Begehbare Camera Obscura

Ein Beitrag von Jörg Frenzel (Freie Waldorfschule Kaltenkirchen)

Um die dunkle Kammer auf unserem Schulhof zu bauen, hatte ich OSB-Platten an der Kreissäge zugeschnitten und auf einem quadratischen Sockel aufgeschraubt. Ein Loch von 2 cm Durchmesser in 150 cm Höhe, ein mit einer Tür lichtdicht verschließbarer Eingang und viel schwarze Farbe komplettierten das Objekt. Noch einige Jahre stand es dort mit dem aufgemalten weißen Auge auf dem Schulhof. Manche wussten schon gar nicht mehr, welchen Zweck es einmal erfüllt hatte. Die Feuchtigkeit gab ihm schließlich den Rest und es wurde entsorgt. Was blieb, sind ein paar Fotos und die Erinnerung an einen dunklen Raum, in dem die Welt noch einmal neu entstand!

Angeregt wurde ich von der „Marburger Camera Obscura
 


Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie es eigentlich dazu kam. Auf jeden Fall kam ich in Kontakt mit diesem geheimnisvollen Phänomen der Camera Obscura. Ich wandte mich daraufhin an einen Herrn Gier, der zu dieser Zeit bei uns in Kaltenkirchen Projekte mit Jugendlichen durchführte. Unter anderem war dies die analoge Fotografie. Das war 2006, also ein Jahr bevor die Firma mit dem Logo des angebissenen Apfels (der Apfel der Erkenntnis?) ein Gerät auf den Markt brachte, das als smartes Telefon (ja, man konnte damit sogar telefonieren!) die Welt sprichwörtlich auf den Kopf stellen sollte. Wir befinden uns jetzt nach dieser neuen Zeitrechnung im Jahre 13 n. SP (nach Erfindung des Smartphones). Nun, die digitale Fotografie hatte schon lange vorher die analoge verdrängt. Vorbei das Bangen, ob die Bilder was geworden sind, oder womöglich der Film nicht transportiert hatte. Manche mögen sich vielleicht noch an schwarze Urlaubsfilme erinnern, die ein Opfer der Röntgenkontrolle auf dem Flughafen geworden waren.
 


Wie dem auch sei – Herr Gier führte mich also in die Geheimnisse der analogen Fotografie und besonders natürlich in die Arbeit in der Dunkelkammer ein. Welch magische Welt sich dort auftat! In einem verlassenen Keller in den Katakomben unter der Schule – noch feucht und unbeheizt – wurde eine Dunkelkammer eingerichtet. Man fühlte sich wie in einem Agentenfilm, wenn man die belichteten Papiere in seltsam riechenden Chemikalien schwenkte, bis wie von Zauberhand das Bild auf dem jungfräulichen Weiß auftauchte. Den Schülern muss es ganz ähnlich ergangen sein. Sie schienen fasziniert von dem schummrigen Rotlicht, den seltsamen Gerüchen und dem magischen Auftauchen der Bilder aus dem Nichts beim Entwickeln. Denn all meine Vorbereitungen mündeten ja schließlich in dem Projekt „Camera Obscura“, das im Sommer 2006 stattfinden sollte. Neben den kleinen tragbaren Modellen wollte ich unbedingt mit den Schülern eine begehbare Camera bauen, wie ich sie schon einmal in Marburg erlebt hatte. Im Prinzip ist eine Camera Obscura – wie der Name ja schon sagt – nichts anderes als ein „verdunkelter Raum“ mit einem winzigen Loch. Durch dieses Loch fällt das Licht gebündelt auf die Rückseite der Kammer und erzeugt hier ein auf dem Kopf stehendes Bild der Szenerie, die sich vor der Öffnung ausbreitet. Ich konnte den Schülern nur sagen, DASS dies so ist, beim WARUM hingegen musste ich zugegebenermaßen passen. Dies zu erklären, gibt es berufenere Leute als ich es bin.
 


