Denke erst und handle dann

Ein Beitrag von Christina Singer

Denke erst und handle dann
und handelnd denk‘ daran.

Dieser Satz, einfach wiederholt, bildet die inhaltliche Grundlage für die gleichnamige sozialkünstlerische Übung.
Material: Bälle (hier Tennisbälle) oder Kugeln (z. B. aus Holz oder Kupfer).
Allgemeine Regel: Die Weitergabe der Bälle erfolgt so, dass sich die nehmende Hand nach oben, die gebende Hand nach unten öffnet.
Aufstellung im Raum: Kreis.

Die Übung stammt von Annemarie Ehrlich (Eurythmistin und Dozentin). 

Allgemeine Erläuterungen zu sozialkünstlerischen Übungen finden Sie hier

 

Erläuterungen zum Video

Auf dem Video sind 6.-Klässler zu sehen, die sich mit dieser Übung etwa eine Woche lang täglich 20 Minuten beschäftigt hatten. Die Übung ist auf dem Video in stark verkürzter Weise dargestellt. Den Erläuterungen der einzelnen Sequenzen füge ich daher methodisch-didaktische Hinweise an.

1. Sequenz (bis Minute 0:40)
Das Grundmuster der Übung bilden folgende Armbewegungen: Beim Denken führen wir die Hände über dem Kopf zusammen, beim Handeln in die entgegengesetzte Richtung nach unten. Dazwischen führen wir, auf einer mittleren Ebene, die Hände zu den Kreisnachbarn. Bei jedem Handkontakt wechselt der Ball die Hand.

2. Sequenz (Minute 0:40 – 1:12)
Zum Grundmuster gehören folgende Schritte: Beim Denken gehen wir einen Schritt nach außen (es bildet sich ein Außenkreis), beim Handeln einen Schritt nach innen (es bildet sich ein Innenkreis), dazwischen bildet sich immer wieder der Ausgangskreis.

3. Sequenz (Minute: 1:12 – 1:52)
Die Arm- und die Fußbewegungen werden zusammengeführt. Jetzt ist das Grundmuster vollständig.

Der Ausdruck von Qualitäten im Grundmuster:
Das Denken des Menschen ordnen wir dem Kopfbereich zu. Im Denken beziehen wir uns auf Erfahrungen und Erlebnisse, die in der Vergangenheit liegen. Das Denken vollzieht sich innerhalb des Menschen. – In der dem Denken zugeordneten Bewegung können diese Qualitäten erlebbar werden.
Das Handeln des Menschen vollzieht sich in Interaktion mit der Welt. Unsere Gliedmaßen sind unsere Handlungswerkzeuge. Im Handeln wollen wir Neues schaffen, es richtet sich also in die Zukunft, nach vorne. Eine besondere Kraft erhält unser Handeln, wenn wir uns dazu mit anderen zusammentun. – In den entsprechenden Bewegungen der Übung können wir diese Qualitäten erleben.
Eine dritte Qualität, das Fühlen, verbindet Denken und Handeln, Vergangenheit und Zukunft, Selbstzuwendung und Zuwendung zur Welt.

Didaktisch-methodischer Hinweis: Sicherheit schützt vor Überforderung
Ein Grundprinzip allen Lernens ist: Nur wenn ich sicher in den Grundlagen bin, kann ich erfolgreich darauf aufbauen. Zu frühes Erfinden von Varianten führt zu lästigen Fehlern, Überforderung und Motivationsverlust. Ist die Gruppe sehr heterogen, lohnt sich die Arbeit in Kleingruppen, so dass die einen die Grundlagen festigen, die anderen schon damit spielen und Varianten erfinden können.

