Das Hänsel und Gretel Projekt

Ein Beitrag von Wera Wied (Schülerin der Freien Waldorfschule Wetterau)

Das Projekt wurden an unserer Schule bislang drei Mal durchgeführt; das letzte Mal im Rahmen unserer Projektwoche (für Kl. 12 und 13). Ansonsten ist es als Klassenprojekt für die 11. Klasse gedacht. Es steht in absoluter Freiwilligkeit, ob ein Klassenbetreuer es mit seiner Klasse durchführt, ebenso freiwillig ist die Teilnahme der SchülerInnen.

 

Die Idee

Das Hänsel und Gretel Projekt ist ein Schulprojekt unserer Schule auf freiwilliger Basis. Bei dem Projekt werden Schüler in Gruppen aufgeteilt, welche aus drei bis vier Personen bestehen. In jeder Gruppe sollte mindestens immer ein Junge sein und wenn möglich, sollte nie ein Mädchen allein in einer Gruppe von Jungs sein. Von den Schülern kann zudem selbst entschieden werden, ob die Gruppen ausgelost werden oder ob sich die Gruppen selber zusammen finden.

Zu Beginn des Projekts werden die Gruppen mit verbundenen Augen an einen mindestens drei Stunden entfernten, unbekannten Ort gefahren, wo sie dann ausgesetzt werden. Das Ziel ist es, innerhalb von drei Tagen zu Fuß an einen 30 Kilometer entfernten Treffpunkt zu gelangen und die Menschen, die man unterwegs trifft, davon zu überzeugen, dass sie der Gruppe den Weg erklären, Essen, Trinken und einen Schlafplatz zur Verfügung stellen, ohne dafür Geld zu verlangen. Alles, was man bei sich tragen darf, sind die Klamotten am Körper, Dinge wie Zahnbürste oder Taschentücher in Jacken- oder Hosentaschen und eine Tasche, wo die Gruppe zum Beispiel Jacken oder Geschenke von Zivilpersonen verstauen und transportieren können. Von der Schule bekommt man eine zugeschweißte Plastiktüte, in der sich ein Notfall-Handy, eine Projekt-Bescheinigung von der Schule und der Ausweis aller Gruppenmitglieder befinden.

 

Wie es bei uns war

Bei uns war es ein gemischtes Bild. Manche Gruppen wurden gelost und manche Gruppen hatten sich schon Wochen vor dem Projekt zusammengefunden.

Ich war mit meinen zwei besten Freundinnen und dem Freund einer dieser Mädchen in einer Gruppe. Wir waren alle im 'Zwiebellook' gekleidet, um für jedes Wetter gerüstet zu sein. Ich hatte außerdem eine kleine Digitalkamera und ein kleines Notizbuch mit Stift dabei, um das Abenteuer zu dokumentieren. Ich persönlich war ziemlich aufgeregt, aber auch ein bisschen ängstlich ... was ist, wenn irgendetwas schief läuft?

Nachdem wir mitten auf einem Feld ausgesetzt wurden und weit und breit nichts als Wälder und Wiesen sahen, versuchten wir uns erst einmal zu orientieren. Die Richtung zu finden war nicht schwer, man musste schließlich nur fragen. Essen und Trinken zu besorgen erschien anfangs auch leichter als gedacht. Man freute sich über unser Projekt und die Idee dahinter. Einen Schlafplatz zu finden, wurde jedoch schwieriger. Zuerst musste man den Mut finden, zu fragen, und bei den ersten drei Häusern wurden wir auch weiter geschickt. Aber man muss hartnäckig bleiben und im Endeffekt wurden wir dann aufgenommen und hatten einen warmen trockenen Schlafplatz.