Ich erzählte an dieser Stelle auch gerne die Geschichte, wie das Prinzip vielleicht entdeckt worden sein könnte. (Jedenfalls habe ich es mir immer so vorgestellt). Vielleicht war es ja so: vor vielen Hundert Jahren begab es sich, dass am Rande eines kleinen Dorfs (Name und Ort unerheblich) ein Bauer mit seiner Frau hinter seinem Haus das wenige Getreide erntete, das die kleine Scholle hervorgebracht hatte. Mit etwas Glück würde sie die Ausbeute über den langen Winter bringen. Nun war aber die Sense stumpf geworden und der Bauer beschloss, im nahen Schuppen nach einem Schleifstein zu schauen. Als er aus dem gleißenden Sonnenlicht in die Schwärze des dunklen Schuppens trat, sah er zunächst einmal gar nichts. Als sich jedoch seine Augen langsam an das Dunkel gewöhnt hatten, traute er eben diesen nicht! Er sah seine Frau auf dem Kopf stehend an der Rückwand des Schuppens, wie sie das geschnittene Korn zusammen klaubte. Denn der Zufall (gibt es sowas?) hatte es so eingerichtet, dass der Raum eben nicht ganz dunkel geblieben war. An einer Stelle ließ ein kleines Astloch das gleißende Sonnenlicht herein. Die Camera Obscura war entdeckt. Wir wissen natürlich nicht, ob sich diese Geschichte je so zugetragen hat und vor allem auch nicht, wie sie denn weitergegangen ist. War der Bauer ein Einfaltspinsel oder ein Genie? In ersterem Fall hätte er den Vorfall für blanke Zauberei und Teufelswerk gehalten und er hätte sich schwer gehütet, jemandem davon zu berichten. Es hätte ihm übel ergehen können! Es könnte aber auch sein, dass es sich um ein Genie vom Schlage eines Galileo Galilei gehandelt haben könnte. Der hätte sich dann seinen Bart gerauft und nicht eher geruht, bis er die Lösung des Rätsels finden würde, die ihm Gott soeben vor die Füße geworfen hatte. Natürlich war es alles ganz anders.

Schon in der Antike soll das Prinzip bekannt gewesen sein. Im Mittelalter bediente man sich der Camera Obscura zur Beobachtung der Sonne. Wie dem auch sei! Das eigentlich Fantastische dabei ist doch, dass irgendwie alles schon da zu sein scheint. Es muss nur noch ent-deckt werden! Ist es mit dieser Camera nicht wie mit dem Menschen selbst? Hat dieser nicht auch ein „Auge“, eine Stelle des Übergangs zwischen „Innen“ und „Außen“? Ist er nicht auch gerade dazu verdammt, sich ein „Bild“ zu machen oder sollte man besser sagen, eine „Vorstellung“ von den Dingen da „draußen“? Ja, vielleicht war dieses Prinzip eine kodierte Beschreibung des Menschen selbst.... So gingen meine Gedanken. Die Welt ist geheimnisvoll, sobald man die gängigen Muster verlässt.

 


Vielleicht haben dies auch die Schüler gespürt, als wir gemeinsam in diesem stockdunklen Raum saßen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das Auge an die Schwärze gewöhnt hatten. Und dann geschah das Unheimliche! Man ahnte erst eine Bewegung, eine helle Stelle – vielleicht ein großer Schatten, der drohend und lautlos über die Fläche huschte. Und allmählich entpuppte sich es erst als die Baumwipfel, die sich kopfüber vor dem hellen Himmel im Winde wiegten und der Schatten war ein Schüler gewesen, der in Unkenntnis, was grade in diesem schwarzen Klotz vor sich ging, ahnungslos vorbeigegangen war. Dann endlich stand die ganze Szenerie klar vor Augen. Der ganze Schulhof – alles auf dem Kopf und in Farbe und alles – vollkommen lautlos!

Übrigens – jeder kann so eine Camera Obscura selbst mit wenigen Handgriffen selbst bauen. Es muss ja nicht gleich eine begehbare sein. Im einfachsten Fall reicht eine Nivea-Dose oder ähnliches. Der Innenraum sollte mit Sprühlack geschwärzt werden und der Deckel, in den man mittig ein 1 mm breites Loch bohrt, sollte vollkommen lichtdicht schließen. Jetzt brauche ich nur noch ein Stück Fotopapier, das man in einschlägigen Online-Shops erstehen kann (Analoge Fotografie). Dieses befestige ich mit einem Klebestreifen auf dem Deckel (natürlich in einem absolut dunklen Raum oder in einem lichtdichten Sack) – Achtung! Schichtseite nach oben! - und positioniere meinen „Fotoapparat“ vor meinem Motiv. Je nach Wetterlage werde ich eine Belichtungszeit zwischen Bruchteilen einer Minute oder mehreren Minuten brauchen. Ausprobieren! Im Entwicklerbad in der Dunkelkammer wird sich schon weisen, ob ich richtig lag. Probleme mit der Scharfstellung wie bei einer Linse gibt es bei der CO nicht. Die Größe des Loches bestimmt die Schärfe und die Menge des einfallenden Lichtes. Die Blende eben! Der Abstand zwischen Fotopapier und Loch kennen wir auch als Brennweite. Gibt es noch etwas? Klar, die Empfindlichkeit des Papiers kennen wir auch von der Digitalkamera. Hier würde man es ISO-Wert nennen. Ob teure Super DRLS-Kamera für 2000 € oder eine geschwärzte Nivea-Dose mit einem Loch – das Prinzip ist dasselbe, war es immer und wird es auch wohl immer bleiben - das Prinzip des dunklen Raumes!
 

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