Was macht die Kamera denn da?

Ein Beitrag von Wolfgang Rupsch (Rudolf Steiner Schule Hagen)

Ein Filmprojekt

Am Ende des Schuljahres 2012/13 hatte ich die Möglichkeit, mit der damaligen elften Klasse und Herrn Cengiz ein Filmprojekt durchzuführen, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre Schule vorstellten. Das Schulvideo, welches nach minimaler Anleitung selbstständig von der Klasse über vier Wochen erstellt wurde, war auf der Eurythmie-Monatsfeier zu bewundern und hatte dort großen Anklang gefunden. Momentan laufen noch die letzten Vorbereitungen, um das Video veröffentlichen zu können. Besonders beeindruckend fand ich, wie wenig sich die Waldis von der harten Realität des Filmemachens haben abschrecken lassen. Denn einen Film zu produzieren, das sieht erst einmal sehr einfach aus, ist aber nicht nur anstrengend, sondern streckenweise unglaublich monoton und frustrierend. Und auch wenn das bestimmt kein motivierender Einstieg für einen Leser ist, will ich in diesem Artikel die Entstehung des Schulvideos als Beispiel für die Arbeit einer Schulfilmgruppe skizzieren.

Zunächst einmal kann man nicht einfach mit der Kamera los rennen und Zeug filmen, solange man nicht ein ausgesprochenes Naturtalent ist und eine Horde williger Mitläufer im Schlepptau hat. Zuerst müssen die rechtlichen Grundlagen gelernt werden. Die Schüler haben in dem Projekt beispielsweise an alle Schüler Briefe für die Eltern verteilen müssen, in denen um eine Drehgenehmigung gebeten wurde, ohne die das Kind sonst nicht im Video erscheinen kann. Bis zur Fertigstellung des Videos lagen schon viele, jedoch bei Weitem nicht alle Briefe unterschrieben vor. Bis heute fehlen immer noch zahlreiche Rückmeldungen. Und Musik ist da auch ein sehr heikles Thema. Letztlich entschieden sich die Schüler, für das Projekt die Musik ganz selbst zu komponieren. Man weiß ja nie, was so ein Anwalt in einen verdächtigen Akkord interpretieren kann.

In der Planungsphase muss sich das Team über die Inhalte des Films einigen. Es fängt schon bei einer grundlegenden Diskussion an. Die Vorgabe ist zum Beispiel, ein Video über die Schule zu machen, aber was soll gezeigt werden? Was macht unsere Schule aus? Wie wollen wir das überhaupt darstellen? Soll es ein witziger Film werden? Eine sachliche Dokumentation vielleicht? Ein Stummfilm? Sollen wir auch kritische Punkte einbringen, oder lieber ganz kräftig der Schule den Bauch pinseln?

Die Überlebenden dieser ersten Phase müssen sich dann einig werden, wer welche Rolle übernimmt. Die erste wichtige Gruppe sind die Scripter, also die Schüler, die ein so genanntes Storyboard erstellen, auf dem wie in einem Cartoon verschiedene Szenarien aufgemalt sind. Daneben steht dann eine Liste mit Filmdetails. Kamerawinkel, Entfernung, Bewegung, Sprechspur, also was von wem wie wann gesagt werden soll, Effekte, Musik und so weiter. Das Schwierigste daran ist, dass am Ende alles stimmig sein muss und dass der Inhalt mit den Vereinbarungen der Gruppe übereinstimmt.