Die nächsten beiden Tage verliefen ähnlich. Wir versuchten Essen zu besorgen, füllten alle paar Stunden unsere Flaschen auf und erlangten verwunderte Blicke der Menschen. Das Laufen war anstrengend und die Laune sank, je länger wir unterwegs waren. Auch wurde es immer schwieriger, Essen und einen Schlafplatz zu bekommen, was uns weiter die Laune vermieste. Trotz allem kämpften wir uns durch. Schließlich wussten wir, dass uns eigentlich nichts passieren konnte. Als wir am letzten Morgen am Zielort ankamen und die restliche Gruppen trafen, hörten wir die verschiedensten Geschichten. Manche schienen vom Glück verfolgt und andere hatten scheinbar nur Pech.

Am Ende konnte aber jeder von uns sagen, dass die Menschen, die man trifft, im Grunde freundlich und hilfsbereit sind. Man muss nur den Mut finden, zu fragen, mehr als ein Nein zu bekommen kann einem nicht passieren. Vor allem darf man nach einem Rückschlag nicht aufgeben, sondern muss immer weiter machen.

Rückblickend war diese Erfahrung toll. Ich weiß jetzt, dass man eigentlich überall hilfsbereite Menschen findet, und ich weiß auch, dass Zusammenhalt und Ruhe in so einer Situation die wichtigsten Stützen einer Gruppe sind. Und abgesehen von den ein oder anderen Strapazen hatten wir unglaublich viel Spaß. Wir haben viele schöne Orte gesehen, haben Spaß an Kleinigkeiten gefunden, wie zum Beispiel eine Kuh mit Löwenzahn zu füttern und vor allem haben wir gelernt, wie viel eine Flasche Wasser und ein trockenes Brötchen wert sein können.

Ich würde jedem empfehlen, bei einem solchen Projekt mitzumachen. Ich versichere, dass man eine ganze Menge Erfahrungen mitnimmt und sich danach nur noch an die schönen Momente erinnern wird, egal, wie schwierig es eigentlich war.

 

Ein zweiter Bericht von Laura und Ann Sophie (13. Klasse)

Am Dienstagmorgen wurden die Gruppen an verschiedenen Startorten ausgesetzt und stürzten sich bei schönstem Frühlingswetter in das Abenteuer. Für diesen Artikel hat eine der Gruppen ihre Erlebnisse dokumentiert:

Wir gingen also los und fragten die erste Person, die wir trafen, in welchem Ort wir uns überhaupt befänden und in welche Richtung wir laufen müssten, um zu unserem Zielort zu gelangen. Ausgesetzt wurde unsere Gruppe in Parten­stein (im Spessart/Bayern), unser Zielort war Lützelhausen-Linsengericht (bei Geinhausen/Hessen). Nachdem wir ein paar Informationen über unseren Aufenthaltsort bekommen hatten, machten wir uns auf den Weg.

Als wir etwa eine Stunde unterwegs waren, dachten wir, dass es an der Zeit sei, zu testen, wie dieses Projekt funktioniert und ob wir es schaffen würden, ohne zu verhungern die drei Tage zu überstehen. Wir gingen also in den nächsten Dönerladen, der auf unserem Weg lag, und erklärten dem netten Herrn dort das Projekt. Dieser war sehr freundlich und machte jedem von uns einen Döner, mit dem wir dann gut gelaunt den weiteren Weg antreten konnten. Etwas zu Essen zu organisieren war also gar nicht so schwer, wie wir anfangs angenommen hatten. Gegen Nachmittag dann, nachdem wir etwa zehn Kilometer zurückgelegt hatten, dachten wir, dass es an der Zeit sei, sich langsam um einen Schlafplatz für die Nacht zu kümmern. Ein paar nette Menschen erzählten uns von einer Gaststätte, welche auf unserem Weg läge und bei welcher wir nach einem Schlafplatz fragen könnten. Was das Übernachten anging, gab es eine Regel, die die Gruppe einzuhalten hatte. Es müssten alle Mitglieder zusammen in einem Raum übernachten. Wir liefen also, schon ziemlich müde, zu dieser Gaststätte, um dort festzustellen, dass diese dienstags Ruhetag hatte und niemand dort anzutreffen war. Zu unserem Leid war das nächste Dorf noch fünf Kilometer entfernt und wir müssten mit schmerzenden Füßen auch diese Strecke noch am ersten Tag hinter uns bringen. In Bieber, dem nächsten Dorf, angekommen, hatten wir dann jedoch Glück. In dem Gemeindehaus der evangelischen Kirche war gerade Konfirmandenunterricht und wir wurden von der Lehrerin und den Schülern sehr freundlich aufgenommen. Diese kümmerten sich um Abendessen, Isomatten und Schlafsäcke für uns und waren auch sonst sehr begeistert von unserem Projekt. Der erste Tag war also, ohne größere Probleme, geschafft.