Didaktisch-methodischer Hinweis: Beobachtungsschwerpunkte
Eine Möglichkeit der Differenzierung innerhalb der ganzen Gruppe ist, denjenigen, die bereits sicher in den Grundlagen sind, Beobachtungsschwerpunkte anzubieten: Welchen Weg geht mein Ball durch wie viele unterschiedliche Hände und wann kommt er wieder zu mir zurück? (Besonders deutlich wird dies, wenn an einer Stelle ein andersfarbiger Ball eingesetzt wird.) Oder: Wie sieht unsere Übung aus der Vogelperspektive aus? Oder: Gelingt es uns, in einen gemeinsamen Atem zu kommen, also die einzelnen Bewegungen wie eine einzige gemeinsame Bewegung zu vollziehen, ohne dabei mechanisch-synchron zu werden?


4. Sequenz (Minute 1:52 – 2:36)
Das Grundmuster wird variiert: Die Bälle werden beim Handeln an den übernächsten Kreisnachbarn weitergegeben. Direkt danach weichen wir vom Grundmuster etwas ab: Wir übergeben bei „dann“ den Ball in die eigene Hand, statt, wie gewohnt, an den direkten Nachbarn. Das schafft nach dem anspruchsvollen Flechten einen Moment der Ruhe und des bei sich Seins. Man kann aber genauso gut das Grundmuster konsequent beibehalten. – Durch diese Variante kann ein bestimmter qualitativer Aspekt des Handelns erlebbar werden: Die verdichtete und verflochtene Begegnung ist die Kraft einer gemeinsam und miteinander handelnden Gemeinschaft.

Weitere Varianten dieser Art: Zur Differenzierung dieser Übungsarbeit empfiehlt sich die Arbeit in Kleingruppen. Dort kann individueller und gezielter geübt werden. – Erlebbar wird in Kleingruppen die je nach Gruppengröße unterschiedliche Dynamik: Findet die Übung im Trio statt, ist bei der Ballübergabe jeder mit jedem verbunden. Im Quartett: Die sich jeweils Gegenüberstehenden überreichen sich die Bälle. Es bilden sich zwei Paare. Im Quintett verbinden sich alle Teilnehmenden auf zweierlei Weise miteinander: Durch die Ballübergabe einerseits und durch die direkte Nachbarschaft im Kreis andererseits. Forschungsaufgabe: Was verändert sich bei sechs, sieben, acht usw. Teilnehmenden? Diese Erfahrungen können unmittelbar in den Alltag übertragen werden, wenn es um Gruppenarbeit im Unterricht geht.

5. Sequenz (Minute 2:36 – 3:10)
Nahaufnahme der vorigen Variante.

6. Sequenz (Minute 3:10 – 7:00)
In dieser Sequenz entsteht Neues, eine weitere Variante der Grundübung. Wer die Übung sicher beherrscht und durchschaut, ist fähig, sie weiterzudenken. Der Junge im roten Pullover versucht, die richtigen Worte zu finden, um seine Idee den anderen verständlich zu machen. Nun sind alle gefordert, seine Vorstellungen ebenfalls gedanklich zu erfassen. Der Junge mit den hellblonden Haaren vergewissert sich durch eigenes Formulieren, ob er die Idee verstanden hat und trägt durch seine Präzisierungen („Gruppe 1, Gruppe 2“) zur allgemeinen Klarheit bei, so dass alle im Bilde sind.
Beim folgenden „Praxistest“ stellt sich zunächst heraus, dass die Idee tatsächlich umsetzbar ist. Interessant für den nun beginnenden neuen Lernprozess ist das auf dem Video sehr gut sichtbare Anlegen neuer Wege, neuer Ordnungen, neuer Zusammenhänge. So, wie im Raum sieht es vermutlich in den Gehirnen der Teilnehmenden aus: Neue Synapsenverknüpfungen werden gesucht, gefunden und mit jeder Wiederholung gefestigt. Andere Teilnehmende erfassen diese Veränderungen mehr intuitiv, in dem sie der Bewegung der Gruppe folgen. Wieder andere orientieren sich ausschließlich an der Lehrerin. Man kann die unterschiedlichen Lernwege den Schüler*innen förmlich sehen. Es wird deutlich, dass sozialkünstlerische Settings ein hohes Maß an eigenständiger Differenzierung ermöglichen – innerhalb der Gemeinschaft lernt jeder auf seine Weise an seiner Stelle. Es ist dies der Inbegriff differenzierten Lernens und eine Aufgabe für jeden Unterrichtenden, diese Möglichkeiten auf das inhaltliche Lernen im Unterricht zu übertragen.
Die angedeutete Reflexionsphase am Ende dieser Sequenz lässt erahnen, wie das Aussprechen von Erfahrungen und Erkenntnissen den praktischen Lernprozess ergänzen und vertiefen kann.

