher sind wir bestrebt, für die Ponys Gurte mit Haltegriff und ein dickes Pad anzuschaffen und die Kinder damit noch dichter ans Pony zu bringen.

Doch nicht nur die Reitbewegung ist für die Kinder eine Herausforderung. Die vielen Arbeiten auf dem Hof, das Tragen des Sattelzeugs, das Putzen der Ponys, das Säubern der Paddocks, das Schieben der Schubkarren und vor allem das Fegen stellen Bewegungen dar, die die Koordination und Kraft der Kinder trainieren. Besonders beim Fegen lässt sich feststellen, dass kaum jemand weiß, wie man einen Besen (wir benutzen Reiserbesen) anfasst und ihn betätigt. Auf meine Nachfrage, ob zu Hause alle nur Staubsauger hätten, kam eine Antwort: Nee, Staubsaugerroboter! Nach etwa der Hälfte der Zeit können die Kinder mit dem Gerät so effektiv umgehen, dass wir es wirklich schaffen, die große Hoffläche blitzblank zu fegen.

 

Sinnespflege

Ein weiterer Aspekt des Reitens ist die Pflege der Sinne. Das beginnt zuallererst damit, dass wir bei jedem Wetter, also auch bei Eis, Schnee oder Hitze, den Hof aufsuchen und uns stundenlang im Freien aufhalten. Dabei ist die Reithalle natürlich überdacht, aber nicht ringsum mit festen Wänden, sondern nur mit Windschutznetzen ausgestattet, so dass Außentemperaturen herrschen. Die Ponys werden bei jedem Wetter draußen gesattelt und auch alle Arbeiten werden im Freien verrichtet. Nicht alle Kinder sind während der ersten kalten Tage für einen längeren Aufenthalt im Freien passend angezogen, doch das wird schnell gelernt. Schön ist es, wenn man sich durchgefroren oder nass am Feuer im Reiterstübchen wärmen kann.

Die Jahreszeiten bringen es mit sich, dass die Ponys ihr Haarkleid wechseln und die Kinder sehr eindrücklich erleben, wie Winterfell aussieht und vor allem, wie es sich in Sommerfell verwandelt. Während dieses Überganges sind die Ponyhaare überall: in Mund, Augen, Nase, Ohren, Pulli usw. Merkwürdigerweise gab es bisher keine allergischen Reaktionen. Weiches Fell und weiche Mäuler werden berührt, harte starre Gegenstände wie Mistgabel und Besenstiele, und auch Feuchtes. Gerüche aller Art umwehen die Kinder und die ersten Male auf dem Hof sind oft begleitet von Ausrufen: „Bah, das stinkt!" Besondere Ablehnung ruft das Reinigen der Mundstücke der Trensen hervor, weil die Kinder das anfassen müssen, was das Pony im Maul gehabt hat. All diese Dinge sind später zur Selbstverständlichkeit geworden und das Aufsammeln der Pferdeäpfel in der Reitbahn wird interessanterweise eine sehr beliebte Aufgabe.

 

Soziale Aspekte

Zu Beginn des Reitjahres sind die Kinder stets zu zweit am Pony. Die Paare, die dabei entstehen, sind unabhängig von Freundschaften und Geschlecht. Wir richten uns nach der Größe der Ponys und suchen die Kinder aus, die zu dem Pony passen. Dabei wird das soziale Gefüge innerhalb der Klassengemeinschaft gründlich durcheinandergebracht. Manche Kinder beklagen sich bitterlich über ihren neuen Partner, lehnen ihn bisweilen rigoros ab. Dann kann es nötig sein, die Pärchen nochmals zu wechseln, oder aber auch eine gewisse Konsequenz zu zeigen, da es um die Sache, nämlich das Reiten, geht und nicht um Sympathie oder Antipathie.