Am nächsten Morgen zogen wir, nach einem von den Konfirmanden gesponserten Frühstück, gegen elf Uhr weiter. Gegen ein Uhr kamen wir in einem Dorf an, in welchem uns gesagt wurde, dass der kürzeste Weg, den wir nehmen könnten, über einen Berg durch den Wald ginge und so das nächste Dorf also einige Kilometer weit entfernt läge. Wir wollten also, bevor wir uns auf den Weg in die Wildnis aufmachen würden, noch etwas zu Essen finden. So klingelten wir an einem Haus. Der Mann, der uns aufmachte, war sehr freundlich und lud uns ein zum Mittagessen zu bleiben. Mit vollen Mägen und frischen Wasserflaschen machten wir uns dann wieder auf den Weg. Nach einigen durchquerten Dörfern und einem ziemlich steilen Aufstieg in einem Wald hatten wir dann abends schon fast unseren Zielort Lützel-hausen erreicht. Jedoch wollten wir uns einen Schlafplatz in dem davor liegenden Dorf suchen. Als wir zwei Frauen, die mit ihren Hunden unterwegs waren, nach dem Weg fragten, empfahlen diese uns eine Gaststätte und eine der Frauen bot großzügig an, uns bei sich aufzunehmen, falls wir dort kein Glück haben sollten. Wir kamen also völlig erschöpft und müde an der Gaststätte im Ort Großenhausen an. Doch dort war vor einigen Stunden bereits eine andere Gruppe von Projektteilnehmern eingetroffen. Nach der ersten Freude, diese Gruppe zu sehen, wurde uns bewusst, dass wir aus diesem Grund nicht auch noch in der Gaststätte unterkommen konnten. Wir gingen also mit letzter Kraft zu der Frau, welche wir nach dem Weg gefragt hatten, und klingelten. Der Mann der netten Dame öffnete und lud uns nach dem ersten Schock freundlich auf die Terrasse ein. Dieses Ehepaar entpuppte sich dann als unser großer Glücksgriff, denn nach einer super leckeren Pizza, Salat, Nachtisch, reichlich guten Getränken, einer Dusche und einem gemütlichen Feuer im Garten sind wir auf angenehmen Matratzen und mit weichen Decken in einen sehr erholsamen Schlaf gefallen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns, nach einem ausgesprochen leckeren Frühstück, mit der anderen Gruppe, um mit dieser dann die letzten zwei Kilometer zum Zielort Lützelhausen anzutreten. Dort versammelten wir uns mit den restlichen Gruppen und unseren Lehrern und sind nach einem Eis wieder zur Schule nach Bad Nauheim gefahren.

Das Ziel, ohne Geld, Essen oder Handy und mit der Hilfe fremder Menschen den Zielort zu erreichen, einen Schlafplatz zu finden und ohne Hunger diese Zeit zu überstehen, haben alle Gruppen gut gemeistert. An dieser Stelle möchten wir uns auch noch einmal bei all den netten Menschen bedanken, denen wir in diesen drei Tagen begegnet sind und ohne die dieses Projekt nicht hätte stattfinden können. Sie haben uns diese Tage sehr erleichtert und werden uns immer in guter Erinnerung bleiben. Wir denken, jeder von uns konnte neue Erfahrungen sammeln und hatte im Großen und Ganzen eine schöne und auch interessante Projektwoche.

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