Mit dem Script können sich dann auch die Kameraleute in Bewegung setzen. Das klingt nach Spaß, aber wer etwa dreißig Mal ein Schulgebäude aus verschiedenen Winkeln mit einer Vielzahl von Distanzeinstellungen gefilmt hat, oder wer auf einen Schulausflug mitfährt und den ganzen Tag filmt, um am Ende Material für zehn Sekunden des Filmes zusammen zu bekommen, das vielleicht sogar dem letzten Schnitt zum Opfer fällt, der wird sicherlich anders denken. Manchmal muss man nur einen Knopf drücken und eine knappe Stunde warten, bis alles im Kasten ist. Manchmal muss man flexibel sein, ständig schwenken, zoomen und verfolgen. Dazu kommen Kleinigkeiten, wie das Erlernen einer ruhigen Kameraführung oder das Erlernen des Schreitens, um die Kamera ruhig und auf einer Höhe zu halten. Kameramann - ein Job zwischen Hektik und tödlicher Langeweile.

Ein sehr beliebter Ausdruck war im Projekt das Choreographieren. Wie auch im Profijournalismus ist es manchmal notwendig, so zu tun, als ob. Ich erzählte von einer Situation, in der ein Reporter für eine lokale Zeitung damals in Kamen zu einem Gesellschaftsspiele-Abend kam, die anwesenden Leute anleitete („Du nimmst jetzt mal die Spielfigur, du guckst grimmig, und du, nimm mal die Karten in die Hand.") sein Foto machte und verschwand. Der anschließende Artikel hatte dann irgendwie etwas mit dem Event zu tun. Einige Schüler zeigten sich moralisch entrüstet, akzeptierten aber dann, dass man manchmal eine authentische Situation vortäuschen kann, wenn es zu umständlich und zeitaufwendig wäre, die echte Situation so zu filmen, wie sie später im Film vorkommen soll. Der Ausdruck „Das choreographieren wir dann", kam danach aber öfter auf.

Während die Kamera unterwegs ist, werden auch die Tonleute tätig, die mit den gegebenen Mitteln die Monologe einsprechen, die später im Video verarbeitet werden. Auch diese müssen mehrfach wiederholt werden, insbesondere wenn das Gesprochene zu lang oder zu kurz ist und mit dem gezeigten Video nicht vereinbar ist. Ein unpassendes Hintergrundgeräusch, ein Versprecher oder eine körperliche Regung an der falschen Stelle, und schon kann ein ganzes Tonsegment von Vorne beginnen. Auch die Interviewgruppe muss kräftig arbeiten. Sie muss Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Interviewpartnern zeigen, Termine absprechen und gezielt Fragen stellen, die hilf-reiche Informationen liefern. Interviewtechniken zu lernen und einzustudieren ist für diesen Part unerlässlich.

Zuletzt ist da dann noch der Schnitt. Mit einem speziellen Programm wird das Filmmaterial mit den Monologen, den Effekten, der Musik und allem, was sonst noch anfällt, zusammengeschnitten, bearbeitet, verworfen und neu aufgelegt werden. Und immer gilt es, den Frust zu verarbeiten, der aufkommt, wenn schon wieder alles nicht passt oder eine entscheidende Einstellung fehlt, so dass das entsprechende Team noch einmal ausrücken muss, um die Lücken zu schließen.

Letztlich ist der Film dann aber fertig, und alle frohlocken. Leider noch nicht. Denn jetzt schlägt der bürokratische Moloch zu. Das ist ein riesiges muffiges Ungetüm, das Unmengen an Papier futtert, gerne auf Paragraphen reitet und ganz besonders gut darin ist, mahnend den Finger zu heben. Das Vieh jage ich schon seit einem Jahr. Hoffen wir das Beste.

Im kommenden Schuljahr werde ich noch einmal versuchen, eine Filmgruppe zu gründen, muss aber dann besser darüber informieren, dass diese Tätigkeit neben Kreativität vor allem Durchhaltevermögen, Flexibilität und viel Zeit benötigt. Über diese Tätigkeit können sich Schülerinnen und Schüler immerhin eine wichtige Fähigkeit aneig-nen, die ihnen dann auch bescheinigt werden kann. Und bei Einstellungsgesprächen macht das durchaus was her - habe ich irgendwo mal gehört.

Wolfgang Rupsch

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