Der Fuchs und die Trauben

Durch einen Hohlweg langsam schritt
ein roter Fuchs mit müdem Tritt
an einem heißen Sommertag,
der Durst ihn quält und mächtig plagt.
Da plötzlich fiel sein gier’ger Blick
auf ein erhöhtes Mauerstück,
wo, Reinecke fühlt neues Leben,
empor sich ranken süße Reben,
die saftig dort verlockend prangen.
„An die“, rief er, „muss ich gelangen!“
Und schon sprang er mit kühnem Satz,
um zu erhaschen diesen Schatz.
Allein, zu kurz geriet sein Sprung,
obgleich gewagt mit recht viel Schwung.
„Nun denn, so werd’ ich höher springen,
der nächste Sprung soll mir gelingen!“
Er tat’s mit aller seiner Kraft
und hatt’ es nun - beinah - geschafft.
Er wagt noch weiter manchen Sprung,
zuletzt doch fehlt’ der rechte Schwung,
er konnt’ die Trauben nicht erlangen,
zu hoch am Stamme sie ihm hangen.
So musste er den Plan aufgeben,
den Durst zu löschen mit den Reben.
„Nun“, sprach er nach verlor’ner Schlacht,
„hier waltet eine höh’re Macht,
auch seh’ ich ja, man ist nicht blind,
dass sauer noch die Trauben sind!“

Hans Harress

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