Birke

Die Birke schickt ein Sämchen ab,
das fliegt und schwebt
und blinkt und flirrt
und taumelt,
landet sacht
auf einem Zittergräschen.
Das runzelt’s Näschen,
und lacht:
„Wer kitzelt mich,
wer kam geflogen?
Sag’s mir geschwind –
und nicht gelogen!“
„Ein Sämchen nur,
ein klitzekleines,
kam mit dem Wind.
Ein Birkenkind!
Und ist so müd’,
der Weg war weit.
Ich bin zum Winterschlaf bereit.“
Das Gräschen zittert leise
und flüstert sacht auf seine Weise:
„Liebchen musst in der Erde ruh’n,
musst noch ein kleines Schrittchen tun,
ein einziges -
hinab.“

Ein leiser Hauch,
ein Kindchen vom Windchen,
nimmt das Weitgereiste,
Zarte hinab
und legt es ab.
Deckt es mit einer Krume zu
zur Winterruh’.
Und Sämchen schläft und träumt
von Sonne, Regen, Wind,
von Vögeln, die seine Freunde sind,
davon, sich weit hinauf zu strecken,
von Birkenhähnchen in prallen Hecken,
von Blättertanz und Sommerglut,
während es schlummernd im Dunkeln ruht.

Als dann der Winter vergangen ist,
hat die Sonne warm die Erde geküsst.
Und aus dem Samentraum
ist ein Birkenbaum
ganz sacht
in die Wirklichkeit erwacht,
hat sein Köpfchen gereckt
und endlich aus der Erde gestreckt.
Und höher wuchs das Birkenkind
geschwind,
um die Wette
mit Blumen und Gras.
Ein Spaß!
Dann, nach langer langer Zeit
war es soweit:
Unzählige Birkensämchen
machten sich leise
begeistert auf eine lange Reise.
Die Birke achtete ihrer nicht
und tanzte den Blättertanz mit dem Licht.

Rosemai M. Schmidt
 

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