Überhaupt ist beim Reiten nicht unbedingt derjenige der Mutigste, der üblicherweise der Tonangebende der Klasse ist. Das erleben besonders die Jungen. Geschrei und wildes Gestikulieren wird vom Fluchttier Pferd, dessen Augen und Ohren hoch spezialisiert sind, nicht akzeptiert. Die Ponys stehen dann nicht still, gehen sogar weg und schlimmstenfalls wird auch gezwickt. So erfahren die Kinder, wie sich ihr Verhalten unmittelbar auswirkt. Ängstliche Kinder benötigen zunächst viel Unterstützung und das Vertrauen, dass während des Trabens oder gar Galoppierens die Reitlehrerin das Pony führt. Später trauen sie diese Aufgabe dann auch dem Partnerkind zu und schließlich trauen sie sich selbst. Das ist immer eine große Freude und die Augen leuchten!

 

Steckenpferdprüfung

Alle Kinder beenden das Reiten im dritten Schuljahr mit dem Ablegen des ersten Abzeichens im Reitsport, dem Steckenpferd.

Für diese kleine Prüfung, die sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil gliedert und von einem externen Turnierrichter abgenommen wird, müssen die Kinder ein Basiswissen über Haltung, Fütterung und Pflege des Ponys haben, müssen in einer Abteilung selbstständig Hufschlagfiguren im Schritt und Trab reiten sowie einzeln galoppieren können. Manche Kinder bemerken erst während der Prüfung, besonders im theoretischen Teil, was sie alles gelernt haben, und sind darüber erstaunt und dann sehr stolz auf ihre Leistung.

Das Reiten bedeutet ja nicht nur alles bereits oben Gesagte, sondern auch für viele Kinder, vielleicht für den überwiegenden Teil, erstmalig engen Kontakt zu Tieren. Es bedeutet, sich der Natur und dem bäuerlichen Umgang mit der Natur zu nähern, wie die Kinder das auch während der Ackerbauepoche tun. Den Kindern ist es nicht bekannt, dass das gerade geschnittene Gras in Schwaden liegt, um vor der Nachtfeuchtigkeit geschützt zu sein, und dass man damit nicht wild umherwerfen darf, da es zu Pferdefutter, nämlich Heu, werden soll. Reiten lernen bedeutet auch, den Kulturpartner Pferd kennenzulernen, ohne den der Mensch noch vor einem Menschenalter gar nicht lebensfähig gewesen wäre.

Bereits Xenophon, griechischer Feldherr und Philosoph, 431 bis 355 vor Christus, entwickelte die erste Reitlehre, die noch heute Gültigkeit hat. In früheren Zeiten hatten Frauen überhaupt keinen Zugang zum Pferd. Es war ausschließlich Männern (Herrschern, Rittern, Kriegern, Adeligen) vorbehalten und diente ihnen nicht nur zur Fortbewegung, sondern auch als Statussymbol für Stärke und Macht. Erst die Technisierung unserer Zeit hat es möglich gemacht, alle Transporte, alle Feldarbeiten, alle Reisen und auch alle Kriege ohne das Pferd tun zu können und andere Statussymbole, z.B. das Auto, zum Eigentum zu haben.

Heute ist es so, dass interessanterweise Jungen und Männer sich vom Pferd weniger angezogen fühlen als Mädchen und Frauen, die oft mit lebenslanger Leidenschaft die Beziehung zum Pferd pflegen, was ihnen jahrhundertelang vorenthalten war.

Dies und noch mehr ist uns Grund genug, dem Reiten als Schulfach einen Raum zu geben. An den Sachkosten für Bustransfer, Ponys und Reitanlage beteiligen sich die Eltern der jeweils ersten bis vierten Klasse mit einem Euro pro Kind und Monat. Allerdings können die Kosten damit längst nicht vollständig gedeckt werden, und so sind Spenden jederzeit willkommen.

Mittlerweile ist das Reiten in der 3. Klasse an unserer Schule sehr etabliert. Es gibt sogar Erstklässler, die sich eine Reithose in ihre Schultüte wünschen.

Kommentar
11.02.2018 | Anita Heinzelmann | Reitpädagogin DKThR/ Studentin Freie Hochschule Stuttgart
Hallo in welchem Jahr wurde der Artikel veröffentlicht? Toller Artikel!
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