Didaktisch-methodischer Hinweis: Reflexionsphasen
Statt sofort zur nächsten Variante zu springen, wie auf dem Video, wäre nun das Üben bis hin zur souveränen Beherrschung (Automatisierung) wichtig, um das Neue schließlich als echte Fähigkeit zur Verfügung zu haben. Dabei wird die Übung gemeinsam so lange wiederholt, bis sie erlebnisgesättigt ist. Dann erfolgt eine kurze (!) Reflexionsphase, in der über seine Erfahrungen, Entdeckungen, Erkenntnisse und auch Bedürfnisse sprechen darf. Gerade bei der Bedürfnisäußerung ist darauf zu achten, dass jeder von sich spricht („Ich kann deinen Ball schlecht greifen, weil wir zu weit auseinanderstehen. Wie können wir das ändern?“ und nicht „Du schaffst es einfach nicht, mir deinen Ball gescheit zu übergeben, das nervt total!“). Aber auch bei allen anderen Äußerungen zählt das individuelle Erleben, es wird keinem die eigene Erfahrung oder Erkenntnis abgesprochen. Oft ergeben sich aus diesen Reflexionsrunden interessante Beobachtungsschwerpunkte für alle.
Nach dem Reflektieren geht wieder in die Praxis, so dass das Geschilderte erneut erfahren, überprüft, differenziert werden kann.


7. Sequenz (ab Minute 7:00)
Eine weitere Variante wird vorgeschlagen. Die genauen Modalitäten werden ausgehandelt und dabei darauf geachtet, einen passenden Anspruch zwischen Unter- und Überforderung zu finden. Die Übung wird durchgeführt – und daran offenbar so viel erlebt, dass dies im Anschluss regelrecht aus den Schüler*innen herausplatzt und wild und freudig durcheinandergeredet wird. Die Erfahrung des Mädchens („Man muss halt aufpassen, dass man nicht zu weit rausgeht“) wird durch die Lehrerin verallgemeinert („Wer zu weit rausgeht, kann die Gruppe verlieren“) und kann zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise als allgemeine soziale Gesetzmäßigkeit erkannt werden: Wer sich – äußerlich oder innerlich – zu weit von der Gruppe entfernt, wird es schwer haben, den Anschluss zu finden oder zu halten. Wie gut, dass dies in einem geschützen Rahmen nicht nur erfahren, erkannt und ausgesprochen werden, sondern auch ganz konkret und unproblematisch verändert werden kann.

Schlussbemerkung
Inwieweit man mit 6.-Klässlern den Transfer von Erfahrungen und Erkenntnissen  im Übungssetting auf den Alltag explizit macht, wird von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sein. Die Erfahrung zeigt: Manchmal muss etwas ganz konkret benannt werden, damit es auch im sozialen Alltag einer Klassengemeinschaft wirksam werden kann. Manch anderes darf unausgesprochen bleiben und wird trotzdem wirksam. Somit haben sozialkünstlerische Übungen viel mit Vertrauen zu tun: Dem Vertrauen, dass Lernen immer geschieht, ob wir es als Lehrer sehen oder nicht. Und dem Vertrauen, dass jeder Mensch seinen eigenen und individuellen Lernweg finden kann. 

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