Der Eselsritt

Ein Mann mit Sohn war einst in Wesel,
Zum Markt gewesen mit dem Esel.
Am Nachmittag kehrt man zurück,
Nach Haus war’s noch ein gutes Stück.
Der Vater auf dem Esel ritt,
Der Sohn ging auf der Seite mit.
Da kam ein Mann ihnen entgegen,
Schon tat sich dessen Unmut regen:
„Ei, sieh doch diesen faulen Fritzen,
so dick und breit auf dem Esel sitzen,
das Söhnlein muss, bei dieser Hitzen,
Laufen, und sich zu Tode schwitzen!“
Er ging vorbei, schüttelt den Kopf,
Der Vater wurd’ rot bis untern Schopf:
„Der war ja außer Rand und Band.
Komm, Fritz, sitz Du auf Ferdinand!“
Er stieg herunter von dem Tier,
Ließ Fritzchen reiten dann dafür.

So ging es weiter, Vater unten, Sohn oben.
Da kam eine Bäuerin vorbeigeschoben,
Mit ihrem vollbelad’nen Wagen.
Sie sah die drei und fing an zu klagen:
„Ei du fauler, dicker Fratz!
Sitzt du gut auf deinem Platz?
Lässt deinen alten Vater marschieren!
Man sollte dir gleich eine schmieren!“
Sie zog vorbei mit bösem Blick,
Und ließ die Drei verdutzt zurück.
„So komm nun, Vater“, sprach der Fritz,
„steig auf gleich hinter meinem Sitz.“

So ritten heim vom Markt in Wesel
Vater und Sohn zu zweit auf dem Esel.
Doch die Geschichte geht noch weiter,
denn kurz darauf erschien ein Reiter.
Er sah sie und war ganz empört:
„Wie Ihr das arme Tier beschwert,
Seht, es kann kaum noch pusten!
Euch zwei Lackeln sollt’ man was husten!“
Schimpfend ritt er dann vorbei.
Das war Abfuhr Nummer drei!
„Fritz, na gut, wir steigen runter,
dann wird Ferdinand wieder munter.“
Sprach der Vater – so wurd’s getan,
Zu dreien schritt man nun voran.
Und dacht: „Jetzt haben wir’s recht getan,
Nun greift uns niemand wieder an!“

Doch kaum waren sie eine Weile geschritten,
Kam ein Müller ihnen entgegengeritten
Auf seinem Maultier, mit Säcken beladen,
Der schlug sich lachend auf seine Waden,
Als er die drei so laufen sah,
Und höhnte, als er ihnen nah:
„Ihr zwei seid ja zwei schöne Deppen,
Euch bei der Hitz’ über den Weg zu schleppen.
Statt gemütlich auf eurem Esel zu reiten,
lasst Ihr das faule Vieh ohne Last schreiten.“
Und lachend ritt er an ihnen vorbei!
Da tat der Vater einen Schrei:
„Pack an, mein Fritz, jetzt wird mir zu blöde
dieser ganzen Leute Gerede,
die immerzu mit ihrem Rat uns plagen,
jetzt werden wir zwei den Ferdinand tragen!“

Gesagt, getan: man lud Ferdinand auf
die Schultern und schleppte ihn fort mit Geschnauf.
So ging es unter Lachen und hämischem Applaus
All derer, die sie sahen, Ferdi tragend nach Haus.

Und die Moral von dieser Fabel?
Scher dich nicht um andrer Leute Schnabel.
Denn: Jedem Menschen recht getan,
Ist eine Kunst, die niemand kann.“

Günter Bielemeier

 

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