Fotografieren mit der Lochkamera

Ein Beitrag von Jörg Frenzel (Freie Waldorfschule Kaltenkirchen)

Die Idee zum Bau einer „Camera Obscura“ trug ich schon über Jahre mit mir herum. Leider fand ich nie den richtigen Ort noch die Zeit sie umzusetzen. Für „mal eben so nebenbei“ wie schon viele andere Projekte vorher in einer Kunstgeschichtsepoche war es dann doch etwas zu aufwendig. Nun gab es also mal wieder eine Projektwoche – jetzt oder nie!

SchülerInnen bedrängten mich, ich solle doch statt der „blöden Camera“ lieber Malen anbieten. Oder sollte man diese Gelegenheit besser dafür nutzen, die vor zwei Jahren sanft entschlummerte Theater AG aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken? Nun – ich blieb bei meiner Entscheidung und – ich habe es nicht bereut!
 


Die Himmelfahrtsferien kamen mir für die Vorbereitung gut zupass. Es galt nämlich einiges vorzubereiten: Über Herrn Gier als Leiter der Foto-AG erfuhr ich die nötigen Details und hilfreiche Quellen im Internet zum Thema. Um der Wahrheit die Ehre zu geben – auch mich hat mittlerweile der lange Arm der Digitalknipserei beim Wickel. Die Möglichkeit alles sofort zu dokumentieren und innerhalb kürzester Frist verfügbar zu haben, von den grenzenlosen Verarbeitungsmöglichkeiten ganz zu schweigen, sind einfach nicht wegzudiskutierende Vorteile. Was allerdings einst als Fotografie – also als „Malen mit Licht“ begann, ist für die meisten heute zur digitalen Umkodierung des Alltags verkommen.
 


Mithin gab es für mich noch einige Schulstunden zu absolvieren. Zehn Schüler hatten sich angemeldet, mehr erschien mir eingedenk einer wahrhaftig sehr dunklen Dunkelkammer mit elektrischen Geräten und Chemikalien und mir als Neuling dann doch zu abenteuerlich. Angesichts der knappen Zeit, in der die SchülerInnen ihre Kameras selbst bauen sollten, galt es einen Prototyp fertig zu stellen und dafür dann zehnmal die Teile zuschneiden zu lassen. Ich schwitzte Blut und Wasser im Baumarkt. Jetzt bloß nichts falsch machen und dreißigmal zu kurz! Weiterhin waren diverse Texte zu schreiben, beginnend von Verhaltensmaßregeln in der auch für mich weitestgehend neuen Dunkelkammer bis hin zur geschichtlichen Entwicklung der Lochkamera, die – so konnte ich nachlesen – bereits im Mittelalter zur Beobachtung der Sonne gedient haben soll.

Zwei Tage vor Beginn des Projektes brachte ich mir unter der sachkundigen Anleitung von Herrn Winger noch schnell die einzelnen Arbeitsschritte der Filmentwicklung bei. Dazu hatten wir gemeinsam die ersten Fotoversuche mit dem Prototyp – Probieren geht über Studieren! – auf dem Schulgelände gemacht. Wie war ich überrascht, als sich wie von Zauberhand auf dem jungfräulich weißen Papier unter der rotschummrigen Beleuchtung im Entwicklerbad langsam die Konturen des Schulgebäudes abzeichneten. Ich selbst war nur als durchscheinender Schemen auszumachen, da ich mich erst nach zwei Minuten in die „Laufende Aufnahme“ gestellt hatte. Es funktionierte also – und das gar nicht mal so schlecht! Die Schärfe des Bildes und die physikalisch bedingte absolute Verzeichnungsfreiheit, die - so betonte Herr Winger - nicht einmal von einem modernen Hochleistungsobjektiv erreicht wird, verblüfften mich und übertrafen meine kühnsten Erwartungen!
 


Es konnte also losgehen!

Pünktlich um 9.00 Uhr am Montagmorgen versammelte sich die Gruppe zum ersten Mal im Kunstraum. Zunächst galt es nach einer kurzen Einführung (jetzt bloß nicht zu viel Theorie!) die vorgefertigten Teile in der Rekordzeit eines Vormittages mit Leim und Schrauben in einer fertigen Kamera zu vereinen. Der Eigenbau war wichtiger Bestandteil meines Konzeptes. In einer Welt, in der wir alles nur noch benutzen aber kaum noch jemand die Funktionen der Dinge durchschaut, sollten die Schüler durch den Bau eine Beziehung zu ihrer Kamera bekommen statt einen fertig hingestellten anonymen Kasten zu benutzen.

Meine Bedenken, was die Disziplin der unteren Klassen betraf, (ich dachte dabei vor allem an die sechste Klasse – ich hatte noch nie etwas Vergleichbares mit so jungen Schülern unternommen) sollten sich bald zur Gänze zerstreuen. Es waren eher die „älteren Semester“ aus der 10. Klasse, die erst allmählich in Schwung kamen. Aber je mehr die magische Kiste Gestalt annahm, desto mehr Spaß schienen die Schüler auch an der Sache zu bekommen. Die oft vertretene Ansicht „ist doch egal – ist doch Moderne Kunst“ war in diesem Fall wahrlich fehl am Platze. Genauigkeit war oberste Maxime!
 


Die kleinste Lücke würde die Kamera nämlich unbrauchbar machen. Nur eine Lücke sollte bleiben in Form eines Loches von 0.5 mm Durchmesser, das wir mit einem eigens dafür angeschafften Präzisionsbohrer in ein vorher geschwärztes Getränkedosenblech gebohrt hatten – das Auge der Kamera! Exakt musste es sein, und die Ränder durften nur eine minimale Wandstärke aufweisen – das Geheimnis für scharfe Bilder. Und die Schüler schafften das Unmögliche. Im letzten Arbeitsgang wurden die Holzkisten mit schwarzer Farbe überzogen, der „Farbe“ des Weltraums, die alles Licht verschluckt. Am Ende des ersten Tages standen zehn Kameras bereit für den ersten Einsatz.

 

Am folgenden Tag…

… ging es zum ersten Mal in die Dunkelkammer. Nach der grellen heißen Sonne war der dunkle kühle Raum mit den seltsamen Gerüchen etwas gewöhnungsbedürftig. Ich erklärte kurz noch einmal die anfallenden Handgriffe und die verschiedenen Stationen des Entwicklungsvorganges (alles musste seinen genauen Platz haben, um dem sonst unvermeidlichen Chaos Paroli zu bieten) – dann konnte es losgehen. Die Kameras wurden bei Rotlicht mit Fotopapier „geladen“ und nach genauer Kontrolle des lichtdichten Verschlusses ging es nach draußen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Auf tabellarischen „Fototagebüchern“ sollten die Schüler Fakten zu den einzelnen Aufnahmen wie den abgebildeten Gegenstand, die Belichtungszeit, die Lichtverhältnisse, den Abstand zum Motiv sowie was gut und was weniger gut geklappt hatte, festhalten. Natürlich fanden es viele Schüler besonders spannend, sich gegenseitig „abzulichten“. Ich hatte angeregt mit drei Minuten Belichtungszeit zu beginnen.
 


Vor allem die die Kleinen aus der ersten und zweiten Klasse waren sehr über die Schüler verwundert, die da vollkommen regungslos auf eine schwarze Kiste starrten. Die Schüler erfuhren dabei, wie schwierig es ist, selbst über eine so relativ kurze Dauer in völliger Regungslosigkeit zu verharren, während die Umwelt wie üblich weiter von einem Moment zum nächsten hastete. Die Erfahrung von Zeit – von Stillstand und Bewegung – wurde zur ersten elementaren Erfahrung mit der Kamera. An die Stelle des gedankenlosen Klicks mit der „Diggi“ trat der bewusste oder unbewusste Dialog mit dem Motiv bzw. mit sich selbst als Motiv. Wie viel veränderte sich doch in nur drei Minuten während man selbst bewegungslos bleiben musste. Welch merkwürdige Gedanken stiegen da in einem auf!

Andere Schüler entdeckten interessante Objekte auf dem Schulgrundstück wie z. B. den Baum hinter dem Altbau oder ein auf einem Tisch abgestelltes Trinkglas. Selbst die auf dem Parkplatz versammelten Autos rückten auf neue Art ins Bewusstsein.

 

Wieder zurück in der Dunkelkammer …

… drängten sich die Schüler im matten Schein des Rotlichts um die Entwicklerschale und harrten gespannt auf das Erscheinen erster Konturen auf dem weißen Papier. Das Stoppbad unterbrach den Entwicklungsvorgang und nach der abschließenden Fixierung und Trocknung am „Toaster“ konnte das Negativ im Kontaktverfahren umkopiert werden. Dazu wurde das Negativ mit der belichteten Seite nach unten auf ein weiteres unbelichtetes Papier gelegt und dieses anschließend durch das Negativ vier Sekunden belichtet. Dann folgte die gleiche Prozedur wie beim Negativ und am Ende hielt man das fertige Positiv in Händen. Eine Schülerin allerdings fand die gespenstische Atmosphäre, die vom Negativ ausging, viel spannender als das „richtige Bild“. So fragte sie mich: „Müssen wir ein Positiv machen?!“ Sie musste natürlich nicht und den Eifer, mit dem sie mit wachsender Begeisterung ein Negativ nach dem anderen hervorbrachte, die sie obendrein noch mit effektvollen Titeln wie „Schwebende Leiche“ oder „Krallen der Finsternis“ belegte, fand ich eigentlich nur positiv. Die Schüler lernten erstaunlich schnell. Schon nach zwei gemeinsamen Durchgängen hantierten sie mit erstaunlicher Präzision und Wachsamkeit mit den Geräten und Chemikalien. Das befürchtete Chaos blieb aus. Man half sich gegenseitig und niemand riss unvermittelt die Tür auf oder schaltete mal kurzerhand das Licht an. Bald schon begannen einzelne Schüler mit ersten Experimenten und bemerkten schnell die unbegrenzten Möglichkeiten des Fotolabors.
 


Gemeinsame Gestaltung der Präsentation

Der Betrachter sollte anhand unserer am Tisch ausgestellten Exponate einen möglichst lebendigen Eindruck von fünf Tagen Projektarbeit erhalten. Dazu zeigten die Schüler eine Auswahl der entstandenen Fotos, eine der verwendeten Lochkameras und deren Bauteile, die Utensilien aus der Dunkelkammer wie Vergrößerer, Chemikalien und Entwicklerwannen sowie einige der von jedem Schüler angefertigten Projektmappen, in denen die Fotos, Texte und Bauanleitungen gesammelt wurden.
 

 

 

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